http://blogs.taz.de/wienblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/alysa-bajenaru-172286_Fallback.jpg.png

vonWolfgang Koch 05.02.2007

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Wien ist ein Schmerztiegel der Nationalitäten, und das ist gut so. Der serbische Schriftsteller Stanislav Vinaver unterstellt dem Wiener die Kunst, sich rasch unterzuordnen, anzupassen, sich schnell zurechtzufinden. Wien, so Vinaver, habe aus der Fähigkeit zur Toleranz eine besondere »Psychologie«, hervorgebracht, eine Diagnostik, die auf geschärften Sinnen beruht.

Dass der Wiener prädestiniert sei zur Psychologie, wird seit hundert Jahren behauptet. Vermutlich trifft hier der Kabarettist Alfred Dorfer den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: Der Herr Karl, dieser Günstling der Verhältnisse, stehe wie keine andere Gestalt für die Verwechslung von Konsens und Paralyse.

Ich verstehe das so: Was von aussen als besonderes Seinsverständnis, als standortgebundene Überlebensfähigkeit des Wieners erscheint, ist von innen ein schwerer, kaum wieder gut zu machender Akt der Regression.

Dass es dem Wiener mit seinesgleichen an Einigkeit fehlt, dass seine Tagesverfassung ständig zwischen Geborgenheit und Ungeborgenheit, zwischen Nähe und Ferne, Vertrauen und Misstrauen herumschlingert wie ein ankerloses Boot im Sturm – das wäre ja noch hinzunehmen. Bindung und Aufbruch liegen nun einmal nahe beieinander, bilden eine komplexe dynamische Einheit.

Schlimm wäre ein Vertauschen von Übereinstimmungslust mit Ohnmacht, speziell im Verhältnis der Bundeshauptstadt gegenüber ihren Provinzen, den Bundesländern.

Die Frage lautet also: »Entspricht die Verwechslung von Konsens und Paralyse beim Wiener im Speziellen der übertriebene Kompromissorientierung des Österreichers im allgemeinen?«

Die Antwort ist: Ja. – Doch anders als Friedrich Heer, der diese Eigenschaft als eine besondere charakterliche Stärke des Österreichischen ausgab, sage ich: Der Zwei- und Vieldeutigkeit unseres Menschenschlages liegt ein tiefes Unvermögen im kommunikativen Verhalten zugrunde.

Das ist eine These, durch kein Beispiel und keine Umfrage zu beweisen. Hätte es denn überhaupt einen Sinn, eine solche Behauptung beweisen zu wollen? – Nein! Denn der Streit um die Psychologie der Leute ist einer um des Kaisers Bart.

Im Nicht-Auffallen-Wollen des einen zeigt sich plötzlich ein elegantes Nach-allen-Seiten-offen-Bleiben, oder umgekehrt. Im Duckmäusertum verbirgt sich vieleicht ein renitenter Kern der Persönlichkeit, dessen Schweigen ein hartnäckiger Protest ist gegen eine Sprache, die er nicht versteht.

Viele Elemente des Seelischen sind zweideutig und ständig in Bewegung. Mal entpuppt sich die Raunzerstadt als kluges Filialprojekt einer grösseren Operettenrepublik; im nächsten Moment prosten schenkelklopfenden »Mir-san-Mir«-Burschen auf die »Brauch-ma-ned«-Demokratie…

Fazit: Auf dem schmalen Grad des essenzialistischen Denkens, auf der Ebene eines behaupteten So-und-nicht-anders-Seins, bei der Zuschreibungen von bestimmten seelischen Eigenschaften an ein immergültiges Wesen des Wieners, haben wir nichts zu gewinnen.

© Wolfgang Koch 2007
next: DO

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2007/02/05/das-maerchen-vom-wiener-charakter/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.