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vonWolfgang Koch 15.02.2007

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Die Stadt mit ihren heute rund 51.000 Einwohnern wurde im 12. Jahrhundert gegründet. Sie liegt nördlich von Toulouse, auf halbem Weg zwischen Mittelmeer und Atlantik.

Montauban war im Zweiten Weltkrieg ein französischer Hauptzufluchtsort für verfolgte Ausländer, besonders für politische Gegner des NS-Regimes aus dem ehemaligen Österreich. Eine vergleichbare Ansammlung von Flüchtlingen aus einem einzigen Land hat es sonst nirgend im Vichy-Frankreich gegeben.

Warum Montauban? Warum gerade diese historische Festung der Huggenotten? – Weil viele ihrer Einwohner 1940 immer noch Okzitanisch sprachen, die alte Sprache der Troubadoure? Weil dieser Landstrich schon seit Generationen im Kampf gegen den Zentralstaat lag?

Flohen die Menschen nach Montauban, weil der örtliche katholische Bischof Klöster und Konvente öffentlich ermutige, jüdische Kinder und Erwachsene zu verstecken? Oder taten sie es, weil dieser Fleck seit jeher Unterdrückern widerstand und das Gewähren von Asyl zum kollektiven Gedächtnis der Stadt gehörte?

All diese Punkte mögen bei der Wahl dieses Zufluchtsortes eine Rolle gespielt haben. Das Hauptmotiv aber lag bei den Aktivitäten der AVÖS – der Auslandsvertretung Österreichischer Sozialisten.

Diese Organsiation brachte mit tatkräftiger Hilfe des ehemaligen französischen Premierministers Léon BLUM fast zweihundert österreichische SozialistInnen und ihre Familien in der Stadt unter. Die Emigranten verliessen dann ab dem Frühherbst 1940 mit Hilfe der aus New York organisierten Not-Visas Schritt für Schritt Frankreich in Richtung USA.

Unter den Österreichern, die hier das rettende Floss in dem Meer von Gewalt zimmerten, gab es klingende Namen: den militärische Kopf der Wiener Revolution von 1918, Julius DEUTSCH; den Stürghk-Attentäter und Sohn des grossen sozialdemokratischen Vorsitzenden, Friedrich ADLER. Josef BUTTINGER hat sich in Montauban für gefährdete Genossen eingesetzt, und Willi SPEISER ist mit seiner Frau Trude sogar den Rest des Lebens unter den Okzitanen geblieben.

Dass das Emigrantenschicksal auch hier keine Spaziergang war, versteht sich von selbst. Bei vielen Betroffenen traten Verwirrtheit und klinische Depressionen auf. Etliche Frankreich-Flüchtlinge, darunter bekannte Exilanten wie Walter BENJAMIN, nahmen sich das Leben.

Verblüffend ist, wieviel von ihre Existenz die Fluchtlinge mit auf die Reise nahmen. Viele Regeln aus dem linken Herkunftsmilieu fanden im Exil weiterhin Anwendung. So war es in der Kultur des Roten Wiens vollkommen üblich gewesen, dass Kinder Erwachsene, sofern sie Genossen waren, dutzten und beim Vornamen nannten. Ebenso gehörte es zum guten Ton unter den politisch engagierten Linken der Dreissiger, die religiösen Bekenntnisse, in die man hineingeboren war, aufzugeben und sich als »konfessionslos« zu erklären. – Heutezutage unter Grünen, Sozialdemokraten und Reformkommunisten nur schwer unvorstellbare Dinge!

Zum Abschluss die Frage: Wie dankt nun das heutige Wien den Menschen in Frankreich dafür, dass ihre Vorfahren im Weltkrieg so viele sozialistische Emigranten aufgenommen haben?

Wien unterhält sechs Städtepartnerschaften: Zagreb, Tel Aviv, Belgrad, Warschau, Moskau und Budapest. Die einzelnen Wiener Bezirke unterhalten darüber hinaus 16 weitere Partnerschaften mit Tokyo, Gifu, Hyōgo, Ōsaka, Timişoara, Chongqing, Tianjin, Shanghai, Peking.

Nein, Sie haben richtig gelesen, das tapfere Montauban ist nicht darunter.

© Wolfgang Koch 2007
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