Ist der Tod ein Wiener?

Eine Frage, die alle Jahre wieder am Horizont erscheint. Ich habe ein paar Tage seit dem Allerheiligenfest verstreichen lassen, damit die Antwort für Wien-Kitschisten nicht zu hart ausfällt. Denn meine Antwort wird sie zwangsläufig enttäuschen.

Nein, der Tod ist kein Wiener! Möglicherweise war er überhaupt nie ein solcher. Die Stadt an der Donau und ihre Bewohner haben zu den letzten Dingen keine innigere Beziehung als etwa die Leute in Kuala Lumpur oder auf der Insel Sylt.

Wien lebt bestens von Ruf, eine totenfreundliche Metropole zu sein, ein historisches Nekropolis, ein Kultort der angewandten Thanatologie. Aber die modernen Freitodhelfer von Dignitas haben ihr Headquarter in Zürich und eben nicht in Wien aufgeschlagen. Die liberalste Gesetzgebung in Sachen Sterbehilfe steht in Holland in Kraft. Kein Wiener Hospizzentrum verfügt auch nur über ein Einzelzimmer für die Sterbenden. Und sogar Ostösterreichs einzige Prosektur, sie hat ihren Sitz im 9. Wiener Gemeindebezirk, ist derzeit wegen Geldmangels akut vom Zusperren bedroht.

Nein, sage ich, es ist vermessen zu behaupten, dass es in Wien einen sensibleren Umgang mit dem Tod gäbe als anderswo auf der Welt. Nein, sage ich, alles schwarze Romantik und süssliche Nostalgie, seifiges Feuilleton-Geschwätz, was da durch die Köpfe spukt.

»Das war doch nicht immer so«, werfen Sie mir entgegen. »Wien hat doch diese Kapuzinergruft mit den toten Kaisern, und dann die schaurig schönen Wienerlieder…«

Ja, stimmt! Aber die Habsburger sind mausetot, Kaiser und Erzherzöge liegen in einem Art Museum zur letzten Ruhe aufgebahrt und durch diese videoüberwachte Kaisergruft trampeln täglich die demokratischen Massen und nehmen so furchtbar Rache für die jahrhundertelange Tyrannei des blauen Blutes.

Und die Wienerlieder? – Ach ja, Wien und der Wein, die Weinseligkeit! Wer bitte singt denn heute noch Lieder? Wo sitzt man noch in feucht-fröhlichen Runden zur Lifemusik beim Heurigen? Ich kenne gezählte zwei Lokale in der Stadt, in denen die Volksmusiktradition noch hochhalten wird. Wenn pro Abend in Wien vielleicht ein schauriges Moritat vom Klapperl erklingt, dann ist das schon viel.

Wien, du geniest völlig zu Unrecht den Ruf einer morbiden Stadt! Du bist bloss das billige Opfer des Vienna Tourist Boards.

Zwischen Simmering und Nussdorf ragen keine Gebeine aus der Erde, am Ring tanzt der Tod keinen Reigen. Was den berühmten Totenkult des Abendlandes angeht, das ja irgendwie als Ganzes einer ist, finden sich am Museumsfriedhof in Kramsach/Tirol, im slowenischen Hrastovlje, im tschechischen Kutná Hora und im Kärntnerischen Metznitztal viel eindrucksvollere Zeugnisse als in Wien.

Sicher, es gibt ungeborgene Schätze der lokalen Sepulkralkultur, kleine Bravourarien wie den Rosenkranz-Zehner aus dem Besitz der Königin Anna – doch diese Wiener Schätze bleiben in ihrer Bedeutung hinter den barocken Mysterien anderen Orte und Gegenden in Mitteleuropa weit zurück.

Natürlich hatten die Menschen im Mittelalter auch hier ein stärkeres Verhältnis zum Tod als heute. Die Lebenserwartung war sehr niedrig, Krankheiten, Seuchen und Katastrophen sorgten dafür, dass auch jüngere Menschen immer das Ende vor Augen hatten. Die Pestsäulen, die Legende vom Lieben Augustin – sie künden noch von den einstigen Gefahren.

Aber das barocke Endzeitbewusstsein gehört der Vergangenheit an. Es bedeutet nichts für die Gegenwart. Vom wichtigsten Beitrag Wiens zum christlichen Totenkult wissen wir nicht einmal, ob er überhaupt je existiert hat. Ich meine die Malereien in der Totenkapelle zur Loreto der Wiener Hofkirche.

Möglicherweise handelt es sich bei diesem Bilder-Zyklus vom Anfang des 18. Jahrhunderts um einen simplen PR-Gag jenes Mannes, nach dessen Entwürfen der berühmte Todten-Spiegel entstanden sein soll: dem Hofprediger Abraham a Sancta Clara. Der Mann schreckte auch sonst vor keiner Flunkerei zurück.

Für Kunsthistoriker bestehen jedenfalls erhebliche Zweifel, ob die Bilder in der Loreto-Kapelle je real waren. Zeitgenössische Werke, Quellen und Reisebeschreibungen wissen nichts darüber zu berichten.

Dass zumindest der Wiener Zentralfriedhof einiges zu bieten hat, dass der gerade Zentralfriedhof auch ohne Superlativ dem Ruf als herausragende Gedächtnisstätte gerecht wird, will ich in den folgenden Beiträgen zeigen.

© Wolfgang Koch 2007
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