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vonWolfgang Koch 13.04.2008

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Seit zwei Wochen fungiert nun der »Salon der Freiheit« in der Lenaugasse im 8. Bezirk als der neueste Freizeitclub Wiens. Das Lokal wurde im Haus des Kabarett Niedermair eröffnet, das Nadja NIEDERMAIR vor 25 Jahren ins Leben gerufen hat, und es soll in Zuklunft die schärfste Unterhaltung für 200 zahlende Mitglieder bieten.

N.N. nennt ihren Salon bewusst anrüchig »Etablisment«, sie lässt sich mit »Gastgeberin, Königin, Mutter, Majorin« anreden. Die Website des Salons zitiert die einschlägige Ästhetik von Schwingerclubs, Doch in Wahrheit ist das Ganze natürlich ein höchst elitäres Trink-Unternehmen, mit dem die Schickeria nach Frischblut im künstlerischen Lumpenproletariat sucht.

Für die hochtrabenden philosophischen Ansprüche (Freude, Zuflucht, Überschreitung) bürgt Günter RUPP, den Niedermaier zur Pflege des Gedankens engagiert hat. Der ehemalige Wirt des Santo Spirito, einem legendären Szene-Lokal der Achtziger, spricht druckreif im Jargon der Frankfurter Schule.

Das hier wiedergegebene Manifest ist gewissermassen den verquertesten Text aus der aktuellen Produktion von Wiener Intellektuellen. Ob der ursprünglich als Raucherzimmer geplante Salon der Freiheit seine emphatischen Versprechen wahrmachen kann, wird sich hoffentlich bald zeigen.

© Wolfgang Koch 2008
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AN ALLE OFFENEN HERZENS – MANIFEST

Präambel.
Aufsteigt die liebliche Morgenröte, den SALON DER FREIHEIT zu erleuchten, im verkündenden Strahlen seiner Majorin. Wer Ohren hat, der höre. WER ABER NICHT HÖREN KANN, was die Borniertheit des Immergleichen überfordert, der VERSTOPFE SEINE OHREN und lasse sich geraten sein, ebenfalls die Augen zu verschließen, auf daß der Götterfunke dieser Botschaft sein Hasenfell nicht versenge und seine Kurzsicht nicht vollends verblende. Wohlan zu UNSERER FREUDE!

Die Äußerlichkeit des Vereines.

Naturgemäß stellt der VEREIN als Rechtsförmlichkeit eine Banalität dar, welche der Rede nicht wert wäre, eine Nebensache wie ein Passepartout, welches bloß den Rahmen für die Hauptsache abgeben soll, mithin freilich bezweckt, die Wirkung des Gerahmten zu steigern, würde nicht ebenso der Verein in der theoretischen und praktischen Unterstützung von Gastfreundschaft seinen entwickelteren Sinn und Zweck haben. Daß GASTFREUNDLICHE BESINNUNG (THEORIE) die gegenseitige emphatische Anerkennung von Wirt und Gast zum Resultat hat, darf, wenngleich nicht letzte Neuigkeit, in Erinnerung gebracht werden. Daraus folgt ohne weiteres der Ausschluß gegenseitiger Ausbeutung und Übervorteilung. Solche Heiligkeit der Gastfreundschaft muß nicht beschädigen, wenn Arbeitsteiligkeit die Rollen fix vergibt (PRAXIS), indem der eine der Gastfreunde die Sorge um den anderen als Beruf, vielmehr als Berufung betreibt, was allerlei Aufwand und Bindung bedeutet, während der, der kommt und geht, seine Sorge darin hat, sich für die empfangene Zärtlichkeit dankbar zu erweisen sowie die Kosten der erhaltenen Zuwendung willig zu ersetzen.

Doch lassen wir uns von diesen Selbstverständlichkeiten, insoferne sie in der Tat als solche gelten, nicht abhalten, ins Innere unserer aparten Angelegenheit vorzustoßen. Gräulich ja beginnt auch das Schauspiel, um sich ins Gelbliche, dann rosa bis rötlich zu verfärben, ehe hinterm Horizent die Morgensonne sich allmählich erhebt und ihr wachsendes Gleißen am bläuenden Himmel verströmt.

Innere Verfassung des SALONS DER FREIHEIT.
Jeder kennt die unsägliche Ansage, daß der Gast der König sei. Die Dummdreistigkeit dieser Unwahrheit wird übertroffen nur von der Beschränktheit derer, die daran glauben. Darunter mag es sogar die einen oder anderen geben, die Lokale besitzen oder sich dort zu schaffen machen, wenn sie der Kitsch vom Berufsbild fürs erste zu Untertänigkeit überredet hat, aber auch die finden sich gleich wieder als unumschränkte Könige ihres kommerziellen Interesses und gleichzeitig den Kunden als Melkkuh. Derartige Täuschungen oder Selbsttäuschungen wird der SALON DER FREIHEIT seinen löblichen Mitgliedern ersparen. Die Majorin nimmt die Bürde auf sich, unverhohlen als KÖNIGIN DES ETABLISSEMENTS zu fungieren, freilich um die Freude, die sie durch ihre Stellung zu gewinnen hofft, unverzüglich wieder auf die Gästeschar zu verteilen. Wie der Abt oder die Äbtissin ihre Brüdern und Schwestern leitet zur Erbauung aller. GLÜCKSGENERATOREN. Solchermaßen beherzt stellt die Majorin dem Club ihre Räumlichkeiten zur Verfügung, deren rein private Nutzung sie sich genauso leisten könnte, sodaß bei der Widmung nicht eigentlich von einer Investition gesprochen werden kann. Noch tiefer in den GRUND VON FREUDE reicht die Entschlossenheit der Majorin, den Club zum gelegentlichen Ort der Promotion künstlerischer oder sonst geistreicher Aktivitäten zu bestimmen, zum unverrechnet bleibenden Entzücken der Gästeschaft. Gar nicht um sich oder dem Unternehmen ein kulturelles Alibi zu sichern, wie das oft befremdet. Ein gediegenes Selbstbewußtsein eigenständiger Attraktivität dürfen wir jedenfalls voraussetzen. Über weitere Vergünstigungen wird an anderer Stelle die Rede sein.

Exkurs zur Freiheit.

Die Entscheidung, den Club zu taufen, wie er nun heißt, hat einige Diskussionen verursacht. Sind wir nicht frei? Frei sind wir nicht? Wir sind doch frei? Wir sind so frei, uns dazu in der gebotenen Knappheit zu äußern. Das geht nicht ohne Philosophie. Einsicht in die Wahrheit der Notwendigkeit, lautet der Hegelsche Begriff von Freiheit. Um gleich beim Anspruch absoluter Erkenntnis einzuhaken. Scheint die Formel prekär schon zuzeiten der Entstehung, vor dem Hintergrund des preußischen Staates, wo sie ihren Einstand hatte, so fordert sie heute, angesichts HIMMELSCHREIENDER UNWAHRHEIT DES GEMEINHIN FÜR NOTWENDIG ERACHTETEN, vollends zum Widerspruch heraus. Läßt der Begriff des absoluten Idealismus sich verstehen allerdings als Kompensation des horror vacui, des Schreckens über die von der Aufklärung ZERSTÖRTEN ORDNUNG, welche das philosophische System wiederherstellen wollte, so gibt die ÖDE ARROGANZ DER BESTEHENDEN einzig Anlaß zu Abscheu. Wie tiefsinnig Reflexion sich erfaßt haben mag und ihrer Überzeugung nach damit das Ganze der Welt, hat jedenfalls diese an solche Rationalität nicht sich gehalten. Was im Kopfe GANZ war, ist in seine vom Heiligen Geist verlassenen PARTIKEL zerborsten. Aus den Trümmern hat die RATIONALITÄT DER IRRATIONALITÄT jene Fassade errichtet, die NOCH sich behauptendes Denken VERBLENDUNGSZUSAMMENHANG nennt, der alles und jedes sich gleichzumachen, einzuverleiben organisiert. Demgemäß spottet die Behauptung substanzieller Notwendigkeit des Faktischen aller WAHRHEIT, und FREIHEIT kann sich antizipieren nur als EINSICHT IN DIE OBHERRSCHENDE UNNOTWENDIGKEIT. Der Club bietet ZUFLUCHT vor den Nachstellungen anmaßender Willkür. HOSPIZ aller durchs verunglückte Allgemeine Gekränkten. Womit die Sonne aufgegangen wäre!
Divertimento.

Bei aller Ernsthaftigkeit soeben gehaltener dialektischer Anbetung der göttlichen Freiheit, können wir uns schwerlich bei solchen Exerzitien halten, locken die FREUDEN, womit sich zu erfüllen Freiheit erst wäre. Con allegria folgen wir der Sonne, durch die uns das Licht aufgegangen ist, auf irdischer Bahn nach Westen und gelangen ins niederösterreichische Weinland. Dort hat die Majorin ein Anwesen ausgemittelt, das dem Club als Sommerfrische dienen könnte. Hängt das Projekt auch noch von einigen Unwägbarkeiten ab, so kann seine Erwägung doch genommen werden als Exempel, in welchen Überschreitungen des Üblichen sich die Konzeptionen rund um den SALON DER FREIHEIT bewegen. O wie sich da gleich die Lebensgeister regen, wenn WEIN, ÜBERSCHREITUNG, VERGNÜGEN etc. zur Sprache kommen! Da will sie nicht länger weitertheoretisieren. Wenn der Mensch, was immer das ist, vom Tier sich unterscheidet durch das Denken, so darf er doch keineswegs verachten, was er an Animalischen bewahrt, den Stoff, den er zu eigenartigsten LÜSTEN zu raffinieren vermag. Apropos: In den wohltemperierten Kellern des Hauses, wo der Club seinen Sitz hat, wird für Depots gesorgt, in welchen Mitglieder gegen vernünftige Gebühr ihren eigenen Wein lagern können, um diesen nach Belieben im ersten Stock zu vertrinken…

Wie gesagt, niemand soll der Phantasie Grenzen setzen, doch braucht sie nicht immer Wort zu haben, darf sich auch jenseits davon ins Werk setzen. Es scheint, als wollte sich das Sagen verabschieden, mit einem schon angeheiterten Sprücherl:

Die Majorin im Rausch
Hat mir geboten zum Tausch
Für einen guten Gedanken
Zierlich im Kreise zu wanken
Ich sagte Majorin ein Kreis
Ein Kreis macht keinesfalls heiß
Und SIE Wenn Du gar nichts verstehst
Lieber nach Hause gleich gehst

Schluß.
Wir sind auf den Knittelvers gekommen. Wie jeder Götterfunke einmal verglüht, ist die Sonne untergegangen, ihren rotleuchtenden Himmelsschleier langsam hinter sich herziehend. Empfangen habt Ihr die Botschaft, und mit Unruhe überlassen wir Euch der Finsternis, bis der Tag anbricht, an welchem der SALON DER FREIHEIT Euch in die Arme seiner Eröffnung schließt.
CUM GRANO SALIS, auf Englisch, TAKE IT EASY.

Postskriptum.
Mein Gott, beinahe hätten wir es vergessen. Die Majorin raucht. Es raucht ihr der Kopf, was Bestes verheißt, aber sie raucht auch Zigaretten. Demnach wird im SALON DER FREIHEIT geraucht werden dürfen, wenn dies, wie zu erwarten, vergleichbarenorts verboten sein wird. Solche Aussicht dürfte die Vereinsrechtlichkeit des Clubs schlagartig aufgeklärt haben. Sowie die Freiheitsthematik aufs neue aufgetischt. RAUCHEN SCHADET DER GESUNDHEIT, das weiß jeder, nicht erst seit es so oder anders auf jeder Zigarettenpackung geschrieben steht. Aber was ist Gesundheit? Die wenig aufschlußreiche Diskussion um die Ausdehnungsmöglichkeiten des Rauchverbotes verdeckt prinzipielle und komplexe Fragen, in der Tat etwas wie einen Kulturkampf. Fähigkeit zur Todesverachtung gegen reine Todesangst. Davon ist freilich nicht die Rede, so wenig wie von anderem Relevanten. Dafür sabotiert Rigidität gegen die Raucher noch den legitimen Anspruch der Nichtraucher auf Schutz, indem sie den zivilen Ausgleich der Interessen überholt. Freundschaft bleibt auf der Strecke. Die Sorge um die Passivraucher ist Vorwand, nirgend sonst beweist der zur Totalität sich zusammenschließende Warenfetischismus Zartheit gegenüber dem Kreatürlichen. Gesundheitsterror als verordnete Vernunft zielt auf die Vernichtung der sich gegen den Zwang erhaltenden, auf die Einübung unbedingten Gehorsams. Verinnerlichung von Funktionieren und Konsumieren hat das alte Dilemma zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip hinter sich gelassen. Prohibition soll jenen Körper garantieren, der keine Not mehr verspürt, schnell zur Zigarette zu greifen, weil er sich nur mehr in die Hose scheißt. Was noch viel ekelhafter stinkt als der böse Qualm und zu entsetzlichsten hygienischen Problemen führt. Aber auch die wird man wegsanieren, auf daß jeglicher Widerspruch kassiert ist, aus welchem allerdings alles wahrlich Lebendige hervorgeht. Prost! Solange wir noch trinken dürfen.

Verantwortlich für den Text: N. Niedermair
Redaktion: G.Rupp
Quelle: http://salonderfreiheit.at/content_1024768/index.htm

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