Archive for Mai, 2008

29.05.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (46)

von Wolfgang Koch

Das Dritte Reich ist ein auf den Kriegszweck ausgerichtes Monster. Anspruch und Wirklichkeit von Hitlers Politik stimmen nirgends überein. Das Leitbild des nationalsozialistischen Wohnens zum Beispiel ist die aufgelockerte Stadt, das Ideal das Einfamilienhaus der gleichgeschaltenen Volksgenossen. Der deutsche Faschismus lehnt die genossenschaftlich-demokratische Selbstverständnis ebenso kategorisch ab wie das Reihenhaus als Wohnform.

Letztlich aber sind alle Postulate vollkommen egal! Die angeblich wissenschaftlich fundierte Weltanschauung der Hakenkreuzler ist reines Brimborium. Die militärische Aggression allein diktiert die Notwendigkeit. So führt die Luftschutzplanung zu einer grotesken Entzerrung der Städte. Dass sich das mit dem NS-Leitbild des Wohnens trifft, ist purer Zufall.

Die Epoche hinterlässt also keine erneuerte Stadt, ja nicht einmal einen lesbarer Plan dazu. Die Bombardements der Allierten hinterlassen rauchende Trümmerhaufen. Was vom Lebenswerk Hitlers bleibt, ist hingegen ein bestimmmter Typus des Managers, ob Betriebsführer oder Werkleiter. Das moderne Management gehört – selbst in Gestalt des SS-Offfiziers – zum harten Charakteristikum dieser… weiter lesen

26.05.2008 von Wolfgang Koch
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Che Guevara vor dem Palast der Vereinten Nationen

von Wolfgang Koch

Was treibt unsere Literaturnobelpreisträgerin, wenn sie mal gerade nicht an einem Netzroman schreibt? Elfriede JELINEK sammelt mit anderen prominenten Österreichern Geld für ein Denkmal zu Ehren eines mörderischen Revolutionärs.

41 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod im Hochland Boliviens soll eine realistische Bronzebüste des argentinische Rebellen Ernesto »Che« GUERVARA DE LA SERNA den Wiener Donaupark verschönern.

Da das Werk der Bildhauerin Gerda FASSEL satte 28.000 Euro kostet, hat Jelinek mit dem SP-Pensionspolitiker Karl BLECHA, mit dem Literaturprofessor Wendelin SCHMIDT-DENGLER, u.a. ein Personenkomitee ins Leben gerufen, das die notwendige Summe bei einem Golfturnier unter dem augenzwinkernden Titel »Che-rity« hereinbringen will.

Golf? – Aber ja doch, denn ironisch gibt man sich in Österreichs am lieben. Ausserdem soll der Bilderbuchrevolutionär Che, dem sich im Kiino demnächst ein viereinhalbstündiges Epos von Steven SONDERBERGH widmen wird, in Echt ein begeisterter Golfspieler gewesen sein.

Der Mann ist bei der heutigen Jugend in grosser Munde; also da kann… weiter lesen

22.05.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (45)

von Wolfgang Koch

Von der Hellerwiese am Wienerberg aus werden die ersten NS-Gegner in Konzentrationslager verschickt. 42 von 43 Synagogen und Bethäuser, die 1938 bestehen, fallen den Novemberprogromen – unter tatkräftiger Mithilfe der Wiener Bevölkerung – zum Opfer. Radio Wien berichtet in Live-Reportagen.

Die Abrichtung der Meute ist ebenso Teil des Zwangswerkes wie die hochtrabenden Pläne der Ingenieure, Wien zum »Hamburg des Ostens« zu machen. Diese Formulierung stammt von 1919, der Traum ist wahrscheinlich noch älter, aber diesmal wörtlich gemeint. Bei Grossenzersdorf und von Schwechat bis Fischamed sollen zwei Häfen selbst hochseetüchtigen Dampfern das Einlaufen ermöglichen.

»Das Tor Deutschlands zum Osten an die Donau heranrücken! Industrien angesiedelt!« - in diesem Stil dringt das Gebell aus den Büros. Es folgen Unterdrückung und Diskriminierung der jüdischen »Gegenrasse«, Arisierungen, Ghettoisierung, Deportationszüge.

In rechtlicher wie städtebaulicher Hinsicht soll Gross-Wien die gleiche Stellung wie Hamburg geniessen. Nach Nordosten sollen sich Wohngegenden erstrecken, nach Westen der Schutz des… weiter lesen

15.05.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (44)

von Wolfgang Koch

Das Führerprinzip lebt auf. Adolf Hitler spricht am 15. März 1938 leibhaftig vor 200.000 Anhängern, einem Zehntel der städtischen Bevölkerung. Er bezeichnet Wien als eine »Perle des Reiches«, und verspricht, dass er diese Perle in jene kunstvolle Fassung bringen werde, die ihrer würdig sei.

Ist es nicht seltsam, dass Alfred Kubins Traumstadt in seinem Roman Die andere Seite ebenfalls »Perle« heisst? Ihre literarischen Kulissen stehen in Wien.

Die Realstadt Wien versinkt in den Alptraum einer zweiten Diktatur. Sie wird per Dekret »Reichgau«, erhält wieder einen Statthalter wie im Mittelalter und wird nach Berliner Vorschriften verwaltet. –»Deutsche Gemeindeordnung, jawoll, mein Führer!«

Dem Nationalsozialisten Hermann Neubacher gesteht Berlin die Amtsbezeichnung Bürgermeister nur äussert widerstrebend zu. Dieser Mitmacher führt Reden mit sophistischen Wendungen wie »diese Stadt ist mehr als die zweitgrösste Stadt Grossdeutschlands«, oder »Wien, diese unabsetzbare Königin der Donau…« – Die Formulierungen lassen auf übermässigen Alkoholkonsum oder auf beträchtliche Spannungen innerhalb der… weiter lesen

08.05.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (43)

von Wolfgang Koch

Ein Literaturvergleich. Der Schriftsteller George Orwell charakterisierte die englische Literatur der Jahre 1910 bis 1925 einmal so: Ihre Gedichte drehen sich um den Zauber versteckter Dörfer, sehnsüchtig beschwört man Ortsnamen herauf, die Natur wird zum Hauptgegenstand, viele Anthologien sind ein einziger ungeheurer Erguss von »Landschaftsgefühl« oder, Orwell wörtlich: »die Entleerung eines mit Ortsnamen vollgestopften Bauches«.

Was für eine erstaunliche Parallelaktion! Orwells Einschätzung der englischen Literatur lässt sich 1:1 auf die österreichischen Ergüsse der Dreissigerjahre übertragen. Wie erklärt sich der britische Schriftsteller die Vorliebe seiner schreibenden Landsleute für ein idealisiertes Bauerntum?

»Der Grund«, sagt er im Rückblick von 1940, »liegt zweifellos darin, dass der von seinen Zinsen lebende Teil der Besitzenden endgültig keine Beziehung mehr zu Scholle hatte; doch auf jeden Fall herrschte dort, viel mehr als jetzt, eine Art Snobismus vor, zum Land zu gehören und das städtische Leben zu verachten.«

Hier endet der nun Vergleich. Denn im… weiter lesen

01.05.2008 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (42)

von Wolfgang Koch

Um die politische Psychologie von 1933-38 besser zu verstehen, müssen wir die damalige Literatur schärfer ins Auge fassen. Ich meine nicht Roth, Rilke, Horváth oder Musil – Namen, die Bestand haben. Sondern die Schreiberlinge in der zweiten Reihe; die von der staatlichen Kulturpolitik geförderten Autoren zwischen barockem Katholizismus und Blut-und Boden-Romantik, die Literatur in den Fussstapfen eines Peter Rosseggers.

Guido Zernatto verleiht dem Zeitgeist als Politiker, genauer: als Generalssekretär der Vaterländischen Front Gestalt. Das ist die Gleichschaltungsagentur der Diktatur. Darüber hinaus wirkt Zernatto noch unmittelbar als Schriftsteller.

1934 erscheint Zernattos paradigmatischer Roman Die sinnlose Stadt. Der Titel ist auf Wien gemünzt, wo der Kärntner Autor seine neue Wirkungsstätte gefunden hat. In diesem Roman zieht ein junger Mann vom väterlichen Hof in die Grossstadt und erhascht einen Posten als Tramwayschaffner. Nun könnte alles gut werden, aber nein. Als der Mann den prächtigen Hirschen im städischen Tiergarten röhren hört, ist ihm, als… weiter lesen