WIENER FEUILLETON – 8. WOCHE 2009

In der Operball-Woche bietet das Wiener Feuilleton drei sehr gute Artikel, und zwar in jeder seiner konkurrierenden Ausgaben einen.

1. Platz: ALBUM der Tageszeitung »Der Standard«, Redaktion: Christoph Winder

Aus der Feder von Tobias MOORSTEDT stammt das Intelligenteste, was wir bisher über Spam-Mails gelesen haben. Unaufgeregt, theoriefest, visonär.

Michael FREUDs Beitrag über das soziale Netzwerke wie Facebook widmet sich bloss der alten Frage nach der Privacy.

Der Krisenkolumnist Christoph WINDER hat zu einer routinierten Form gefunden: er widmet sich diesmal dem TV-Wahnsinn in den Wartezimmern von Arztpraxen.

Auf der Architekturseite begeistert sich Ute WOLTRON für die stimmungsvolle Set-Wahl von Götz Spielmanns Kinofilm Revanche: Resopaltisch, Schablonenmalerei – lauter »Projektionsräume der österreichischen Seele«.

Rezensionen: Zwei Lincoln-Biographien; weiters Gedichte Ilse Webers aus Auschwitz (»Rira, rirarutsch/ wir fahren in der Leichenkutsch«). Und beim Kinderbuch wird nun tatsächlich das empfohlene Lebenalter genannt – Bravo! (Siehe Album, 7. Woche)

Schwach: Der Programmleiter der Alten Schmiede, Kurt NEUMANN, bewirbt eine Lesung von Volker BRAUN unter dem eigenen Dach. Was das besprochene Buch betrifft, greife man unbedingt zur haushoch überlegenen Rezension von Rudolf-Berhard ESSIG im Extra der Vorwoche.

In der Serie Mein Amerika (womit die Vereinigten Staaten gemeint sind) erfahren wir von Maria KANDOLF-KÜNHE, dass die reife Frau in Washington vereinzelt wieder behaarte Beine trägt. – Was will man mehr an einem kalten Wochenende!

2. Platz: SPECTRUM der Tageszeitung »Die Presse«, Redaktion: Karl Woisetschläger

Christoph RANSMAYR schildert seine erste Begegnung mit Wien, und er tut das in genau jenem, zwischen Essayistik und Prosaschönheit oszillierendem Stil, der die Einmaligkeit des Wiener Feuilletons ausmacht. Allerdings ist dieser humorvolle Text kein Orginalbeitrag für das Spectrum, sondern Ransmayrs Dankesrede zur Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien.

Wollen wir wirklich wissen, was eine Wiener Institution über eine anderere Wiener Institution zu sagen hat? Ob nun Wolfgang FELLNER über Niki LAUDA oder Franz SCHUH über Adolf HOLL: am Ende wird der eine vom anderen mit Sicherheit für seine unerschrockene Haltung geadelt. Franz Schuh benötigt zu diesen Zweck MONTAIGNE, BENJAMIN und ADORNO. und Franz Schuh erklärt uns so nebenher, dass die den aktuellen Kirchenwirbel auslösende Frage, ob Homosexuelle therapiert werden sollen, »etwa völlig Unwichtiges« sei. Im Getrommel für Holl geht wieder mal unter, dass es dieser Mann zeitlebens nicht geschafft hat zum Protestantismus überzutreten, weil er sich als pathischer Rom-Dissident vor einem psychisch ausgehungerten Mittelstandspublikum eitler in Szene setzen kann.

Was noch? Der Safaribericht der ORF-Redakteurin Gaby KONRAD, deren erster Löwe sich als Klomuschelvorleger entpuppt.

Eine viel zu ausufernde Besprechung des neuen Readers von Paul KRUGMANN.

Unerträglich: das Interviewgeschwätz des Kabarettisten Josef HADER. Kostprobe: »Jeder Mensch trägt das Unmenschliche in sich.«

Martin LEIDENFROST schwitzt in einer finnischen Sauna in Brüssel.

Der Nahost-Experte des Spectrums, Vladimir VERTLIEB, mirakelt, dass der Wahlerfolg des israelischen Populisten Avigdor LIEBERMANN auf die Sehnsucht russischer Juden nach einer utopischen Sowjetwelt zurückzuführen sein.

Was lesen wir noch? Dass die neue Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, Sabine HAAG, sich von der »funkelnder Intelligenz« Daniel KEHLMANNS angezogen fühlt (In der aktuellen Ausgabe der Gratis-Illlustrierten Wienlive sind es ihre Chanell-Perlen-Ohrringe).

Die Spieleseite bietet nicht etwa die millionste Geschichte über den berühmten Rubik-Würfel, sondern ganz konkrete Bauanleitungen für seine Logikrätsel.

Literatur: ein Verriss des Romans Die Frequenzen von Clemens J. SETZ.

Architektur: eine gekonnte Zusammenfassung des Denkmalschutz-Desasters in Bad Gastein. Autor Norbert RIEF nennt Wiener Bauspekulanten und unfähige Bamten mutig beim Namen.

Auf der letzten Seite ein herrlicher Hieb auf den Kärntner als Faschingsnarren.

3. Platz: EXTRA der »Wiener Zeitung«, Redaktion: Hermann Schlösser

Obwohl wir eigentlich beschlossen haben, von Charles DARWIN für dieses Jahr genug zu haben, überzeugt uns Johann VOLLMANN vom Gegenteil. Er geht der Beziehung des Jubilars zum Entdecker der Vererbungslehre nach und erklärt uns gekonnt, warum Darwin Gregor MENDEL dringend gebraucht hätte.

Vielleicht, denkt man, wären die Naturwissenschaft überhaupt das geeignete Feld, auf dem das Extra der geballten literarischen und politischen Kompetenz der Konkurrenten die Stirn bieten könnte? Nur leider fällt ein zweiter Beitrag zur Darwin vom Niveau her total ab; und eine Seite zu Galileo GALILEIS Fernrohrbeobachtungen funkelt wie der Russ im Ofenrohr.

Der Meinungsforscher und Vielschreiber Rudolf BRETTSCHNEIDER liefert zu einer belanglosen Umfrage betreffend das Verhältnis der ÖsterreicherInnen zu ihren osteuropäischen Nachbarn nichts als Platitüden, Belehrungen (man dürfe Atomkraftwerke nicht kritisieren, solange man Atomstrom importiere) und jene Art von abstrakter Geschichtsschreibe, in der die Vergangenheit an einem Salat von Metaphern erstickt.

Den schönste Satz der Woche entdecken wir in Franz ZAUNERs Kolumne über LAN-Spiele; er lautet: »Der Mensch geht um seiner geistigen Gesundheit willen seit jeher über Leichen«.

Der Universitätsdozent Arian FAAL stellt die spannende Frage, was eigentlich aus den iranischen Volksmujaheddin geworden ist, ohne sie befriedigend zu beantworten.

Tiefpunkt dieser Ausgabe schon wieder das Interview: diesmal mit dem sinistren Sozialdemokraten Ewald NOWOTNY, der der Oesterreichische Nationalbank vorsteht. Nicht einmal ein alter Haudegen des Wirtschaftsjournalismus weiss diesem Geldfunktionär mehr als blasiertes Gestotter zu entlocken. Nowotny »sieht« eine Renaissance der Hausbanken, »sieht« eine sinkende Nachfrage bei Privatkrediten, »sieht« eine Renaissance des Keynesianismus, »sieht« viele Hüte – sieht überhaupt eine Menge, und da vor allem seinen eigenen Dienstwagen.

Weiter Beiträge: solide Rezensionen; und in der Abschlussgalerie zwei zur »metaphysischen Seins-Schau« aufgeschminkte Kreidemalerein von Marina SEILLER-NEDKOFF.


© Wolfgang Koch 2009
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1 Kommentar

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  1. Ihr Kommentar zur Wiener Zeitung ist lächerlich,
    denn sowohl Arian Faal als auch Bretschneider sind wunderbare Autoren und sie so zu diffamieren ist nicht angebracht

    Dr. E.B.