24.04.2009 von Wolfgang Koch
Es gibt Bücher, die fehlen; dass sie uns gefehlt haben, so lange es sie nicht gab, merken wir erst, wenn sie einmal da sind. Genau so verhält es sich mit dem vorletzten Buch des östereichischen Schriftstellers Hanno Millesi. Ich weiss, man könnte bereits sein neuestes Werk besprechen (den Roman Mythenmacher), aber das Aktualitätsgebot des Buchhandels ist mir gleichgültig, wir wollen mit der Reich-Ranitzky-Industrie nichts zu tun haben.
Hanno Millesi ist ein in Wien lebender Autor der mittlereren Generation. Er stammt, wie der Dramatiker und Lyriker Peter Turrini, aus einer Kärntner Familie mit italienischen Wurzeln. Und er schreibt Bücher in Augenhöhe von deutschen Kollegen wie David Wagner und Jochen Schmidt – blitzgescheit und witzig, proustianisch verspielt und geheimnisvoll, sprachlich genau und randvoll mit gedankenschwerer Schlaflosigkeit.
Die genannten Schriftstellerkollegen sind natürlich kein Zufall. Auch David Wagner hat ja unlängst ein vielbeachtetes Buch zum Thema Kindsein vorgelegt – die Summa der sechsjährigen Beobachtungen… weiter lesen
18.04.2009 von Wolfgang Koch
Du bist Robert und du entstammst einer altösterreichischen Soldatenfamilie. Dein Vater ist so kaisertreu, dass er sich im fortgeschrittenen Alter von 52 Jahren noch freiwillig zum Kriegsdienst in der grossen Völkerschlacht meldet. Später, nach dem ersten Tanz über den europäischen Gräbern, schliesst sich der Alte der Heimwehrbewegung unter Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg an – ein zackiger Versuch Mussolinis Schwarzhemden in Österreich zu kopieren.
Du bist also erblich vorbelastet, Robert. Da ist es nur logisch, dass du die Militärunterrealschule besuchst. Ganz geheuer ist dir die Waffenwelt aber nicht. Du willst rasch Geld verdienen, unabhängig werden, schliesst zwei Jahre Gewerbeschule an, dann Matura und Bautechniker.
Nur, die Zwanzigerjahre, sie sind halt ein steinhartes Pflaster. Weltwirtschaftskrise, Inflation, Massenarbeitslosigkeit. Aus deinem schönen Traum von Freiheit und Unabhängigkeit wird nichts! Es gibt für Bautechniker keine adäquate Beschäftigung. Also trittst du doch noch in die Fussstapfen deiner Altvorderen, trittst ein ins Heer und in die Offiziersakademie.… weiter lesen
13.04.2009 von Wolfgang Koch
Im Burgenland ist der Korken kaum aus der Flasche zu bringen, in Salzburg renaturiert Natur zur Erbauung des Einzelnen und in Kärnten singt ein Chor: »Keine Steine, Verlassen, verlassen, verlassen«. – Seit der von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung »Austria im Rosennetz« hat es keinen spannenden Versuch mehr gegeben, jener Ideologie auf die Spur zu kommen, die der Österreicher als Staatsbürger und Mensch verkörpert. Im Epiker Christian Zillner hat Szeemanns mehr oder weniger pataphysisches Herangehen an die Kollektivlegende der Nation nun endlich einen würdigen Nachfolger gefunden.
Szeemann hat 1996 ein Biographarium der verkannten Künstler, der Käutze und der Vergessenen entwickelt – er präsentierte die österreichiche Geistes- und Kulturgeschichte in der Vorzeigepose des Aussenseitertums. Zillner versucht die Österreich-Ideologie nicht nur mit Menschen und ihren Geschichten zu legen. In seinem Epos sind es vielmehr die Worte, die Bewegungen und die Gesten der Protagonisten, die die Ideologie verkörpern. Der Schauer des nationalen Pathos wird… weiter lesen
04.04.2009 von Wolfgang Koch
Müssen denn Büchern aus der Provinz immer schon von weitem als solche erkennbar sein? Die Verzopftheit dieses sorglos redigierten Bändchens fängt schon bei der Umschlaggestaltung an: Titel und Gattungsbezeichnung in gleicher Schriftgrösse und in verkehrter Reihenfolge, und das alles dann auch noch zweisprachig Slowenisch-Deutsch. Würde uns da nicht ein geheimnisvolles Schwarzweiss-Foto ins Innere locken – es zeigt den glatzköpfigen Aktionskünstler Viktor Rogy auf den Stufen des Wiener Donner-Brunnens vor einem Knaben sitzend –, man hätte das schmale Bändchen nicht einmal aufgeschlagen.
Was wir in den Händen halten, ist die mittlerweile 8. Ausgabe des Literatur-Periodikums NOVINE aus der Edition Rapial edicija, erschienen in Klagenfurt am Wörtersee. Die deutsche Mehrheit in Kärnten-Koroška weigert sich bekanntlich, ein paar hundert topografischen Aufschriften zweisprachig zu gestalten – um so heftiger lehnen sich die dortigen Kulturschaffenden auf der Gegenseite über die Bordwand des Wörterseeschiffchens, und so übertreiben sie den kulturellen Austausch zwischen den Volksgruppen mitunter bis… weiter lesen