vonWolfgang Koch 18.04.2009

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Du bist Robert und du entstammst einer altösterreichischen Soldatenfamilie. Dein Vater ist so kaisertreu, dass er sich im fortgeschrittenen Alter von 52 Jahren noch freiwillig zum Kriegsdienst in der grossen Völkerschlacht meldet. Später, nach dem ersten Tanz über den europäischen Gräbern, schliesst sich der Alte der Heimwehrbewegung unter Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg an – ein zackiger Versuch Mussolinis Schwarzhemden in Österreich zu kopieren.

Du bist also erblich vorbelastet, Robert. Da ist es nur logisch, dass du die Militärunterrealschule besuchst. Ganz geheuer ist dir die Waffenwelt aber nicht. Du willst rasch Geld verdienen, unabhängig werden, schliesst zwei Jahre Gewerbeschule an, dann Matura und Bautechniker.

Nur, die Zwanzigerjahre, sie sind halt ein steinhartes Pflaster. Weltwirtschaftskrise, Inflation, Massenarbeitslosigkeit. Aus deinem schönen Traum von Freiheit und Unabhängigkeit wird nichts! Es gibt für Bautechniker keine adäquate Beschäftigung. Also trittst du doch noch in die Fussstapfen deiner Altvorderen, trittst ein ins Heer und in die Offiziersakademie. Vielleicht wird ja auf diese Weise was aus dir.

Deine grösste Freude ist dein Körper, der Sport, das Reiten. Du geniesst das Privileg deiner Jugend. Einmal hechtest du mit Anlauf über fünf Pferderücken auf einmal in die erhobenen Arme deiner Kameraden. Du hast dir diesen Sprung gut überlegt – aus den Augenwinkeln kannst du im Flug sehen, dass das zweite Tier ein Schimmel, das dritte ein Rappe ist.

1932 steigt du beruflich auf, wirst Leutnant eines Pionierbatallions. Man trägt in Österreich nun Uniformen, die denen der Deutschen Wehrmacht bis ins Detail nachempfunden sind. Das weiblische Geschlecht tritt in Gestalt von Hermine in dein Soldatenleben. Hermine ist die Tochter eines Linzer Bauunternehmers. Jemand fotografiert euch lachend beim Spazierengehen in der Stadt. Hermine trägt eine schicke Paillettenkappe auf ihrem Köpfchen, du einen gegurteten Mantel über der Ausgehuniform. Passanten bleiben stehen, verdrehen ihre Köpfe nach euch.

Die erste gemeinsame Leidenschaft eurer Ehe wird der Sport, Skifahren vor allem. Der Truppendienst langweilt dich; eine erste Enttäuschung. Der zweite berufliche Frust im Heer folgt, als man dich und deine Männer 1934 gegen bewaffnete Arbeiter einsetzt. Österreich ist mit einem Schlag keine Demokratie mehr; die Regierung führt einen Krieg gegen die Arbeiterschaft. Du schluckst den Groll gegen die hohe Politik hinunter und folgst den Befehlen.

Als deine Tochter Lore das Licht der Welt erblickt, belegst du bereits höhere Offizierskurse in Wien. Um der Langeweile der Strassensperren mit den spanischen Reitern zu entkommen, um keine Waffensuchen in Arbeiterwohnheimen mehr durchführen zu müssen, willst du ganz oben stehen, am besten als General. Und warum auch nicht? Heerespsychologen bescheinigen dir Intelligenz und logisches Denken. Man sagt, du wärest ein starke Willensnatur und arm an Fantasie.

Deine Eltern, Robert, sind ursprünglich vom Katholizismus zum Protestantismus konvertiert. Jetzt, unter der katholischen Diktatur des Ständestaates, kehren sie zum alten Romglauben zurück. Auch deine Frau ist katholisch – aber du, evangelisch erzogen, bleibst der Kirche deiner Kindheit treu. Das wird dir auch beruflich nicht schaden. Dem autoritären Regime ist nämlich kein langes Leben beschieden; Hitler regiert schon im benachbarten Deutschland.

Tatsächlich erwischt dich die Weltgeschichte am richtigen Fuss: der gewaltsame militärische Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ändert vieles in deinem Leben. Dein gesamte Lehrgang für angehende Generalsstabsoffiziere wird überfallsartig an die Kriegskakademie in Berlin überstellt. Das Reich braucht keine austriakischen Führernaturen, nur preussisch gedrillte.

Du hast natürlich schon länger gewusst, dass dein Vorgesetzter im Generalstabskurs ein illegaler Nationalsozialist war. Der Oberst ist dir persönlich gewogen. Einer Karriere in der Deutschen Wehrmacht steht also nichts mehr im Weg. Niemand wird später beschwören wollen, dass du nicht selbst dabei warst im klandestinen Nationalsozialistischen Soldatenring (NSR).

In Berlin übst du dich nur mehr geistig in Fechtkunst. In deiner kargen Freizeit zieht es dich zu Schauspielern und Dichtern. Im Dienst sprichst du trotzig weiter deinen breiten österreichischen Dialekt. Es gleich für manche einem Wunder, dass du dich in der militärischen Kaderschmiede des Dritten Reiches halten kannst.

1938 bis 1940 bist bei sämtlichen Aggressionsfeldzügen des deutschen Faschismus mit dabei. Beim Russlandfeldzug setzt man dich im Raum Shitomir, der heutigen Ukraine, ein. Dort siehst du mehrfach, was du lieber nicht gesehen hättest: die Deportationen und Massenerschiessungen von Juden, Unmenschlichkeit und Bestialität, an der Zivilbevölkerung verübt von sogenannten »Einsatzgruppen« im Hinterland deiner Wehrmacht.

Zwar bist du gar kein Judenfreund, nein, bist durchaus anfällig für den Antisemitismus, der deine Zeit verpestet. Aber was du da hinter den Stacheldrahtzäunen mitansehen musst, hat nichts mit militärischem Handeln und soldatischer Ehre zu tun. Juden, die betend in ihre Gräber steigen, die sie selbst geschaufelt haben; Tötungen mit Gewehrkolben, um Projektile zu sparen; Ermordnungen von Kindern. Dein Chauffeur beobachtet, wie du einmal nach einer Viertelstunde kreidebleich aus einem Lagertor zum Auto zurückwankst.

Ach, Robert! Zwölffingerdarmgeschwür, Feldlazarett ’42. Dann Zuteilung zum Allgemeines Heeresamt in Berlin – ein Management-Job. Hört sich gut an, Aktenbearbeiten, Telefonieren, aber das grosse Blutvergiessen lässt dich auch am Schreibtisch nicht mehr aus seinen Klauen: Verlustzahlen, aufgereiht in endlosen Kolonnen, und unter dem Strich ständig ein Minus. Du nennst am Telefon den Führer »einen Trottel«.

Aber es gibt auch Offiziere, Ritterkreuzträger, die die Koppelschnalle absichtlich auf der falschen Seite tragen. Ein geheimes Signal des Nichteinverständnisses. Ihr sucht Vertrauen zueinander, organisiert euch im Widerstand. Jedes Gespräch unter den Verschwörern beginnt umständlich mit religiösen Argumenten. Man beteuert zunächst vorsichtig, man wolle christliche Zustände wieder herstellen.

Du triffst auf Stauffenberg, du gibst dich ihm zuerst als Hitler-Gegner zu erkennen. In den folgenden Wochen und Monaten hast du zwei Jobs am Hals, du schuftest jetzt doppelt. Im Büro dafür, dass die letzte Aufgebote an wehrfähigen Männern an die Fronten rollen; und im Stab der Verschwörer am Staatstreich. In einem Brief an Hermine, die du nur mehr sehr selten siehst, nennst du dich »Hauptschöpfer grosser organisatorischer Dinge, die jetzt geboren werden«.

Aber diese Geburt wird ein vernichtender Fehlschlag. Das letzte Familienbild, auf dem du zu sehen bist, zeigt dich neben deiner Frau im Garten sitzend. Du trägst ein weisses Hemd mit Krawatte und goldener Krawattennadel, dazu tiefe schwarze Ringe um die Augen. Eure Kinder, es sind jetzt zwei, lachen mit blonden Köpfen in die Kamera.

Vergessen das Reiten, die Skitouren,… Du schreibst aus Berlin an deine Frau: »Mir schrumpft das Dasein immer mehr zwischen Arbeit und Bett zusammen«. Du wirbst in Vieraugengesprächen unter Offizieren in Wien Vertrauensmänner für den Tyrannenmord. Möglicherweise baust du sogar die Bombe für das Attentat am 20. Juli 1944 – schliesslich bist du ausgebildeter Pionier. Wir wissen es nicht.

Was wir wissen, ist, dass das Attentat auf Hitler katastrophal scheitert und der Krieg in der Folge noch ein paar Millionen Menschenleben fordert. Der »grösste Feldherr aller Zeiten« übersteht die Explosion und stolpert hustend aus den rauchenden Trümmern der Militärbaracke. Hitler beschwert sich unter Schock stehend über seine versengten Hosenbeine.

Du erfährst bald, viel zu schell, dass der »Widerchrist« überlebt hat und erteilst trotzdem weiter Befehle zum Widerstand. Der Umsturz muss jetzt scheitern, aber du versuchst bis zuletzt Schlüsselpositionen zu besetzen, Loyalitäten herstellen. In Wien und in Paris klappt alles wie am Schnürchen, in Wien werden sämtliche NS-Despoten kurzzeitig vom Militär interniert.

Dann aber: Festnahme, wochenlange Verhöre und Verfolgungen, du steht als einer der Hauptangeklagten vor einem Tribunal und endest einen Tag nach deinem 36. Geburtstag am Galgen in Berlin-Plötzensee. Die Schlinge um deinen Hals hängt an einem Fleischerhacken.

General bist du also keiner mehr geworden, Robert, Grab hast du auch keines, – aber sechzig Jahre später eröffnet der Präsident eines wiedererstandenen Kleinstaates in einer Kaserne ein Momument in Andenken an dich. Es ist kühl an diesem Tag, der Staatspräsident trägt eine riesige Brille und einen dünnen schwarzen Mantel, die Oktobersonne setzt lichte Flecken auf sein Gesicht. Hermine lebt noch, Hermine steht, gestützt auf Krücken, in der erste Reihe unter den Festgästen.

Neben Hermine der Verteidigungsminister, ein Landeshauptmann und anderen Demokraten, alle staatmännisch fein herausgeputzt. Deine Tochter Lore ist eine stattliche Frau geworden. Es gibt dieses Denkmal in der Kaserne und ausserdem eine Strasse, die nach dir benannt ist, und nun auch ein schmales Bändchen mit Fotos aus deinem Leben und einem Geleitwort des Staatspräsidenten. Du bist nun ein Held der Demokraten, Robert.

Evangelische Kirchen A.u.HB. in Österreich (Hg.): Robert Bernardis 1908-1944. Österreichs Stauffenberg zum ehrenden Gedenken anlässlich seines 100. Geburtsjubiläums. 54 Seite, ISBN 978-3-85073-314-4, Wien: Evangelischer Presseverband, 9,80 EUR

© Wolfgang Koch 2009
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