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vonWolfgang Koch 11.02.2010

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Kennen Sie eine wirklich gute Männerfantasie? – Sofort sehe ich sauertöpfische Gesichter vor mir. Männerfantasien? Haben wir nicht schon genug davon? Ist denn nicht die ganze Welt die Ausgeburt einer schändlichen männlichen Phantasmagorie?

 

Jedes Autoplakat kündet doch von unbeschränkter Zukunft, Allmacht und Raserei. Oder der Wiener Opernball: eine Regression der Logen-Kaiser auf die Mutterbrust. Der kulturelle Genozid in Tibet: eine Obstruktion der Gleichheit durchs Chinas gefräßige Industriemanager. 

 

Stimmt, alles wahr: wir leben in einer männerdominierten Welt bzw. inmitten der Verheerungen, die unserer Geschlecht angerichtet hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass alle männlichen Kopfgeburten destruktiv sind. Vor allen die erotischen sind es nur zu einem geringen Teil.

 

Meine Lieblingsmännerfantasie: ein viriler Kerl, der französische Edelmann Gruffy, wird von einer vertrauenswürdigen Person, nämlich einem verkleideten Kammerdiener, mit verbundenen Augen in das vollkommen abgedunkelte Schlafzimmer einer Dame geführt. Er schlüpft dort nackt mit ihr unter die Decke.

 

Vor Anbruch des Morgens wird der Kavalier dann ebenso diskret wieder aus den Armen der auserlesenen Schönen entfernt. Die bizarre Begegnung wiederholt sich einen Monat lang jede Nacht. Der Kavalier lernt die Venus in der Dunkelheit nie von Angesicht zu Angesicht kennen und begegnet ihr doch jeden Tag unerkannt in der Hofgesellschaft.

 

Eine simple erosgeballte Dark-Room-Fantasie, erzählt von Brantóme und entnommen dem Reprint des längst verblichenen Wiener Erotica-Magazins Die Schlange. Diese intime Halbmonats-Zeitschrift erschien gerade mal in fünf Ausgaben im Jahr 1929, Verlagsadresse: Rechte Wienzeile 79.

 

Die in Der Schlange abgedruckten Erzählungen und Glossen thematisieren vornehmlich das Sexualleben im galanten Zeitalter. Die Texte der Zeitschrift waren natürlich nur ein Vorwand, um dem Herrengeschmack der Zeit angepasste Nacktfotos zu offerieren. Zu diesem Zweck suchte der Kunstverlag in jeder Ausgabe nach neuen Modellen für Kopf-, Halb- und Vollakte gegen Stundenhonorar, strengste Diskretion zugesichert.

 

Es handelte sich dabei keineswegs um die berühmten »Wiener Fotos« – ein Qualitätsbegriff für Pornografie, sie zeigten einfache Darstellungen koitierender Paare. Die Schlange präsentierte vielmehr das Gegenstück: das »Pariser Foto«, Vorläufer der Pin-Ups; meist neckisch dargestellte junge Frauen in Spitzenwäsche, augenzwinkernd, nymphenhaft, mit der Zigarette in der Hand, oder in der Haltung der Tragödin kummervoll über einen Stapel Bücher gebeugt.

 

Vergleichsweise züchtig das Alles – vor allem im Vergleich Hardcore Broadband und Video on demand in DVD-Qualität. In der Pornografie der Gegenwart wird man vergeblich derart poetische und am autonomen Moment des Erzählerischen interessierte Posen des Weiblichen finden.

 

Der Nachdruck der Zeitschrift ist in der für ihre verlegerischen Qualität bekannten Edition Winkler-Hermaden erschienen. Er erlaubt einen sentimentalen Blick zurück in die Giftschränke unserer Großväter, wo sich nicht nur Hitler- und Lenin-Trakate befanden, wutschnaubende Abrechnungen mit dem »Diktatfrieden« von St. Germain-en-Laye, brudermörderische Aufforderungen zum totalen Krieg, sondern eben auch pikante Darstellungen selbstbewusster, ja grausamer Frauen.

 

Die Schlange druckte kurze sexualhistorische Anhandlungen über die Peitsche, ihre Autoren diskutierten, ob ein weiblicher Orgasmus durch bloßes Küssen ausgelöst werden könne, man lachte über einen Fischer, der einen lebendigen Hecht in seinem Hosenbein versteckte, u. ä.

 

Die Redaktion der Schlange erkannte im Culte de la femme  des 19. Jahrhunderts immer noch eine mögliche Rettung der Menschheit. Doch hier trat bereits etwas Unheimliches hinzu: die Lust am spielerischen Quälen und Gequältwerden, sie wurde nun kiosktauglich.

 

Es gab also Frauenkenner in den späten 1930er-Jahren. Sie erfreuten sich zum Beispiel am Kitzeln von Fußsohlen ihrer Kammerkätzchen, an den Seufzern und an den kleinen unterdrückten Schreien. »Lasse mich, – lasse mich, du tust mir weh!! Oh, meine Mutter!« Bald darauf versanken dann die exquisiten Fantasien im Gepolter der Marschkolonnen.

 

© Wolfgang Koch 2010

 

Desiderius Papp (Hg.): Die Schlange. Intimes Halbmonatsmagazin. 164 Seiten mit Aktfotografien, W-H Edition Winkler-Hermaden 2009, www.edition-wh.at, ISBN 978-3-9502688-4-3, Euro 19,90

 

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kommentare

  • Die Anlage eines Friedhofs ist eine komplexe logistische und anspuchsvolle planerische Aufgabe. Warum also nicht hier in einen Wettbewerb treten?

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