Archive for März, 2010

27.03.2010 von Wolfgang Koch
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DIE 10 GEBOTE NACH HERMANN NITSCH

von Wolfgang Koch

»Für mich« schreibt der österreichische Künstler und Dramatiker Hermann Nitsch in seinem voluminösen Seins-Opus, »werden die 10 Gebote immer relevanter, gerade wegen ihrer archaischen Wahrheit«.

Das sind nach den häufig von kirchlicher Seite als Blasphemie ausgelegten Wortdichtungen und unspielbaren Partituren dieses Autors recht erstaunliche Töne. Bei näherer Betrachtung ist allerdings von der moralischen Welt der Juden und Christen kaum noch die Rede. Hermann Nitsch verschiebt, transformiert oder widerruft eine Reihe von tradierten Interpretationen der berühmten mosaiischen Regeln (2. Mose 20 u. 5. Mose 5).

Die Seitenzahlen in den Klammern der folgenden Aufstellung beziehen sich auf Sätze im 2. Band der Philo-Kasette DAS SEIN, Wien/ Graz/ Klagenfurt: Styria 2009.

1. GEBOT

Es gibt kein Außerhalb des Seins (457).  Im Original: Ich bin dein Gott; unpersönliche Götter sollst du nicht haben.

2. GEBOT

Du sollst über das Wesen des Seins nichts aussagen (398). Im Original: Mache dir kein Bild von Gott, missbrauche… weiter lesen

24.03.2010 von Wolfgang Koch
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»DAS SEIN« VON HERMANN NITSCH (10)

von Wolfgang Koch

Das Christentum sei die Auflehnung gegen das Weltbild der Tragiker gewesen, behauptet Peter Sloterdijk. Gegen welche Morallektionen lehnt sich dann ein Neu-Tragiker wie Nitsch auf? Doch wohl kaum gegen die Selbstparodien der Kirchen.

»Die Kirche steht erhöht auf abfallendem Platz«, hat Robert Musil 1923/24 in sein Tagebuch notiert. Man hat also schon von ihren Schwächen gewußt, bevor Priester der Schändung von Schutzempfohlenen überführt wurden.

Andererseits sind Religionen und Philosophien, die ekstatische Zustände anstreben, ohne Frage auf der Suche nach Ersatz und Vergeistigung einer physiologischen Version der Ekstase. Das könnte im Fall der Prinzendorfer Seins-Energie z.B. der Orgasmus sein.

Man könnte behaupten: Im O.M. Theater werden neue Werte durch kunstvolles Verfeinern von ursprünglich rein körperlichem Erleben geschaffen. Dabei ist Nitschs Kunsttheorie allerdings weit über einen simplen Hedonismus hinausgewachsen – über jenen Sinnesästhetizismus, der da behauptet, dass die eigenen Sinne und Empfindungen für sich einen universellen Wert besitzen.

Das O.M. Theater ist… weiter lesen

15.03.2010 von Wolfgang Koch
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»DAS SEIN« VON HERMANN NITSCH (9)

von Wolfgang Koch

Wie soll man Hermann Nitsch ansprechen? Gute Frage; das ist beim Mehrfachtalent dieses Mannes nicht einfach. Am besten als »Künstler ohne Pinsel«, als »Dramatiker ohne Worte«, als »Komponist ohne Noten«, als »Analytiker ohne Coach«, als »Philosoph ohne Erkenntniskritik«.

Nitsch ist ein enthusiastischer Seinsgläubiger. Er verhandelt immer weiter den historischen Gegensatz von Existenz und Essenz (497), als wollte er auch in diesem Punkt Heidegger korrigieren.

Traditionell kommt die Existentia (das vorhandene Sein, Vorgegebenes, die Frage nach dem Daß) vor der Essentia (dem Wesen, dem Was-sein der Existenz, der Frage nach dem So-sein), sie geht ihr logisch voraus. Erst was vorhanden ist, kann ja Eigenschaften annehmen. Nach Heidegger wird erst in der »auslegenden« Existenz des Menschen festgestellt, »was« etwas »ist«: das Existenzielle legt aus, das Existenziale bewegt sich in ihrem Fahrwasser.

Nitsch verhandelt das Problem auf u. a. auf der Ebene der Entwicklungspsychologie. Ein Kind fragt aber nicht: »Wer hat mich entstehen… weiter lesen

12.03.2010 von Wolfgang Koch
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»DAS SEIN« VON HERMANN NITSCH (8)

von Wolfgang Koch

Man darf sich als Nitsch-Leser nicht entmutigen lassen durch zeitenthobene Mystik. Immer wieder bricht auch ein insgesamt überwundenes Heidentum hervor. Der Mann kommt wie viele deutschsprachige Denker vom Pantheismus her, von der Natur und vom Unendlichen.

Im 2. Band der Seins-Triologie stößt man auf wahrlich mitreißende Passagen, auf Texte, in denen sich der Autor so weit wach geredet hat, dass sie auch dem schwermütigsten Leser etwas von ekstatischen Ergriffenheit vermitteln.

Die Buchfassung der O. M. Theaterphilosophie nähert sich so wieder der Poesie an, die ja genau genommen nichts zu erzählen hat, außer eben der Aussage des Erfüllt-seins-von-Unsagbarem. In diesem Sinn haben wir es in Nitschs Opus auch nicht mehr mit Gedanken, mit Geist, mit schönen Sätzen zu tun. Der Text wird zu einem im Metaphysischen verankerten Spiel mit Worten.

Ein Schönschreiber wird Nitsch dadurch nicht; und da er sowieso jede Kurzschriftmeisterschaft verlieren würde und eine Priesterweihe nicht in Frage kommt, stehen… weiter lesen

11.03.2010 von Wolfgang Koch
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DIE WIENER SPÖ IST ASOZIAL

von Wolfgang Koch

Stellungnahme der Bettellobby Wien zur geplanten Änderung des Wiener Landes-Sicherheitsgesetzes

Zur geplanten Änderung des Wiener Landes-Sicherheitsgesetzes, welche durch einen Initiativantrag der Landtagsabgeordneten der SPÖ gefordert und von der ÖVP unterstützt wird, hat die Bettellobby Wien folgende Kritikpunkte anzumerken:

1. Die Novellierung sieht die Erweiterung des Wiener Landes-Sicherheitsgesetzes um den Tatbestand des „gewerbsmäßigen Bettelns“ vor. Laut der Begründung des Antrages richtet sich diese neue Regelung gegen alle Personen, die regelmäßig betteln. Betteln soll „sofern die Absicht der wiederkehrenden Begehung zur Verschaffung einer fortlaufenden Einnahmequelle zu bejahen ist, strafbar sein, ohne jedoch ein generelles Bettelverbot vorzusehen“. Aufgrund der sehr offenen Formulierung des Tatbestandes ist zu erwarten, dass auf Grundlage dieser neuen Regelung alle Formen des Bettelns bestraft werden, die nicht durch die bereits bestehenden Verbote abgedeckt sind.

Diese Ansicht teilt auch die ÖVP, die die neue Regelung sehr begrüßt. In einer Presseaussendung ist zu lesen: „Durch diese Begriffsbestimmung (…) wird praktisch… weiter lesen

10.03.2010 von Wolfgang Koch
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»DAS SEIN« VON HERMANN NITSCH (7)

von Wolfgang Koch

Die Menschheitsgeschichte hat sich im Gral-Mythos symbolisch zum Selbst transformiert. – Mit dieser These schloss Nitsch den 1. Band seines philosophischen Privatissimums ab, und damit ist auch bereits der Grundton des 2. Bandes angestimmt. Wir tauchen nun für 300 weitere Seiten ein in die Mythenarchäologie des O. M. Theaters.

Neu ist hier wenig; sehr wohl allerdings, dass vor der literarischen Vernunftverschwendung auch Warnschilder aufgestellt werden. Erstmals weist Nitsch dezidiert auf die Abgründe seiner Tiefenbohrungen in der Geschichte des kollektiven Bewusstseins hin: »Das Puzzlespiel mit den Mythen hat auch seine Gefährlichkeit, kommt einem Infragestellen des Mythischen gleich, stellt Intensionen in Richtung eines Ausbruches aus dieser Ordnung dar«. Der Wirklichkeitsverlust durch Schizophrenie, so Nitsch, liege beim Tiefen-Jargon in der Luft.

Auf Seite 403 begründet der Autor, warum er sein mythenarchäologisches Graben relativiert und eine moderate Haltung zu gewinnen sucht: Er, sagt Nitsch, habe mit der gegenständlichen Schrift über das Sein von drei… weiter lesen

04.03.2010 von Wolfgang Koch
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»DAS SEIN« VON HERMANN NITSCH (6)

von Wolfgang Koch

Die plastische Erfahrung des Seins und eine geradezu notorische Unlust an präzisen Formulierungen – ist das schon die ganze Bilanz des 1. Bands dieser Seinsphilosophie? Das wäre in der Tat wenig.

Nitschs theoretische (und praktische) Leistung besteht darin, den Seins-Begriff mit dem Werden auf eine Linie zu bringen. Er verbindet das ominöse Sein mit einer gerichteten Bewegung des Lebens – und zwar, um alle Verführungen des Vegetabilen, die er vornehmlich in östlichen Heilslehren ausmacht, zu verwerfen.

Mögen die Schwächen des Buches zahlreich sein – und sie sind das auch: Der Künstlerphilosoph unterscheidet nicht zwischen Alter und Neuer Schrift, zwischen Judaismus und Christentum. Seine Kenntnisse des Buddhismus sind antiquiert und beruhen größtenteils auf Schopenhauer-Lektüre. Wer sich je näher damit beschäftigt hat, weiß, dass sich keine der vielen buddhistischen Haupt- und Unterströmungen als eine »Mystik der Lebensverneinung« ansprechen lässt. Das sind nur typische Verzerrungen der eurozentrischen Perspektive.

Nitschs Formulierlust treibt ihn bisweilen… weiter lesen

02.03.2010 von Wolfgang Koch
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»DAS SEIN« VON HERMANN NITSCH (5)

von Wolfgang Koch

Jeder Strom erzeugt in sich Strudel und Gegenströmungen. Dem alten Menschheitstraum von einer großen, alles umfassenden Harmonie setzt Hermann Nitsch den Traum von einer absolut übermächtigen Harmonie entgegen – so beherrschend, dass sie auch alles Negative, Beunruhigende und Katastrophische mit in sich einschließt.

Wieder sind es Architekturutopien, Stätte der Gerechten, ein chiliastischer Kult, aber in den Gemeinschaftslagerhäusern, in denen jeder nimmt, was er braucht, wird neben dem Glück auch noch das ganze Unglück der Welt miteingelagert: vom Ausrutschen auf der Bananenschale bis zur Explosion der Gestirne.

Im Textsteinbruch des 1. Bandes lassen sich bald drei eng verwobene Begriffskonstellationen erkennen. Am SEIN hängen die Begriffe Dasein und Nicht-Dasein, das Ereignis, das Werden (inklusive der Kunst). Am ICH baumeln Wahrnehmung, Registration und Bewusstsein. Und an das SELBST knüpfen die Erhöhung des Menschen, die Leere (also wieder das Nichts) und die Form (also wieder die Kunst).

Dieses familiäre Muster von drei Existenzbegriffen entspringt… weiter lesen