Archive for August, 2010

29.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

WIENER FEUILLETON – 34. Woche 2010

von Wolfgang Koch

Im Wiener Wochenend-Feuilleton finden sich immer wieder wertvolle journalistische Artikel, die nicht zur Feuilletonkultur passen. So diese Woche eine informationsreiche Analyse der Stadtentwicklung auf der Donauplatte von Reinhard Seiß im SPEKTRUM, die ein dramatisches Licht auf die heimische Politik vor der Wahl wirft. Solche dringend notwendigen Hintergrundanalysen konnte man vor zehn Jahren noch im Nachrichtenmagazin profil lesen; heute muss das Feuilleton die investigativen Aufgaben des maroden politischen Journalismus in Österreich mit übernehmen.

Als feuilletonfremd werten wir auch eine Apotheose der Leiharbeit in derselben Ausgabe des SPEKTRUMs. Im ALBUM gilt das  für die Titelgesschichte: eine Reportage aus dem Schockraum des Allgemeinen Krankenhauses (AKH), verfasst von der Gesundheitsredakteurin Karin Pollack. Dieser im Krimi-Ton gehaltene Beitrag, in dessen Mittelpunkt der Ex-Gatte einer Ex-Gesundheitsministerin als Auskunftsperson steht, lobt die Sportlichkeit der Unfallmedizin über den Klee und lässt auf zwei vollen Seiten nicht einen einzigen Patienten zu Wort kommen.

Gelungene Feuilleton-Texte glänzen entweder durch freundlichen… weiter lesen

25.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

WAS SOLLEN WIR IN WIEN WÄHLEN (Grün)

von Wolfgang Koch

Uns stört der Streit der Wiener Grünen keine Minute. In zwei von 22 Bezirken treten ökologisch bewegte KandidatInnen getrennt zur Gemeinderatswahl an. Daraus einen »zerstrittenen Haufen« abzuleiten oder, wie die SPÖ zu behaupten, die Stadtgrünen wären »primär mit sich selbst beschäftigt«, ist haltlose politische Propaganda.

Im Gegenteil: Die Spaltung der Fraktionen in der Josefstadt und in Mariahilf liefert uns den längst fälligen Beweis, dass es sich bei den Grünen immer noch um eine lebendige Bewegung handelt. Hinter den medienprofessionellen Mandaraten steht immer noch eine kampfeslustige Basis, die sich von den Berufspolitikern nicht einfach unterbuttern lassen will.

Maria Vassilakou, die Vorsitzende der Wiener Grünen, ist die ungekrönte Bürgermeisterin von Boboville, einer Stadtzone im Dreieck zwischen WUK, Amerling Haus und Naschmarkt. Außerhalb dieser studentisch dominierten Kernzone unterhält Boboville noch ein paar Vorstädte, grünalternative Einsprengsel in Zinshausgrätzeln: am Kamelitermarkt, um das ehemalige Freihaus in Margarethen herum, am Yppen-Platz in Ottakring, usw.

An all… weiter lesen

22.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

WIENER FEUILLETON – 33. Woche 2010

von Wolfgang Koch

1. Platz: SPECTRUM der Tageszeitung »Die Presse«, Redaktion: Karl Woisetschläger

Plus: »Der Papst weiß sicher, dass er verdammt ist« – – »Jeden Tag stehen in der Zeitung neue Todesarten« … Man braucht kein Peter-Handke-Fan zu sein, um die wunderbare Leichtigkeit solcher Sätze zu goutieren. Der Vorabdruck ist zwingend, da die Lektüre der kurzen Sentenzen ungeübte Leser rasch ermüdet. Ärgerlich nur, dass uns das SPEKTRUM die Handke’schen Gedanken- und Gesprächsfetzen als »Traumsätze« verkaufen will. Die Nacht spricht ja keineswegs nur im Schlaf aus uns.

Plus: Eine glänzende Verteidigung des französischen Schriftstellers Stendals durch Oliver vom Hove gegen dessen jüngsten Biographen Johannes Willms.

Plus: Unter den Kurzrezensionen ein Roman der Deutschrussin Ilga Martynova aus dem Kreis um Daniil Charms im Droschl Verlag und ein Verriss des neuen Schmökers von Isabel Allende (»edelfeministischer Kitsch«).

Plus: Der Bauingenieur Helmut Hölzenbein erinnert daran, dass Brücken mitunter auch zur Überwindung der Höhenangst gebaut werden.

Plus: F.… weiter lesen

14.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

WIENER FEUILLETON – 32. Woche 2010

von Wolfgang Koch

1. Platz: SPECTRUM der Tageszeitung »Die Presse«, Redaktion: Karl Woisetschläger

Plus: Ein knapper, aber wirklich prachtvoll gelungener Nachruf von Martina Wittels auf den Publizisten Harald Irnberger [1949-2010], der der österreichischen Medienöffentlichkeit rechtzeitig die lange Nase gezeigt hat.

Plus: Eine etwas verfrühte Reportage über das offene Atelier des Art/Brut Centers in Gugging, das nächstes Jahr zehn Jahre alt wird. Autorin Gisela Steinlechner macht uns darin u. a. mit dem eigenbrötlerischen »Sonnentrahlmillionär« Ingolf Ebeling bekannt. Danke!

Plus: eine klug differenzierende Kritik von Norbert Gstreins angeblicher Abrechnung mit dem Suhrkamp Verlag, die sich als PR-Gag für den neuen Roman erweist. Text: Susanne Schaber.

Minus: drei Vorabdrucke aus demnächst erscheinenden Büchern von Eva Menasse, Erich Hackl und O. P. Zier, die besser unterblieben wären. Wir wollen in einer Wochenzeitung Originalbeiträge lesen! Ins Feuilleton gehören Exklusivtexte, die in Kooperation mit einer cleveren Redaktion entstanden sind und nicht in lange zurückliegenden Meetings von Buchhandelsvertretern mit dem… weiter lesen

11.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

GROTESKE AFRIKA-TAGE AUF DER WIENER DONAUINSEL

von Wolfgang Koch

Es könnte eigentlich das schönste Sommerfestival überhaupt sein, das es in Wien gibt: die nahe der Floridsdorfer Brücke stattfindenden Afrika-Tage. Wäre da nur nicht diese bombastische Bühne, der martialische Zaun, ein bekloppter Ordnerdienst und ein auf Profitmaximierung fixierte Veranstalter: die Messe und Veranstaltungsorganisation aus der Lindwurmstraße 126 in München.

Es gibt jeden Tag spontane Trommelsessions abseits des Bühnengeschehens. Das würde für eine heitere Stimmung vollkommen genügen, dazu die Hydranten mit Frischwasser. Man würde den Bazar und die Gastronomiestände gerne hinnehmen, wie ja auch bei Weihnachtsmarkt niemand auf die glorreiche Idee kommt, einen Zaun drum herum zu ziehen und für den Besuch eines Verkaufsgeländes Eintritt zu verlangen.

Genau aber das tut der deutsch-arabische Geschäftsmann Medhat Abdelati aus München. Von 14 bis 17 Uhr zahlen die Festivalgäste einen Eintritt von 5 Euro, ohne dass da irgendetwas dafür geboten würde, was nicht ein zweites Mal zu bezahlen ist. Im Gegenteil: es wird nicht nur… weiter lesen

07.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

WIENER FEUILLETON – 31. Woche 2010

von Wolfgang Koch

1. Platz: SPECTRUM der Tageszeitung »Die Presse«, Redaktion: Karl Woisetschläger

Ein Reportage über die Schweizer Alttäufergemeinde Emmental von Erwin Koch – Füsschensex.

Ein Gedicht von Helga Glantschnig über den Klagenfurter Bendiktinermarkt –  Blitzverführung.

Der Vorabdruck eines Konrad-Paul-Liessmann-Elaborat über die Rede über ästhetische Objekte – Autofellatio.

Judith Brandtner über das Nanking-Massaker als Unterrichtsthema an einer japanischen Schule – Hofknicks.

Eine politische Reportage aus der Ukraine von Burkhart Bischof – fischkalt

Der Romanbeginn Fremdes Land des Waldviertler Autors Thomas Sautner – Homeservice.

Rezensionen:

Der Pongauer Autor O. P. Zier über einen Afika-Thriller von Nick Mc-Donell – Behind the Scenes.

15 Erzählungen im Lebensbogen von Ilse Helbich – Flaschendrehn.

Der Arzt und Sozialpolitiker Werner Vogt über den »frustrierten Hausarzt» Günther Lowit und die Zahlenrecherche des Duos Claudia Wild und Brigitte Piso im Gesundheitswesen – Jazz im Japanzimmer.

»Drei Starke Frauen« der Prix-Goncourt-Preisträgerin Marie NDiaye – Händchenhalten.

Ein Molden-Sachbuch zur österreichischen Justiz von Gabriele… weiter lesen

06.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

WAS SOLLEN WIR IN WIEN WÄHLEN? (Schwarz)

von Wolfgang Koch

Wenn man in Wien den Namen der oder des gerade amtierenden ÖVP-Vorsitzenden kennt, gehört man nicht zu den politisch Interessierten, sondern meist schon zur politischen Klasse selbst. Gerüchten zufolge soll der Vorsitz zwei Monate vor dem Wahltermin einer Dame namens Marek gehören. Mehr wissen 95% der WienerInnen nicht.

Die Wiener ÖVP ist ein echter Honoratorenverein von drei Dutzend Bezirksnotabeln. Man trifft sich regelmäßig zu geselligen Abenden, um Heiligenbilder, Spielkarten und Goldeschmiedearbeiten zu tauschen. Mit moderner Stadtpolitik hat dieses käferartige Sammeln nichts zu tun. Hier werden gewisse Mentalität der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts am eigenen Verhalten musealisiert.

Von Zeit zu Zeit allerdings sind Wahlen zu schlagen. Dann bricht der große Jammer über diese umsichtigen Meister,  diese cleveren Wirtschaftskämmerer, Heimatforscher und Schlachtenmaler herein. Am liebsten gingen die liebenswürdige Interpreten der Vergangenheit dann in den SPÖ-Klub fragen, was nun zu tun sein; mit welchem herausragenden Kopf sie in der Wiener Gesellschaft wieder… weiter lesen

04.08.2010 von Wolfgang Koch
blogavatar

EINE INSELERZÄHLUNG VON URSULA BROCHARD

von Wolfgang Koch

Was für ein hübsches Buch, auf den Text komme ich noch zu sprechen, denn zunächst sticht die Ausstattung ins Auge: 21 Farbillustrationen, gezeichnet von der in Wien lebenden Künstlerin Anna Stangl. Die Bilder sind von so umwerfend verspielter Retroschönheit, dass man den Band zunächst gar nicht lesen mag. Der aus dem Hämmlere Verlag 2006 hervor gegangene Bucher Verlag macht dem eigenen Anspruch, bei seinen Produkten »ästhetische Erscheinung« und »fantasievolle Gestaltung« zu bieten, alle Ehre.

In der Manier von Kinderbüchern schwimmt hier eine junge Frau durchs Wasser oder schwebt in transparenten pflanzlichen Kugeln – dass etwas vegetabel und durchsichtig zugleich ist, vermag ich mir in meiner Schulweisheit doch gar nicht vorzustellen! 

Die Schöne ruht auf einem Riesenfisch zwischen Korallen, sie stülpt sich ihr linkes Auge auf die Hand, Untiere hetzen vorbei, ein Löwe spiralisiert seinen Schweif – eine Welt des Unbewussten tut sich in diesen Zeichnungen auf, hinter der jedes lineare… weiter lesen