Walter Seitter liest Hegel, Heidegger, Hitler mit Grillparzer

Ein neuer Vortrag des Wiener Philosophen, erstmals gehalten am 14. Oktober 2015 in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, führt thematisch zurück in Seitters Studienzeit in München, als sich der spätere Wegbereiter und Übersetzer Foucaults in spätjugendlicher Begeisterung in seine erste Nietzsche-Lektüre hineinsteigerte.

Nietzsche gilt heute als Schlüssel für viele poststrukturalistische und postmoderne Positionen der neueren französischen Philosophie. Bemerkenswert, dass der gebürtige Salzburger Walter Seitter erst über diesen Umweg in die Fänge der Austriazistik gelangte. Denn Nietzsche las seinerseits Grillparzer und bewunderte diesen Denker eines abgründigen Biedermeier als »bei Seite stehenden und still betrachtenden« Wahlverwandten.

Nietzsches Kulturkritik der 1870er-Jahre richtete sich ausdrücklich gegen bestimmte Punkte der Hegel’schen Philosophie: die Verehrung der Geschichte und die Anbetung der Macht, die durch die militärischen Erfolge Preußens und durch die Gründung des Deutschen Reiches scheinbar gerade bestätigt wurden.

Grillparzer hatte Hegel 1826 persönlich in Berlin aufgesucht und den Turbodenker dabei »so angenehm, verständig und rekonziliant, als in der Folge sein System abstrus und absprechend gefunden«. Der österreichische Klassiker erkannte in dem deutschen Philosophen »einen der größten Denkkünstler aller Zeiten«, freilich einen mit »monströsen Resultaten«, die der »verrückten Methode« der Dialektik und ihrer grundsätzlichen Aufhebbarkeit von Gegensätzen geschuldet war.

Wie für den Kulturkritiker Nietzsche war für Grillparzer Hegels Gebäude grundlegend schief ausgefallen:

»Der Schaden, der dadurch angerichtet wurde, ging nach mehreren Seiten. Erstens kam dadurch der natürliche Verstandesgebrauch in Misskredit. Der Verstand dessen Aufgabe die Entfernung von Widersprüchen ist, wurde einer sogenannten Vernunft untergeordnet, die sich mit der Erzeugung von Widersprüchen beschäftigt, oder vielmehr der Widerspruch selbst ist … Zweitens, indem man alles durch das Klügeln Unaufgelöste mit dem Schimpfnamen des Unmittelbaren belegte, wurde das ganze Reich der Empfindungen mit dem Charakter des Unvollkommenen, Schwächlichen, Aufzuhebenden gestempelt … Das letzte Ergebnis endlich … war ein maßloser Eigendünkel. Wie sollte auch eine Zeit, die ihren Geist als die Inkarnation des Göttlichen betrachtete, der die ganze Natur durchsichtig war, die den Schlüssel zu allen Rätseln der Welt gefunden hatte, anders sein als hochmütig, hochmütig als Menschen und, kraft des Erfinder-Privilegiums, hochmütig als Nation«.

Denk an! Grillparzer hatte sich ernsthaft in die deutschen Meisterdenker hineingelesen und Sachprobleme der Schulphilosophie selbstständig durchdacht. Wortreich beklagte er den Einfluß Hegels auf die Literatur seiner Zeit:

»Die Natur war durchsichtig geworden, die Schlüssel zu allen Rätseln der Welt waren gefunden. Gott war nur noch ein Rattenkönig aus Menschen, oder vielmehr er war ein Deutscher, da die Deutschen ihn nach ihrem Ebenbilde geschaffen, indem sie ihn demonstrierten und allein begriffen. Da die Entwicklung des objektiven Begriffs den immerwährenden Fortschritt notwendig in sich schloß, so konnten die Mitlebenden nicht zweifeln, ihren Vorgängern unendlich überlegen zu sein; wenn nicht an Talent, doch durch die Höhe des Standpunkts, auf den alles ankam«.

Grillparzer beharrt zwar auf einer ontologischen Weltordnung. Zugleich gab er aber Zeichen der Annäherung an den Subjektivismus der Romantik, in der es Leistung des Einzelnen wurde, sich, etwa in Augenblicken musikalischer Entzückung, eines Transzendenten zu vergewissern.

Genau genommen galten Grillparzers Vorwürfe an Hegel für das Systemdenken als Ganzes. Erstens hatte Hegel mit seiner Methode das natürliche Denken des gesunden Menschenverstandes geschmäht, die Systemlosigkeit der Zweifler in Frage gestellt und Spekulationen in alle Richtungen Tür und Tor geöffnet. Gute Philosophie muss ber Stückwerk bleiben, muss im Detail verharren.

Zweitens hatte Hegel durch seine Schwerverständlichkeit den Humus für eine akademische Kultur des Nachbetens und Nachäffens gelegt.

Beides war unverzeihlich in den Augen eines Literaten, der sich als Suchender immer auf den Weg befand, der doch Denken und Dichten irgendwie zusammenbringen wollte. Die fortgesetzte Vereinigung aller Widersprüche musste einer dichterischen Selbstbezüglichkeit verdächtig erscheinen, in der der Inhalt die Form interpretiert und die Form den Inhalt.

Da das dichterische Bild bei der Darstellung die Fehler der Abstraktion kompensiert, konnte Seitter bei Grillparzer auch noch zwei prophetische Hitler-Satiren finden. Die beiden Biedermeiertexte, von denen er dieser Tage den Staub blies, sind betitelt mit War Deklamator und mit Korrespondenznachrichten aus dem Lande der Irokesen.

Im Folgenden ein Grillparzerwort, für dessen Brisanz man während Seitters Lesung nicht einmal das Fenster zu öffnen brauchte. In den Minuten, als Seitter in der Wiener Herrengasse diese Hitler-Travestie aus dem 19. Jahrhundert zum Besten gab, brüllte sich ein Häufchen der rechtsextremen Identitären am nahen Michaelerplatz gerade die Seele gegen die humanitäre Öffnung der Landesgrenzen aus dem Leib:

»Bist du nicht ein Deutscher, rief ich, lebst du nicht in Deutschland, rief ich, und strahlt nicht die Sonne der Deutschheit mit Sonnenglanz durch dein Vaterland. Ich kaufte mir Campes Verteutschungs-Wörterbuch und fing an mich in allen Gesellschaften durch meinen Eifer für das Vaterländische hervorzutun. Endlich kündigte ich Vorlesungen über Deutschheit und die Volkstümlichkeit, das Stück zu 3 Groschen an. Mein Saal blieb leer. Ich erhöhte den Preis auf 1 Thaler, und man riß sich um die Billette. Eintrittszettel wollte ich sagen. Mein Vortrag gefiel. Ich zeigte dass uns bisher nichts als Selbstgefühl gefehlt habe und dass, da unter allen Völkern aller Zeiten die Vortrefflichsten ihre Mitvölker verachtet hätten, wir der Kürze wegen nur mit der Verachtung anderer anfangen sollten, die Vortrefflichkeit würde schon nachkommen. Das leuchtete ein. Um meine Reden anschaulicher zu machen und auch das Äußere unseres Volkes zu beurteilen, legte ich einen Plan zu einer neuen deutschen Volkskleidung vor und erschien selber«.

Für Grillparzer lag der Anfang allen Wissens in der antiken Lehre von der Substanz und Inhärenz. »Indem er den philosophischen Fachbegriffen den umgangssprachlichen Begriff Ding beigesellt«, so Seitter, »gelingt es Grillparzer, die Fachbegriffe verständlicher zu machen und die ›Begriffs-Erschleichung‹ zu vermeiden, die er offensichtlich bei Philosophen vorgefunden hat«.

Und weiter: »Grillparzer entscheidet sich vehement für das Seiende als die primäre Modalität, da es weniger Abstraktion impliziert als das Sein. Er stellt sich sozusagen auf die aristotelische Seite, während er die andere Möglichkeit der hegelschen Spekulation, der Zuviel-Abstraktion zuschreibt. Doch ist diese Alternative wohl weniger von Hegel zur Entscheidung gestellt worden – sondern eher von Heidegger im 20. Jahrhundert und lange Zeit nach Grillparzer. Heidegger nannte diesen Dualismus ontologische Differenz und machte die Frage der Priorität zur Grundfrage der Ontologie sprich Fundamentalontologie. Indem er die Frage zu einer Entscheidungsfrage, also auch zu einer praktischen Frage erklärte, hat er die beiden Begriffe dann doch wieder auf die Ebene empirischer Akzidenzien heruntergebrochen, wie man auf Neudeutsch sagt, und das Seiende als Substanz oder als Ding, das Sein hingegen als Ereignis gefasst«.

Von Grillparzers hegelkritischen Überlegungen ausgehend erscheint Heideggers Fundamentalontologie Seitter wie das Fernergebnis einer jahrhundertelangen Absetzung vom  aristotelischen Common sense. Der Wiener Klassiker im Beamtenstatus, so viel Lob musste an diesem Abend sein, habe der Verstandestätigkeit, im Zusammenwirken mit Empfindung und Darstellung, viel Erkennen abverlangt – sei es im Alltag, in der Politik oder anderswo.

Und wo komplexe Realität von einer sich steigernden, um Empfindung und Formulierung zentrierten Erkenntnistätigkeit erfasst wird, da blühen, wie Seitter sagt, unweigerlich Wissenschaft, Philosophie oder Poesie.

© Wolfgang Koch 2015

Walter Seitter wiederholt den Vortrag am Dienstag, den 10. November, um 19.30 Uhr in der Weinbuchhandlung VINOE, 1080 Wien, Piaristengasse 30.

Foto: Peter Kubelka (Ausschnitt)

 

Kommentare (3)

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  1. Den Vortrag von Herrn Seitter kenne ich leider nicht. Bemerkenswert dürfte in dem Zusammenhang jedoch ein Wort von Grillparzer sein, das Heidegger am Ende des zweiten Weltkriegs in den Schwarzen Heften zitiert. Es lautet: „Der Weg der neuern Bildung geht / Von Humanität / Durch Nationalität / Zur Bestialität“ (GA 97, 41ff.). Das Wort hat Heidegger in der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit offensichtlich sehr beschäftigt. Allerdings sieht er auch in diesem Geschichtsgang nur einen weiteren Beleg für die sog. „Seinsvergessenheit“ in der Willens-Metaphysik Hegels und Nietzsches.

  2. Aus Österreich braucht man sich über Anti-Hegelianismus nicht wundern. Das hat seitdem, Popper Hegels Rechtsphilosophie durch Sozialtechnik ersetzt hat, voll durchgesetzt.Ein Zitat:
    „Die Frage, ob Poppers 3. Welt, der Bereich der Wissenschaften und deren Organisation, heute nicht eigentlich viel mehr mit dem 3. Reich zu tun habe, etwa mit einer inkludierten formalisierten Sprache, als Hegels Philosophie in Poppers Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde stellt sich hier. Nur in Bezug auf Armut vermag Poppers 3. Welt mit der wirklichen 3. Welt vielleicht noch mitzuhalten.“

  3. Wer heute das 5. Kapitel von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ gelesen hat, insbesondere das Konversionsgespräch des franz. Intellektuellen zum Islam, un dies mit dem Kapitel Verstand der Phänomenologie des Geistes, weiß man unmittelbar, was man an seinem Hegel hat. Kepler gegen Newton gestellt zu haben, und wie, ist unglaublich faszinierend. – Es wird demnächst eine größere Schrift zu diesem Thema geben.