vonWolfgang Koch 27.06.2017

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Katzentiere teilen mit den Hunden die Fähigkeit zum Sitzen und Hocken in aufgerichteter Haltung. Das verschaffte ihnen im Altertum erst mal die symbolischen Funktion als Wasserwächter. Bis heute finden Löwenmasken als Wasserspender von Brunnen Verwendung.

Im praktischen Leben der Stromuferkulturen wurde es bald ebenso wichtig, dass Katzen auch die Kornkammern von Mäusen und anderen Schädlingen befreien. Vom Wächter des Wassers und der Nahrungsvorräte verbreitete sich der Löwe als Sinnbild des Schutzes dann auf das Recht und auf andere Gebiete: Gerichtsgebäude gelten als Quellen der Gerechtigkeit, Bibliotheken als Quellen des Wissens, Museen als Genussquellen der Schönheit. Auch an den Portalen solcher Gebäude nehmen Löwen Platz – in voller Gestalt, als Kopf oder als Maske.

Am Friedhof bewachen Katzentiere als Trauerträger und Tugendwächter die Ruhe der Toten; hier sitzen sie an der Quelle der Erinnerung und halten das Gedenken der Lebenden an die Verstorbenen wach. Der Löwe ist also auf wirklich markante Weise mit der Vorstellung eines Ursprungs verbunden. Die Dinge, die er bewacht, waren nicht immer da, sie sind geworden und müssen vor Gefahren bewahrt werden.

Auch die Moderne kennt das Editing der lebenswichtigen Dinge, allerdings interessiert sie sich in der Gegenwart kaum mehr für den Ursprung von Sauberkeit, Gerechtigkeit, Erinnerung. Dafür interessiert sie sich ungleich mehr für den Ursprung des Bösen. Nehmen wir zum Beispiel die aktuelle Gegenwartsdiagnostik des Suhrkamp-Verlages. Darin wird die populistische Wende in der Weltpolitik untersucht und fünfzehn Autoren versuchen dafür alle möglichen Ursachen anzugeben.

Warum begegnen heute bereits Mehrheiten den staatlichen Institutionen in den Wohlfahrtsgesellschaften mit so viel Misstrauen? Warum richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht auf individuelle, sondern auf kollektive Ängste? Warum löst sich die Einheit zwischen Demokratie und Liberalismus auf?

Solche Fragen sind es, die Zeitdagnostiker gerade beschäftigen. Nach Ivan Krastev stellt erstens der »Wille des Volkes« die einzige Quelle politischer Legitimation dar, um auf den allgemeinen Wettbewerbsdruck zu antworten, zweitens bilden globale Märkte die einzige Quelle wirtschaftlichen Wachstums. Die beiden Wächterlöwen der Gegenwart, der Löwe der Demokratie und der Löwe des Liberalismus, entfernen sich wie von unsichtbarer Hand gesteuert voneinander. Das Lebensgefühl 2017: »Je freier ich bin, desto machtloser fühle ich mich auch«.

Folgen wir weiter dieser Quellenforschung von Theoretikern, Dramatikern und Journalisten – denn alle, die Suhrkamp da zusammengerufen hat, sind ja anerkannte Mitglieder einer kosmopolitischen Gelehrtenrepublik von Jerusalem bis Köln, von Mumbai bis Baltimore.

Diese linksliberale Intelligenz erinnert uns zunächst daran, dass die Europäische Union als pazifistisches Projekt zur Zusammenführung nationaler Industrien begonnen hat, um einen erneuten bewaffneten Konflikt zu verhindern. Inzwischen sei die Union selbst »zu einer Quelle zunehmender Spannungen zwischen privaten Unternehmen und wütenden Bürgern geworden« (287). Schon wieder bezeichnet der Ausdruck »Quelle« die Ursache einer bloss negativen Entwicklung.

Die neoliberale Globalisierung habe die Politik herausgefordert – darin stimmen alle Zeitdiagnostiker überein –, und der globale Friede sei an den wirklich undankbaren Globalisierungsverlierern gescheitert. Wenn sich nun, wie gerade in London, Brüssel und Paris, der Terror wie ein Krebsgeschwür ausbreitet, so rückt das in den Horizont der Diagnostiker nur mehr als Catch unter Globalisierungsverlierern ein, zu denen übrigens Unternehmer und Fachkräfte in traditionell geschützten Branchen ebenso gezählt werden wie alle nichtspezialisierten Angestellten und Bürger, die sich stark mit ihrer Nationalgemeinschaft identifizieren.

Die Weltsicht, der wir hier begegnen, ist simpel. Brüllen denn die Fans des des Zweitliga-Aufsteigers Millwall FC nicht etwa im Chor: »We are Millwall, no one likes us, we don’t care«, und »Everyone likes us now, we still don’t care!«? Muss man aus solchen Sprüchen nicht eine rabiate Ablehnung der Elite lesen? Verschärft die »globale Konsumökonomie« nicht die Spannungen und Widersprüche im Seelenleben des einzelnen? Und geben die Rattenfängerei darauf nicht eine gefährliche Antwort?

Nein. Ich meine, eine solche Diagnose kann die Verteidigung der konventionellen Lebensweise gegen die Migrantenrevolution – also den Wunsch, eine Familie zu gründen; den Wunsch im Viertel, in dem man geboren wurde, zu wohnen; den Wunsch zu lernen, wozu man sich berufen fühlt und den öffentlichen Institutionen zu vertrauen – kaum mehr wahrnehmen im Begriffgestrüpp ihrer eigenen Quellenforschung.

Die Suhrkamp-Intelligenz schwadroniert von einer »antrainierten globalen Ohnmacht« und von »den Möglichkeiten Europas«. Doch nach 332 Seiten gibt diese ausgerufene »intellektuelle Debatte über die geistige Situation der Zeit« selbst das Jammerbild ab, das sie zu beklagen angetreten ist.

Die »grosse Regression«? Der »globale Rechtsruck«? Sie sollen in den letzten Jahren eingetreten sein, und man vermag sie nicht anders denn als »einen zivilisatorischer Rückfall« zu verstehen. Die Kernthese des Buches lautet kurz und bündig: Ist die Welt der arbeitenden Schichten erst einmal zerstört, so lässt sie sich am ehesten durch das Versprechen verlorener rassistischer, religiöser und ethnischer Privilegien wiederherstellen (Eva Illouz). Und das geschieht momentan angeblich weltweit!

Für Pankaj Mishra ist aus dem Ressentiment als einer ursprünglich europäischen und amerikanischen Krankheit eine weltweite Epedemie geworden. »Die ersatzlose Zerstörung nationaler Institutionen wirtschaftlicher Umverteilung haben den Kapitalismus unregierbar gemacht, populistisch ebenso wie technokratisch« (Wolfgang Streeck). Man vernimmt, dass die rechtspopulistische Wut nichts als eine verzerrte Form des Klassenkampfes darstellt, wie das schon im Faschismus der Fall war. Solche und viele weitere Plattitüden.

Die Antinomie, die die Kritiker ausmachen: dem globalen Kapitalismus ist es unmöglich zu einer zu ihm passenden Ordnung zu kommen. Als die Quelle der gegenwärtigen allgemeine Unordnung wird eine lange Liste von Übeln ausgemacht: Versicherheitlichung (Securitization), unilaterale Deglobalisierung, konzerngetriebene Globalisierung, Hasskriminalität, finanzmarkgetriebener Kapitalismus, die neoimperialen Ausbeutung des Südens, Verlagerung der produzierenden Industrien in Billiglohnländer; Rückzug der Unternehmen aus informellen sozialen Verpflichtungen; der Eintritt Chinas in den Weltmarkt; narratives Versagen des Neoliberalismus; Abwärtsmobilität bei formaler sozialer Gleichheit; fehlendes Erlebnis von Selbstwirksamkeit; Last des Selbstzwangs; quasireligigöser Glaube an den Markt, marktkonforme Individualität als Imperativ; permanente Ungewissheit, fragmentierte soziale Staatsrechte.

In dieser grundlegenden Schieflage erscheinen nun »Populisten« genannte Politiker und Politikerinnen, die den Menschen und Wähler komplett überfordern. Eine »perverse Symbiose« aus Versprechen und Schuldzuweisungen reinszeniert die nationale Souveränität; ihre »elektoralen Schockwellen schlagen an die Zitadellen der Finanzwelt« (Nancy Fraser). Populisten fordern »echte Demokratie« ein, nähren einwanderungsfeindliche Wut; man beschreibt ihre Unmutsäusserungen als »ko-, reko- oder exkommodifiziert«.

So regnen immer weitere Quellen der gegenwärtigen Unordnung auf uns herab: Angst vor dem Zusammenbruch der moralischen Ordnung, autoritäre Agressionen freigesetzt durch die Unterwerfung unter die vermeintliche ökonomische Alternativlosigkeit; Affektkoalition der Ressentimentgeladenen; die Rückkehr der »Ungewaschenen« an die britischen Wahlurnen (258); gegenseitige Feinderklärungen, Ausbürgerung der Antiglobalisierungsparteien; Ethnonationalismus.

Reale Ängste und Sorgen werden von diesen Zeitdiagnostikern grundsätzlich nur mehr sozialarbeiterisch ernst genommen, und auch dann nur, wenn sie sich den Regel des korrekten öffentlichen Sprechens unterwerfen. – Da waren, bitte, die marxistischen Gesellschaftskritiker noch aus einem anderem Holz geschnitzt; die kannten keine Berührungsangst mit der Ohnmacht der Unterdrückten, der Ausgebeuteten und der Verführten.

Es ist auch sachlich falsch, den modernen Staat durch seine »territoriale Souveränität« zu definieren. Massendemokratien organisieren sich, auch für Laien der Gesellschaftstheorie erkennbar, nach der Struktur von Versicherungssystemen; die Zugehörigkeit zur Staatsnation ergibt sich aus einer gerechten Beitragsleistung in die Steuer- und Abgabenfonds und nicht aus irgendeinem Gemeinschaftsfetisch.

Kleinstaaterei bedeutet nicht etwa »Zurück zum Volksstamm!«, wie das die Meinungsmacher heute an jeder Ecke behaupten. Der spanische Ökonom Philipp Bagus und der Deutsche Andreas Marquart haben in einer jüngst erschienen Studie eindruckvoll gezeigt, warum eigenständige kleine Staaten ökonomisch vorteilhafter sind als grosse Gebilde.

Solche dringenden Fakten können im selbstreferentiellen Lager der Befürworter und Verteidiger der Europäischen Union gar nicht mehr geführt werden. »Die Debatte geht weiter«, verkündet der Suhrkamp Verlag grossspurig am Rückumschlag des besprochenen Bandes, und ein einfacher Klick auf die angegebene Website zeigt, dass hier von einem »herrschaftsfreien Dialog« mangels Teilnehmer keiner Rede sein kann.

Ein paar Werbetexte der Verlagskampagne, Vorworte und Videos von den Buchpräsentationen – von einem offenen und spannenden Austausch der Argumente keine Spur. Diese »öffentliche Debatte« ist nichts als eine weitere dieser »Filterblasen«, deren machtvolle Existenz in dem Sonderdruck wortreich beklagt wird.

© Wolfgang Koch 2017

Naturhistorisches Museum Wien: Katzenkorb & Löwengrube, Natur- und Kunstausstellung von Cranach bis Klimt, 250 Objekte, Kurator: Bernd Ernstling, tägl. ausser Dienstag, bis 8. Oktober 2017

Heinrich Geiselberger (Hg.): Die grosse Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, 15 Analysen, 313 Seiten, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, ISBN 978-3-518-07291-2

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/27/die-quellen-der-gegenwaertigen-unordnung/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.