Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (2/6)

Die Grünen, das ist heute beinahe vergessen, gingen in Deutschland und Österreich aus dem Bruch mit den Revolutionstheorien von K-Gruppen hervor. Ihre Visionäre verwarfen das aberwitzige Anknüpfen der 68er am Parteiaufbau der Arbeiterintelligenz vor dem Zweiten Weltkrieg. Statt Proletariermythen betonten sie lieber die subjektive Verantwortung gegenüber den Zuständen, bezogen sich positiv auf die Politik.

Man durchkämmte die Ideen der Lebensreformen im 19. Jahrhundert: Naturheilverfahren, Gartenstädte, gesunde Ernährung, wechselte von den harten Philosophien zu weichen Ideologien: Ökologie, Gewaltfreiheit, Menschenrechte, Antirassismus.

Je mehr allerdings diese Begriffe aufeinander bezogen wurden, desto rasanter schwand ihr kritischer Gehalt. Einen gemeinsamer Nenner gibt es bis heute nicht.

Auf dem langen Marsch schüttelte man linksradikale und rechtsblinkende Ränder ab, aus Aubesetzern wurden Mc-Donald’s-Hasser, Queer-Feministen und Bike-City-Lobbyisten, aus einer dissidenten Bewegungen für das Neue ein routinierter Parteiapparat mit Zielgruppenforschung und Marketingstrategien, aus Abgeordneten Partner neuer Unternehmer mit transzendentalem Werbeidealismus – pragmatische Vertreter einer neosentimentalen Generation, die Altruismus und Bio-Chic schätzt. Multikulturell beweglich, antiideologisch, spielerisch Solidarität praktizierend.

Die Bilanzen legen freilich immer noch andere. Im Mai 2017 kehrte die Bundessprecherin der österrreichischen Grünen nach 20 Jahren feministischer Leistungskarriere schluchzend in den Mutterkult ein, im Juli zog der bekannte Abgeordnete Peter Pilz beleidigt aus dem Klub aus. Ein Spin der gegnerischen SPÖ, die damit ihre Verluste im Sozialbau freilich nicht mehr wettmachen kann, so dass die Freiheitlichen praktisch schon sicher auf der nächsten Regierungsbank sitzen.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

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