vonWolfgang Koch 01.06.2018

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der ihm die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 3: DIE GOTTHEIT.

Alle Wesen im Wesen, das ist Gott. Alle Wesen in der Idee, auch das. Das Wesen aller Wesen, und schliesslich das allgemeine Wesen. Die Theologie formt Gott am liebsten nach dem Bild eines philosophischen Grundprinzips. Einmal erscheint er als die unbedingte Wirklichkeit des begrifflichen Empfindens auf dem Grund der Dinge. Dann wieder, o Gott, als die unbegrenzte begriffliche Realisierung des absoluten Reichtums an Potentialitäten.

Auf jeden Fall handelt es sich bei Gott um ein Wort, das die Mannigfaltigkeit des Wirklichen (oder der Sinnlichkeit oder der Wahrheit) radikal zusammenfasst und jede Mühe der Detailbestimmung verwirft. Darin scheint der unschlagbare psychologische Wert dieses Superlatives zu liegen. Gott lässt – als immerwährender Faktor des Universums – alles andere verschwindend klein und unbedeutend erscheinen.

Der Wortkörper Gott ist also das Resultat eines drängenden Gefühls, alles irgendwie vereinfachen zu müssen. Kein übermässiges Sehen im Herzen der Blindheit, wie sich das der Mystiker wünscht, sondern ein Übermass an Ehrfurcht gegenüber dem Mangel der evolvierenden Welt.

So sieht das Feuerbach, und er hätte es ruhig bei dieser Lücke im Mond bewenden lassen können. Denn seine über hunderte Seiten ausgebreitete Kirchen- und Religionskritik fügt dieser klugen psychologischen Beobachtung nichts Gewichtigeres mehr hinzu.

Die grundsätzliche, wesenhafte Schwierigkeit der Gottheit: Sie kann sich – mangels Alternativen – nur zu sich selbst verhalten. Das Wissen des Menschen von der Existenz Gottes ist das Sich-selbst-Wissen Gottes im Menschen. Oder noch simpler gesagt: Gott ist nur der umgekehrte Mensch, der wiederum vergeblich zwischen Gott und der Natur vermittelt, also zwischen sich und Sich-selbst.

Für Feuerbach rührt dieser verblüffende Spiegelreflex daher, dass die Götter eben gerade keinem Ideenreich entspringen, sondern der banalen Sinnenwelt von Licht und Wasser, von Haus, Staat und Familie. Sie gehören der Welt der Tatsachen an, nicht dem Schein als notwendigen Grundprinzip, also der Vorstellung von einer blossen Erscheinung. »Nicht der Idealismus, nein, der Materialismus ist der Grund und Ursprung der Götter« (1857). Hunger macht das Korn der Demeter, Durst macht die Quelle zur Nymphe.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Marie Obermayr (Ausschnitt). Auch heuer hat Hermann Nitsch, der im Sommer seinen 80. Geburtstag feiert, wieder ein Pfingstfest in Prinzendorf veranstaltet. Für das herbeigeeilte Kunstpublikum eine willkommene Gelegenheit, die immer noch existierende, aber durch Windräder und Schnellstrassen arg in Mitleidenschaft gezogene Schönheit des Weinviertels zu entdecken.

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