vonWolfgang Koch 12.06.2018

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Das Leben

 

Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der ihm die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 5: DAS LEBEN.

Wer sich der Dingwelt hart und unerbittlich gegenüber stellt, wer nur sehen und sagen will, wird unweigerlich bei abstrakten Vorstellungen landen, bei ontologischen Kategorien, die eine unheilsame Wirkung auf seinen Willen entfalten. Aber das Leben bietet noch den Bewohnern der flachsten Wüsten abenteuerliche Berg- und Talfahrten, das Leben selbst antwortet mit seiner ganzen Fülle auf die Herausforderungen der Umwelt, ohne dass der Geist zuvor die zeitlosen Wahrheiten entschlüsselt hat.

Für Feuerbach ist Leidenschaft das flammende Wahrzeichen der Existenz. Ein Leben führen, das heisst bei ihm ein absolutes Wesen sein. Ein Leben führen, das bedeutet: Ich nehme egostisch einen absoluten Standpunkt ein in der unüberschaubaren Praxis von Empfindungen und Handlungen, nicht nur im endlichen Denken allein.

Diese Einsicht zwingt Feuerbach, Wissen auf besondere Weise aufzufassen. Der deutsche Philosoph bringt den Widerspruch auf die Kurzformel: »Leben eint, Wissen trennt«. Also muss, was lebt, den Dualismus von Leib und Seele, Fleisch und Geist überwinden, also muss Leben die steilen Abstraktionen der Selbstentsagung (wie Sein, Existenz, Wirklichkeit) links liegen lassen und sich der Selbstsorge des Lebenden zuwenden, die schlechterdings alles mit einschliesst.

Sokrates hat vom Philosophen verlangt, dass er dem Leben gegenüber die Stellung eines vernünftigen Arztes einnimmt. Doch welcher, wird man fragen, ist ein vernünftiger Arzt? Antwort: Der ist ein vernünftiger Arzt, der die Grenzen seiner Kunst kennt. Und das Leben, wird der heilsame Denker sagen, vollendet sich im Tod, seiner letzten Äusserung.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Gregor Lechner (Ausschnitt). Was ist Weltpolitik? Ein asiatischer Dikator reist mit seiner eigenen Toilette durch die Lüfte, um einem amerikanischen Machtinhaber die Hand zu schütteln, von dem er annimmt, dass ihm dessen Agenten seinen Kot klauen wollen.

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