24.05.2013 von Wolfgang Koch

Wolfgang Walkensteiner: What I didn't see in Ukrainian woods, 2013 (3), 200-100 cm / Foto: Walkensteiner
Was sind in den letzten Jahren nicht alles für Seltsamkeiten aus Wolfgang Walkensteiners Wunderhorn gepurzelt! Rattenschwänze und Eier, Drachen und Kometen, 2010 sogar das »Schamhaar des Propheten«, das man angesichts von 600 Mädchen und Frauen, die derzeit in Afganistan unter fragwürdigen Vorwürfen in Haft gehalten werden, gerne in Kabul ausgestellt sähe.
Und jetzt auch noch Giraffen im Atelier. Das kommt daher, dass dieser österreichische Künstler mehrdeutige Symbole liebt wie ein alchemistischer Rosenkreutzer. Aber man soll sich aber nicht täuschen: Walkensteiners Hermeneutik liegen keine Spintisierereien, sondern diskusives Denken und Reflexion zugrunde.
In den nächsten Wochen fliegt dieser Werkblock dorthin, wo die Giraffen dank der Schlagfertigkeit des Künstlers geistig herstammen scheinen: in die ukrainischen Metropole Zhitomir. Dort feiert das, vom österreichischen Kunstsammler Erich Golitsch aufgebaute Unternehmen eurogold Industries LTD seinen zehnjährigen Betriebsbestand mit einem… weiter lesen
22.05.2013 von Wolfgang Koch

Wolfgang Walkensteiner: What I didn't see in Ukrainian woods, 2013 (1), 200-100 cm / Foto: Walkensteiner
Giraffen sind in der zeitgenössischen Kunst ein No-Go. An diesem Umstand trägt ausgerechnet eines der kleinsten Werke des Spaniers
Salvador Dalí die Schuld: 1936 malte der Surrealist mit Ölfarbe auf einer gerade mal 35 x 27 cm großen Holzunterlage das berühmte Gemälde
Die brennende Giraffe.
Die ikonische Qualität dieser Arbeit ist sehr erstaunlich. Das Tier steht bei Dalí ja gar nicht im Mittelpunkt der Darstellung. Hinter zwei theatralischen weiblichen Figuren ist erst im hinteren Teil des Bildes jenes unvergesslicher Exemplar zu sehen, dessen Rücken in lodernden Flammen steht. Und Dalís Giraffe scheint dieser Brand, im Gegensatz zu den beiden schwer ramponierten Frauenkörpern, absolut nichts anhaben zu können – ein Symbol für die ewige, unvergängliche Natur im Kontrast zur Zerbrechlichkeit des Menschen.
Dass der in Wien und Kärnten wirkende Künstler Wolfgang… weiter lesen
21.05.2013 von Wolfgang Koch

Manfred Bockelmann: Josef Maria Schneck, 2010-13, Kohlezeichnung auf Jute, 150 x 110 cm / Foto: VBK Wien, F. Neumüller
Von Hitlers Kindervernichtung 1941-45 lässt sich nicht pathosfrei sprechen, das ergibt sich schon aus dem Koinzidieren von Kindheit und Tod. Entsprechend zurückhaltend wird das Thema in der Fachliteratur behandelt. Allerdings lässt sich auch nicht behaupten, dass es irgendwie vergessen oder tabuisiert wäre.
Der offizielle Reader des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau zum Beispiel widmet zwanzig von 460 Seiten den Lebensbedingungen der jüngsten Häftlinge im Lager, gegliedert nach folgenden Abschnitten: 1. Jüdische Kinder und Jugendliche, 2. Kinder und Jugendliche unter den Zigeunern; 3. Polnische Kinder und Jugendliche, 4. Kinder und Jugendliche aus Weißrussland und der Ukraine, 5. Im Lager geborene Kinder, 6. Das Leben der Kinder im Lager.
Jeder auf Aufklärung und Rationalität setzende Umgang mit dem Holocaust wird auf große Gefühle und Melodramatik verzichten. Warum tun es… weiter lesen
19.05.2013 von Wolfgang Koch

Manfred Bockelmann: Josefine K., 11 Jahre / Foto: VBK Wien, F. Neumüller
»Zeichnen gegen das Vergessen« heißt die Hälfte einer neuen, im Wiener Leopold Museum gezeigte Serie von Manfred Bockelmann. Eines dieser Bilder zeigt die zweijährige Karolina Rigo, ein engelsgleicher Lockenkopf, der einem Kleinkind im deutschen Konzentrationslager Auschwitz gehört hat. Bockelmann portraitierte auch die lachende 12jährige Anna Cohen, und er zeichnete das schöne Renaissanceantlitz der 11jährigen Josefine K. – Zeile für Zeile, mit dem Kohlestift in Augenhöhe vor der Juteleinwand stehend, und nach fotografischen Frontalaufnahmen aus erhaltenen Aktenbeständen.
Er wolle mit der Serie gar keine Kunst machen, betont der Zeichner halb verlegen, er wolle einfach nur an ein schreckliches Schicksal erinnern, das Menschheitsverbrechen unvergesslich machen, ja, er wünsche sich von ganzen Herzen, sagt Bockelmann, dass die nächtlichen Partybesucher im Hof des Wiener des Museumsquartiers diese seine Zeugnisse des Grauens registrieren und fortan im Kopf behalten werden. Es gehe bei dieser Arbeit nie und… weiter lesen
17.05.2013 von Wolfgang Koch

Der neue Wanderer Manfred Bockelmann über dem Nebelmeer / Foto: VBK Wien
Vom 17. Mai bis 2. September 2013 präsentiert das Leopold Museum die Sonderausstellung »Zeichnen gegen das Vergessen«. Im großen Saal eines der vielen Untergeschosse des Gebäudes zu sehen: etwa sechzig erkennungsdienstlich behandelte Kinder und Jugendliche, mit breit gestreiften Häftlingsanzügen und kahlgeschorenen Köpfen nach ihrer Deportation durch NS-Schergen in die Spitäler und Lager.
An einer Wand aber keine traurigen, resignierten oder geschockten Gesichter, sondern fröhliches Kinderlachen in bester Sonntags-Kleidung: im Matrosenanzug, im Kostüm, mit Zylinder. Bei dieser zweiten Sorte von Portraits dienten Manfred Bockelmann Aufnahmen als Vorlagen zu seinen Bildern, zu denen sich die Kinder in den Lagern und Kliniken freiwillig gemeldet haben – nichtsahnend was ihnen noch bevorstand.
»Ich zeige keine Märtyrer, keine Leichenberge und keine geschundenen Kreaturen, deren Gesichter von Hunger, Krankheit und Erschöpfung gekennzeichnet sind, die ihrer Individualität beraubt wurden. Ich zeige Individuen, denen… weiter lesen
17.05.2013 von Wolfgang Koch

Manfred Bockelmann: Ludwina Schmidt, 2010-13, Kohle auf Jute, 150-110 cm / Foto: VBK Wien, F. Neumüller
Die hellsten politischen Köpfe sind selten in den Mehrheitsparteien zu finden. Die Wiener Demokraten, eine liberale Splitterpartei des späten 19. Jahrhunderts, hielten im Parlament 1873 gerade mal fünf Sitze. Ihre bürgerlichen Abgeordneten wilderten gerne in Orchideengärten und pflanzten das Unkraut der Freiheit unter den unabhängigen Intellektuellen des Landes. Ihr Wortführer Ferdinand Kronawetter geiselte jahrelang die kaiserliche Polizeiwillkür und kämpfte für das Frauenwahlrecht.
Kronawetter beklagte in schönster liberaler Manier, dass die Behörden per Gesetz dazu ermächtig werden das Recht des Hausherrn zu brechen und Hausdurchsuchungen durchführen zu können. Diese Linksliberalen des 19. Jahrhunderts wollten es auch nicht als selbstverständlich ansehen, dass sich Inhaftierte von der Polizei automatisch fotografieren lassen müssen.
Das ist eine heute für viele Menschen schwer nachvollziehbare Position. Tatsächlich aber gab es einmal diese frühen Datenschützern, die… weiter lesen
22.04.2013 von Wolfgang Koch

Was so aussieht wie etwas, aber möglicherweise etwas anderes ist / Foto: W. Koch
Dass Österreicher und Deutsche doch nur entfernte Verwandte in Europa sind, ahnten wir schon länger. Nun wissen wir wieder einmal genauer, warum das so ist.
Dieser Tage erfreute sich die Twitter-Liste »WorteausderKindheit« großer Beliebtheit. Sie versammelt Phrasen und Begriffe, die den heutigen Erwachsenen in Deutschland nicht mehr aus dem Ohr gehen. Unter http://dict.leo.org/forum/vie… de&lang=de findet sich schon länger eine kommentierte Kollektion dieser Art.
Auf diese vielsagenden Akte populärer Selbstbefragung und Selbsterforschung aufmerksam geworden, legte die Tageszeitung »Der Standard« eine nationale Umfrage nach: über einhundert PosterInnen lieferten ein für Österreich gültiges Sittenbild.
In der Folge die geordnerten Worte aus der Kindheit, mit der hierzulande lebenden Generationen aufgewachsen sind:
-A-
… aber danach (geht’s) ab ins Bett.
Der/die … hat das aber auch.
Das noch, aber dann abmarsch.
Wenn der… weiter lesen
25.03.2013 von Wolfgang Koch

Eine von zwei dem Pestheiligen Karl Barromäus geweihte Kirchen Wiens / Foto: Courtesy of AKI
Yelp zählt zu den Internet-Plattformen, auf denen anspruchslose Surfer ihre Zeit mit Allerweltinformationen verplempern. Angeblich haben seit der Yelp-Gründung im Juli 2004 in San Francisco Yelp-Autoren mehr als mehr als 36 Millionen Beiträge über lokale Angebote und Geschäfte geschrieben. Ein in Wien ansässiger Yelper nennt sich Stefan T. und hat unter seinen 240 Beiträge auch ein Ranking der Wiener Gotteshäuser zuwege gebracht.
Davon ist wenig bis gar nichts zu halten. Die Auswahl und Bewertung folgt der belanglosen Fährte des Wientourismus, also dem, was der hiesige Touristboard für irgendwie »essentiell« hält. Yelp-Wissen addiert Wegstrecken zu Denkmalkunde und der Statistik der Postkartenverkäufe, und füttert das Publikum so mit lichtlosen Banalitäten. Das Ranking dieser Darstellung lautet:
1. Stephansdom
2. Otto Wagner-Kirche am Steinhof
3. Karlskirche
4. Votivkirche
5.… weiter lesen
15.03.2013 von Wolfgang Koch

Der Gedanken, Kinderrechte umzusetzen, bleibt Maskerade. / Foto: Kinderfreunde
Die Österreichischen Kinderfreunde sind eine tragende Säule der sozialdemokratischen Bewegung, und in Wien überdies der größte private Kindergarten- und Hortbetreiber. Die Funktionäre dieser mächtigen Organisation führen nichts häufiger im Mund als die Kinderrechte und versprechen auf sämtlichen ihrer Kanäle, mit fortschrittlichen Pädagogen, tausenden ehrenamtlichen Mitarbeitern und den Eltern eben diese Kinderrechte in ihrer Arbeit auch umzusetzen.
Wiens Kinderfreunde beabsichtigen nach eigener Aussage, »dem Kind auf gleicher Augenhöhe zu begegnen und den Heranwachsenden Respekt entgegen bringen«. In der sogenannten Kinderrechte-Arbeit kommen dabei immer neue Ideen zum Einsatz, zum Beispiel regelmäßige Kinderkonferenzen oder ein Kinderrechte-Set im Kinderfreunde-Hort in der Leipziger Straße, im Kindergarten Kluckygasse erprobt man eine Kinderrechte-Schatzkiste mit putzigen Symbolen.
Sind solche Aktivitäten glaubwürdig? Sind sie überhaupt das viele, bedruckte Papier wert, auf dem sie propagiert werden? – Nehmen wir zum Beispiel den Fall der fünfjährigen Monika O.,… weiter lesen
13.03.2013 von Wolfgang Koch

Lässt das Feuer nach oder wird es zu heftig? / Foto: Oktogon
Seit Jahren weise ich darauf hin, dass die Stadt an der Donau eines ihrer schönsten und friedlichen Volksfeste dem Verein der Vorarlberger in Wien zu verdanken hat. Gemeint ist das Funkenfeuer, kurz: Funken, auf der Himmelwiese am Cobenzl. An diesem Ort, einem der Hausberge der Wiener, wird in jedem März einmal bei Einbruch der Dunkelheit ein kunstvoll aufgeschichteter Holzhaufen mit Stroheinlagen öffentlich entzündet und damit die Winterzeit symbolisch aus dem Jahreskreislauf vertrieben.
Letztes Wochenende war es wieder einmal so weit. Die für den diesjährigen Brand verantwortliche Funkenzunft war aus Bregenz-Fluh angereist und übertraf tatsächlich alle Erwartungen der ZuschauerInnen bei weitem. In den Jahren 2011 und 2012 war nämlich beim Funken am Lebensbaumkreis einiges schief gelaufen. So hatte die rotgrüne Stadtregierung im Rathaus das Feuer mit dem fadenscheinigen Argument einer erhöhten Emissionsbelastung der Wiener Luft behindert; es durften nur mehr… weiter lesen