25.03.2013 von Wolfgang Koch

Eine von zwei dem Pestheiligen Karl Barromäus geweihte Kirchen Wiens / Foto: Courtesy of AKI
Yelp zählt zu den Internet-Plattformen, auf denen anspruchslose Surfer ihre Zeit mit Allerweltinformationen verplempern. Angeblich haben seit der Yelp-Gründung im Juli 2004 in San Francisco Yelp-Autoren mehr als mehr als 36 Millionen Beiträge über lokale Angebote und Geschäfte geschrieben. Ein in Wien ansässiger Yelper nennt sich Stefan T. und hat unter seinen 240 Beiträge auch ein Ranking der Wiener Gotteshäuser zuwege gebracht.
Davon ist wenig bis gar nichts zu halten. Die Auswahl und Bewertung folgt der belanglosen Fährte des Wientourismus, also dem, was der hiesige Touristboard für irgendwie »essentiell« hält. Yelp-Wissen addiert Wegstrecken zu Denkmalkunde und der Statistik der Postkartenverkäufe, und füttert das Publikum so mit lichtlosen Banalitäten. Das Ranking dieser Darstellung lautet:
1. Stephansdom
2. Otto Wagner-Kirche am Steinhof
3. Karlskirche
4. Votivkirche
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30.11.2012 von Wolfgang Koch

Der sich selbst austragende Westen / Foto: W. Koch
Dass ein Kunstwerk »modern« oder »reaktionär« sei, ist eine chronometrische Aussage. Nach 700 Jahren muss es meines Erachtens gar nichts mehr sein, was sich irgendwie adjektivieren liesse. Allein, wenn es gut war, also immer noch gelungen dasteht, und auch im neuen Zeitkontext prima funktioniert, ist es gut.
Langlebigkeit war für Ernst Jünger ein Gleichnis, doch ein Gleichnis wofür? Die Steinkreise von Stonehenge im Süden Englands zum Beispiel, die vermitteln uns heute die Bedeutung der Sesshaftigkeit für den Menschen. Erst die Bauern des Neolithikums können über genügend Zeit verfügt haben, solche aufwändigen feste Plätze für kultische Zwecke zu gestalten.
Wofür steht nun die Langlebigkeit der verspäteten Romanik? Nach
Walter Seitter zählt die »europäisch-lateinische Romanik« zu einem größeren Kulturkreis, der einst weit bis nach Afrika und Asien reichte und dessen historisches Zentrum Konstantinopel hieß.
Dieser Gemeinschaftsleistung gegenüber
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16.10.2012 von Wolfgang Koch
Die Geschichte der Moderne beginnt lange vor dem 15. und 16. Jahrhundert, vielleicht mit der Erfindung der Geldwirtschaft in den Hochkulturen der europäischen und der indischen Antike, sicher aber mit der Ersten industriellen Revolution, in der der Reformorden der Zisterzienser zum benediktinischen Ideal der Askese zurückkehren wollte.

Uralte Mauern des Westwerks, ganz neu / Foto: Gisela Erlacher
Die Mönche suchten sich bewusst beschwerliche Arbeitsbedingungen aus, sie stellten körperliche Arbeit und Kultivierung der Natur in den Mittelpunkt des klösterlichen Lebens.
So verband sich disziplinierte Arbeit mit dem rationellen Einsatz von Technik und Natur. Der Leidenscharakter der körperlichen Arbeit wurde zwar nicht überwunden, konnte es noch nicht werden, aber er wurde ins Positive gewendet. Alle Plackerei sollte fortan durch technische Innovationen und organisatorische Rationalisierung beseitigen werden.
Das ist der wirtschaftsgeschichtliche Hintergrund von Walter Seitters makrogeschichtlichem Ansatz. Sein historischer Strukturalismus betrachtet politische und soziale Einheiten allerdings als Ausdruck… weiter lesen
16.06.2012 von Wolfgang Koch
Wogegen wehrte sich denn die widerspenstige Romanik in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts? Gegen die gotischen Papstanhänger und Kaisergegner, die mit einer neuen Eleganz auftrumpften, hochmütig und feminin. Die zisterziensische Reform wandte sich auch gegen die benediktische Praxis; aus ihr gingen die geistlichen Ritterorden hervor.

Eine metaphysische Laison zwischen Sein und Nichts
Walter Seitter meint, mit dem Ausbau des Westwerkes und der darin untergebrachten Herrenempore versuchte das Weltliche eine Art Gleichgewicht zum Sakralen von St. Stephan zu halten. Bis zur zisterziensischen Reform seien die Menschen gewissermaßen als zivile Bürger im Kirchenraum anwesend gewesen, und nicht als untertänige Gläubige.
Warum wohl, fragt der Autor, stellen sich Männer bei der katholischen Sonntagsmesse bis heute immer noch ganz hinten auf? Weil, so könnte man sagen, sie damit eine gewisse Distanz anzeigen gegenüber dem religiösen Furor, der das rituelle Geschehen aus der Verfügungsgewalt der Gemeinschaft löst und in die… weiter lesen
15.06.2012 von Wolfgang Koch

Von der Schönheit des Auferstehungsleibes
Wien ist verglichen mit Kärnten oder der Steiermark nicht gerade gesegnet an romanischen Bauschätzen. Ein paar Gewölbebogen in Kirchen und Kellern, Schwellen in Kreuzgängen, das Westwerk von St. Stephan – der Rest liegt unter der Erde oder ist für immer verschwunden.
Wer in dieser Stadt das Lebensgefühl der Karolinger, Kuenringer und Babenberger nachempfinden will, verlegt sich besser auf Preziosen und geht in die Schatzkammer. Dort stößt man auf Hauptwerke der Romanik.
In Ermangelung wertvoller baulicher Relikte spielt die Pfarrkirche im niederösterreichischen Schöngrabern, auf der ehemaligen Hauptverbindung nach Prag gelegen, eine für die Forschung notorische Rolle. Seit dem 19. Jahrhundert arbeiten sich immer neue Generationen von Kunsthistorikern, Theologen und Heimatforschern an diesem eigenartigen Bauwerk ab.
Wie an gewissen Details der Stephanskirche überzeugt Walter Seitters Methode der »monumentarische Archäologie« auch hier nicht ganz. Zwar vergleicht er die grandiose Außenapsis der Kapelle… weiter lesen
18.08.2011 von Wolfgang Koch
Kann man christlicher Fundamentalist sein, ohne fromm zu sein? Gewiss kann man das; Frömmigkeit ist keine Voraussetzung für aggressives Sendungsbewusstsein, für antidemokratische Affekte und Letztgültigkeitsansprüche.
Wir kennen das von den arabischen Hijackern von 2001, die aus Fanatismus die westliche, freiheitsliebende Welt mit Passagierflugzeugen zu zerstören trachteten: diese mutmaßlichen Selbstmordattentäter waren keine Männer von Traurigkeit; sie gestanden ihren Vermietern ein Faible für mexikanische Frauen ein und tranken exzessiv Alkohol.
Über den Anführer Mohammed Ata wurden handfeste Sex- und Drogeneskapaden in Florida berichtet – warum soll da ein christlicher Fundi nur Wasser schlürfen dürfen?
Für die katholischen Theologin Saskia Wendel, benutzt Breivik das Christentum nur »um eine europäische Identität zu konstruieren«. Er misst der römischen Papstkirche die Funktion zu, Schwert im Kampf um ein nationales Europa zu sein.
Allerdings ist in Breiviks Augen der amtierende Papst kein Kreuzzugs-Führer, sondern angekränkelt vom Liberalismus. »Breivik«, so Wendel, »fordert nicht nur eine Revitalisierung des Christentums,… weiter lesen
17.08.2011 von Wolfgang Koch
Was ist ein Christ? Gute Frage, denn Jesus Christus war wohl genauso wenig einer wie Buddha ein Buddhist und Karl Marx ein Marxist war. Die Traditionshüter sagen: »Wer Christus so annimmt und durch sein Leben bekennt, wie sich dieser Christus selbst bezeugt hat. Wer vorbehaltlos an sein Wort, seine Lehre glaubt und diesen Glauben durch seine Taten (als echt) beweist«.
Das Verbüffende an diesem Gedanken: er ist gar nicht so alt. Die Idee, dass man von einer religiösen Idee persönlich überzeugt zu sein hat, tauchte erst relativ spät, mit dem Protestantismus, auf. In den Jahrhunderten davor dominierten die Zeichen, die Liturgie, das Ritual. Für Abergenerationen von Christen ging die Betonung der Form der Betonung des Sinns, den der Einzelne nachzuvollziehen hat, voraus.
Stimmt schon, ein Christ glaubt an einen persönlichen Gott und an das Weiterleben der Seele nach dem Tode. Heute kann er sich genau genommen, nur als Christ bezeichnen,… weiter lesen
16.08.2011 von Wolfgang Koch
Bei keiner Frage waren die Gralshüter der öffentlichen Meinung so eilig zu Stelle wie bei der, ob der sich der norwegische Terrorist noch »Christ« nennen darf. Und die Antwortglocken läuten von Rom über London, Zürich und Wittenberg bis zu Slavoj Žižek und zu den Freimauernlogen hundert Mal: »Nein! Nein! Ein christlicher Konservativer ist dieser kaltblütige Mörder sicher nicht«.
Das war allerdings auch nicht die Frage. Die war: »Kann der Massenmörder Breivik nach seinen Taten überhaupt noch ein Christ sein?«
Hinter der tausendfach wiederholten Blitzanalyse des Großfeuilletons von Der Spiegel, NZZ und F.A.Z., Brevik sei »aus dem Nichts« bzw. »aus der Mitte der Gesellschaft« gekommen, steht die äußerst wirkungsmächtige Illusion, normale Christenmenschen würden »so etwas« nicht tun.
Denn: Dekalog, denn: »Du sollst nicht töten«, und hat sich Jesus Christus nicht lieber ans Kreuz schlagen lassen als einen falschen Bart anzukleben und gegen seine Verfolger zu kämpfen? – Die Schwachen trösten, eimerweise… weiter lesen
10.07.2011 von Wolfgang Koch
Wie, fragt man sich als Beobachter, will der Gesetzgeber das unterschiedliche Regime rechtfertigen, wie die erklärte Ungleichbehandlung von gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften, wie die Bevorzugung von älteren Kulten vor neuen?
Derzeit stehen elf Aufstiegskandidaten in Österreich auf der Liste der staatlich anerkannten Bekenntnisgemeinschaften, darunter Aleviten, Baptisten, Evangelikale, Pfingstler, Hindus und Mennoniten. Mit ihren vor zehn Jahren erhobenen 3.629 offiziellen Bekennern haben die Anhänger Shivas und Vishnus keine Chance mehr am Minoritenplatz. Sikhismus, Rastafite, Voodoo – Synkretismen stehen vor dem Gesetz da wie die schlimmsten Unberührbaren.
Statt Privilegien aufzuheben, schafft der österreischische Staat ein immer ungerechteres System. Warum will der Gesetzgeber partout den rechtlichsten Status der Weltanschauungsgemeinschaften nicht anheben? Die Gewährleistung der »Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit« stellt ja auch für Atheisten, Agnostiker, Skeptiker und Gleichgültige – also für alle Andersungläubigen – ein wertvolles Gut dar.
Freidenkerische und humanistische Zirkel werden bald auch in Österreich auf analoge staatliche Anerkennung ihrer Vernunftphilosophien drängen.… weiter lesen
09.07.2011 von Wolfgang Koch
Das Chaos der Auffassungen ist für die Dauer unhaltbar. Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sind Verfahren anhängig. Die Baptistengemeinden wollen – wie die Methodisten – den Religionsunterricht gemeinsam mit der Evangelischen Kirche veranstalten; die Zeugen Jehovas (ca. 23.000 Anhänger) wiederum wollen nicht von all ihren Rechten Gebrauch machen.
Um das Fass voll zu machen, wird es in Hinkunft in Österreich folgende Klassen nach absteigendem Status geben: 1. Kirchen und Religionsgemeinschaften nach historischen Spezialgesetzen (dzt. 7), 2. Kulte nach dem Anerkennungsgesetz von 1874 (dzt. 8), 3. zusätzlich nach einem Gesetz der Zweiten Republik anerkannte Kulte (dzt. 6), 4. Kulte nach der Novelle 2011, 5. eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaften (dzt. 11), 6. religiöse Vereine, Verlage, Kultbaugesellschaften, 7. Weltanschauungsvereine nach dem Vereinsgesetz.
Es gibt also weiterhin durch das Anerkennungsgesetz von 1874 sowie durch historische Spezialgesetze (Protestantengesetz 1781, Staatsgrundgesetz 1867, Israelitengesetz 1890, islamisch-hanefitischer Ritus 1912, Konkordat 1934) geschaffene Religionsgemeinschaften, deren Aufkündigung an einen Beschluss des… weiter lesen