30.11.2012 von Wolfgang Koch

Der sich selbst austragende Westen / Foto: W. Koch
Dass ein Kunstwerk »modern« oder »reaktionär« sei, ist eine chronometrische Aussage. Nach 700 Jahren muss es meines Erachtens gar nichts mehr sein, was sich irgendwie adjektivieren liesse. Allein, wenn es gut war, also immer noch gelungen dasteht, und auch im neuen Zeitkontext prima funktioniert, ist es gut.
Langlebigkeit war für Ernst Jünger ein Gleichnis, doch ein Gleichnis wofür? Die Steinkreise von Stonehenge im Süden Englands zum Beispiel, die vermitteln uns heute die Bedeutung der Sesshaftigkeit für den Menschen. Erst die Bauern des Neolithikums können über genügend Zeit verfügt haben, solche aufwändigen feste Plätze für kultische Zwecke zu gestalten.
Wofür steht nun die Langlebigkeit der verspäteten Romanik? Nach
Walter Seitter zählt die »europäisch-lateinische Romanik« zu einem größeren Kulturkreis, der einst weit bis nach Afrika und Asien reichte und dessen historisches Zentrum Konstantinopel hieß.
Dieser Gemeinschaftsleistung gegenüber
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26.05.2008 von Wolfgang Koch
Was treibt unsere Literaturnobelpreisträgerin, wenn sie mal gerade nicht an einem Netzroman schreibt? Elfriede JELINEK sammelt mit anderen prominenten Österreichern Geld für ein Denkmal zu Ehren eines mörderischen Revolutionärs.
41 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod im Hochland Boliviens soll eine realistische Bronzebüste des argentinische Rebellen Ernesto »Che« GUERVARA DE LA SERNA den Wiener Donaupark verschönern.
Da das Werk der Bildhauerin Gerda FASSEL satte 28.000 Euro kostet, hat Jelinek mit dem SP-Pensionspolitiker Karl BLECHA, mit dem Literaturprofessor Wendelin SCHMIDT-DENGLER, u.a. ein Personenkomitee ins Leben gerufen, das die notwendige Summe bei einem Golfturnier unter dem augenzwinkernden Titel »Che-rity« hereinbringen will.
Golf? – Aber ja doch, denn ironisch gibt man sich in Österreichs am lieben. Ausserdem soll der Bilderbuchrevolutionär Che, dem sich im Kiino demnächst ein viereinhalbstündiges Epos von Steven SONDERBERGH widmen wird, in Echt ein begeisterter Golfspieler gewesen sein.
Der Mann ist bei der heutigen Jugend in grosser Munde; also da kann… weiter lesen
12.04.2007 von Wolfgang Koch
Die 1848er-Revolution ging hierzulande für das Bürgertum verloren, wie an vielen anderen Orten Europas auch. Und die beiden Republiken sind ihrer Bürgern mehr durch das Glück zugefallen, als dass sie mit wehenden Fahnen auf Barrikaden erkämpft wurden. Das erlaubt die These, ein selbstbewusstes Bürgertum habe sich in Österreich eigentlich nie gegeben.
Betrachtet man unsere Zeitungslandschaft, muss man dem leider uneingeschränkt Recht geben. Was sich zum Beispiel Hietzinger Bürgertum nennt, hat heute einen Bentley in der Garage stehen und – als Zweitwagen – einen Hummer vor dem Gartenzaun. Man schlummert (trotz sozialdemokratischer Wahlerfolge) so friedlich und süss in der himmlichen Villa, dass die nächtlichen Einbrecher gar nicht gehört werden, wenn sie ein Fenster aufbohren, sich die Zündschlüssel schnappen und mit den Edelkarossen davonbrausen.
Das hat vor ein paar Monaten ein Unternehmer-Ehepaar in der Veitlingergasse erlebt, und ich verwette mein Zeilenhonorar, dass man in diesem gutbürgerlichen Haushalt zu Bentley und Hummer die… weiter lesen
13.11.2006 von Wolfgang Koch
Nichts ist tückischer als die Topographie der weiblichen Strassennamen in Wien. Es gibt Dinge, die es gar nicht gibt, und andere, die es eigentlich geben sollte.
Im 17. Bezirk, Hernals, zum Beispiel gibt es eine Frauengasse. Kein Mensch und kein Lexikon kann mehr Ursache und Datum dieser Bezeichnung nennen. Man wird mit einiger Berechtigung behaupten dürfen, dass in der Frauengasse einmal Frauen gewohnt haben, wie in anderen Strassen Wiens auch. Doch der Wiener Stadtplan ist nun mal männlich, und die Frau dem Mann bekanntlich ein ewiges Rätsel …
Wahrscheinlich ist die Amnesie hinsichtlich der Frauengasse ein allgemeines Schicksal einer jeden Kulturstadt: vor lauter Kulturzeugnissen verlieren die Bewohner zwischen den Hausfassaden den Überblick. Im Fall der grossen österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann freilich, da ist es Ignoranz, im Fall unserer hervorragenden Frauenrechtlerin Rosa Mayreder ebenfalls. Diese Damen wird der Wien-Liebhaber im repräsentativen Zentrum der Stadt vergeblich suchen! Die honorige Strassenbenennungskommission… weiter lesen
11.10.2006 von Wolfgang Koch
2001 erschienen im Böhlau Verlag die Stadtspaziergänge »Jüdisches Wien« von Michaela Feurstein und Gerhard Michram. Ein immer noch unverzichtbares Buch zum Thema, denn der etwas handlichere Band »Jüdisches Wien/ Jewish Vienna« ist nichts weiter als eine »bearbeitete und aktualisierte Fassung« dieses ersten Guides durch die jüdischen Reste des historischen Wiens – 2004 erschienen im Mandelbaum Verlag und gedruckt mit Unterstützung des Kulturamtes der Stadt Wien (ISBN 3-85476-098-1).
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt, und offenbar auch die falschen Angaben. – Beide Bücher wurden vom Judaisten Klaus Lohrmann bevorwortet, eine überragende Kapazität auf dem Gebiet der Geschichte Wiens. Aber auch das konnte verhindern, dass die Geburtsstätte des jüdischen Philosophen Martin Buber von den Autoren im Haus Franz-Josefs-Kai 35 verortet wurde. In der »bearbeiteten und aktualisierten Fassung« von 2004 liegt dieser Ort immer noch am nord-östlichen Ende des 1. Bezirks, also drei Gehminuten vom Schwedenplatz entfernt, und es ist immer noch die… weiter lesen