05.03.2011 von Wolfgang Koch
Das Ideal des Wiener Essayisten Gerald Schmickl ist der emotional aus sich herausgehende, sich im »Tooor!«-Brüller ekstatisch verausgabende Sportreporter, »ein Begabungsberuf«, zu dem es bei dem bukolischen Fünfzigjährigen allerdings nicht gereicht hat, wohl aber zum dandystischen Kommentator des Zeitgeschehens, der sich freundlich-blasiert der Dichte der europäischen Kultur zuwendet.
Was seine Leidenschaften angeht, überführt sich Schmickl allerdings gleich selbst eines Widerspruchs. Denn das Hohelied auf die expressiven Sportreporter unterläuft Schmickls mehrfach geäußerter Behauptung, jeglicher Heroismus sei ihm fremd. Schließlich feiert er ausgiebig den fröhlichen Impuls des Vernarrtseins.
Gerald Schmickl ist ein intellektueller Schwarmgeist. Man stellt sich am besten einen Gentleman in englischem Tweed vor, braunes Maßschuhwerk, über den Schultern ein Citybag mit den allerneuesten Büchern. Sobald es das Wetter zulässt, wird man ihn durch Augarten oder Prater schlendern sehen; von Zeit zu Zeit bleibt er stehen und liest ein paar Seiten aus dem Vorausexemplar eines Verlages.
Schmickl verschlingt Texte: Romane, Hirnforschung,… weiter lesen
01.05.2009 von Wolfgang Koch
Die »wunderbare Welt der deutschen Wortbildung« ist ein in Österreich nur schlecht besuchtes Wahlfach. Die wenigen, zarten Linien, die von den grossen Namen der Wiener Sprachkritik – Fritz Mauthner, Karl Kraus, Adolf Josef Storfer – zu den Schreibern in unserem Jahrhundert herüberführen, sind kaum zu erkennen. Da kommt ein Autor wie Christoph Winder gerade recht.
Dreieinhalb Jahre lang hat der ehemalige Sprachlehrer als Redakteur der Tageszeitung Der Standard online den modernen Kommunikationsdschungel durchforstet. Genau genommen hat er das nicht allein getan, sondern mit Hilfe seiner Leserschaft.
Was dieser sprachskeptischen Wiener Community mit viel Sinn für das Absurde auffiel und nun in Buchform vorliegt, ist vor allem ihr eigenes Kauderwelsch. Dass es sich bei der Sammlung um ein realistisches Bild des österreichischen Gegenwartssprache handelt, darf bezweifelt werden. Nennen wir den Gegenstand dieses Lexikons das ABC der ostösterreichischen Bildungselite, ihrer provinziellen Verwandten, ihrer halbwüchsigen Jugend und ihres verhassten Umfeldes. Das ist eine… weiter lesen
26.04.2007 von Wolfgang Koch
Ich hätte gerne »Österreichs Kultur ist auf den Hund gekommen« geschrieben. Aber es ist eine Katze geworden.
Alfred Komarek, Eva Rossmann, Michael Köhlmeier, Evelyn Schlag, Peter Henisch, Margit Schreiner, Erika Pluhar, Gerhard Roth, Robert Schindel, Elfriede Hammerl, René Freund, Paulus Hochgatterer, und andere mehr. Es liest sich wie ein Who-is-Who der österreichischen Gegenwartskultur, was sich da im neuen Residenz-Band mit dem Titel »33 Arten eine Katze zu lieben« versammelt hat.
Literarische Schnurren verspricht die Herausgeberin Ruth Rybarski, die sich in den Kultureradktionen von profil und ORF ihre Sporen verdient hat. Was aber soll ein Katzenbuch in einer Zeit, wo wir über Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen aus dem Iran nachdenken müssen? Brauchen wir dieses Thema, wenn gleichzeitig der Verschleissfaktor bei der Entlohnung kaum mehr berücksichtigt wird und die Bezahlung der Arbeit unweigerlich zur Altersarmut führt, weil nichts gespart werden kann?
Österreichs Intelligenz sagt: »Ja!« Sie sagt: »Die Katze ist der… weiter lesen
30.11.2006 von Wolfgang Koch
Peter Weibel hat kürzlich gesagt: »Ich hab nicht die FPÖ [Freiheitliche Partei Österreich] gebraucht, um die österreichische Kulturszene zugrunde gehen zu lassen, da hat mir die Kabarettzene dafür genügt!«
Weibel ist Österreichs prominenter Kulturemigrant am ZMK Karlsruhe. Er argumentiert, die alte Wiener Garde, Karl Farkas und Helmut Qualtinger, die längst tot sind, diese Granden des Wiener Humors hätten noch die verborgenen Beziehungen zwischen Kunst und Komik gekannt und Farkas und Qualtinger hätten diese geheime Beziehung sichtbar gemacht – die medial gehypte Kabarettszene von heute aber tue das gerade nicht.
Recht hat er, der Weibel! Mit einigen Ausnahmen, und eine davon stelle ich heute vor. Tex Rubinowitz ist ein seltsam unfroher Zeitgenosse für einen Humoristen, und ein nach Wien emigrierter Deutscher obendrein. Das bedeutet zunächst, dass er hier ein Beethoven-Schicksal erleidet, also bis zum Ende vom sprachlichen Idiom seiner Begierde getrennt bleiben wird, zugleich aber nicht lassen kann von den Rockschössen… weiter lesen