21.05.2013 von Wolfgang Koch

Manfred Bockelmann: Josef Maria Schneck, 2010-13, Kohlezeichnung auf Jute, 150 x 110 cm / Foto: VBK Wien, F. Neumüller
Von Hitlers Kindervernichtung 1941-45 lässt sich nicht pathosfrei sprechen, das ergibt sich schon aus dem Koinzidieren von Kindheit und Tod. Entsprechend zurückhaltend wird das Thema in der Fachliteratur behandelt. Allerdings lässt sich auch nicht behaupten, dass es irgendwie vergessen oder tabuisiert wäre.
Der offizielle Reader des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau zum Beispiel widmet zwanzig von 460 Seiten den Lebensbedingungen der jüngsten Häftlinge im Lager, gegliedert nach folgenden Abschnitten: 1. Jüdische Kinder und Jugendliche, 2. Kinder und Jugendliche unter den Zigeunern; 3. Polnische Kinder und Jugendliche, 4. Kinder und Jugendliche aus Weißrussland und der Ukraine, 5. Im Lager geborene Kinder, 6. Das Leben der Kinder im Lager.
Jeder auf Aufklärung und Rationalität setzende Umgang mit dem Holocaust wird auf große Gefühle und Melodramatik verzichten. Warum tun es… weiter lesen
19.05.2013 von Wolfgang Koch

Manfred Bockelmann: Josefine K., 11 Jahre / Foto: VBK Wien, F. Neumüller
»Zeichnen gegen das Vergessen« heißt die Hälfte einer neuen, im Wiener Leopold Museum gezeigte Serie von Manfred Bockelmann. Eines dieser Bilder zeigt die zweijährige Karolina Rigo, ein engelsgleicher Lockenkopf, der einem Kleinkind im deutschen Konzentrationslager Auschwitz gehört hat. Bockelmann portraitierte auch die lachende 12jährige Anna Cohen, und er zeichnete das schöne Renaissanceantlitz der 11jährigen Josefine K. – Zeile für Zeile, mit dem Kohlestift in Augenhöhe vor der Juteleinwand stehend, und nach fotografischen Frontalaufnahmen aus erhaltenen Aktenbeständen.
Er wolle mit der Serie gar keine Kunst machen, betont der Zeichner halb verlegen, er wolle einfach nur an ein schreckliches Schicksal erinnern, das Menschheitsverbrechen unvergesslich machen, ja, er wünsche sich von ganzen Herzen, sagt Bockelmann, dass die nächtlichen Partybesucher im Hof des Wiener des Museumsquartiers diese seine Zeugnisse des Grauens registrieren und fortan im Kopf behalten werden. Es gehe bei dieser Arbeit nie und… weiter lesen
17.05.2013 von Wolfgang Koch

Der neue Wanderer Manfred Bockelmann über dem Nebelmeer / Foto: VBK Wien
Vom 17. Mai bis 2. September 2013 präsentiert das Leopold Museum die Sonderausstellung »Zeichnen gegen das Vergessen«. Im großen Saal eines der vielen Untergeschosse des Gebäudes zu sehen: etwa sechzig erkennungsdienstlich behandelte Kinder und Jugendliche, mit breit gestreiften Häftlingsanzügen und kahlgeschorenen Köpfen nach ihrer Deportation durch NS-Schergen in die Spitäler und Lager.
An einer Wand aber keine traurigen, resignierten oder geschockten Gesichter, sondern fröhliches Kinderlachen in bester Sonntags-Kleidung: im Matrosenanzug, im Kostüm, mit Zylinder. Bei dieser zweiten Sorte von Portraits dienten Manfred Bockelmann Aufnahmen als Vorlagen zu seinen Bildern, zu denen sich die Kinder in den Lagern und Kliniken freiwillig gemeldet haben – nichtsahnend was ihnen noch bevorstand.
»Ich zeige keine Märtyrer, keine Leichenberge und keine geschundenen Kreaturen, deren Gesichter von Hunger, Krankheit und Erschöpfung gekennzeichnet sind, die ihrer Individualität beraubt wurden. Ich zeige Individuen, denen… weiter lesen
17.05.2013 von Wolfgang Koch

Manfred Bockelmann: Ludwina Schmidt, 2010-13, Kohle auf Jute, 150-110 cm / Foto: VBK Wien, F. Neumüller
Die hellsten politischen Köpfe sind selten in den Mehrheitsparteien zu finden. Die Wiener Demokraten, eine liberale Splitterpartei des späten 19. Jahrhunderts, hielten im Parlament 1873 gerade mal fünf Sitze. Ihre bürgerlichen Abgeordneten wilderten gerne in Orchideengärten und pflanzten das Unkraut der Freiheit unter den unabhängigen Intellektuellen des Landes. Ihr Wortführer Ferdinand Kronawetter geiselte jahrelang die kaiserliche Polizeiwillkür und kämpfte für das Frauenwahlrecht.
Kronawetter beklagte in schönster liberaler Manier, dass die Behörden per Gesetz dazu ermächtig werden das Recht des Hausherrn zu brechen und Hausdurchsuchungen durchführen zu können. Diese Linksliberalen des 19. Jahrhunderts wollten es auch nicht als selbstverständlich ansehen, dass sich Inhaftierte von der Polizei automatisch fotografieren lassen müssen.
Das ist eine heute für viele Menschen schwer nachvollziehbare Position. Tatsächlich aber gab es einmal diese frühen Datenschützern, die… weiter lesen
22.04.2013 von Wolfgang Koch

Was so aussieht wie etwas, aber möglicherweise etwas anderes ist / Foto: W. Koch
Dass Österreicher und Deutsche doch nur entfernte Verwandte in Europa sind, ahnten wir schon länger. Nun wissen wir wieder einmal genauer, warum das so ist.
Dieser Tage erfreute sich die Twitter-Liste »WorteausderKindheit« großer Beliebtheit. Sie versammelt Phrasen und Begriffe, die den heutigen Erwachsenen in Deutschland nicht mehr aus dem Ohr gehen. Unter http://dict.leo.org/forum/vie… de&lang=de findet sich schon länger eine kommentierte Kollektion dieser Art.
Auf diese vielsagenden Akte populärer Selbstbefragung und Selbsterforschung aufmerksam geworden, legte die Tageszeitung »Der Standard« eine nationale Umfrage nach: über einhundert PosterInnen lieferten ein für Österreich gültiges Sittenbild.
In der Folge die geordnerten Worte aus der Kindheit, mit der hierzulande lebenden Generationen aufgewachsen sind:
-A-
… aber danach (geht’s) ab ins Bett.
Der/die … hat das aber auch.
Das noch, aber dann abmarsch.
Wenn der… weiter lesen
30.11.2012 von Wolfgang Koch

Der sich selbst austragende Westen / Foto: W. Koch
Dass ein Kunstwerk »modern« oder »reaktionär« sei, ist eine chronometrische Aussage. Nach 700 Jahren muss es meines Erachtens gar nichts mehr sein, was sich irgendwie adjektivieren liesse. Allein, wenn es gut war, also immer noch gelungen dasteht, und auch im neuen Zeitkontext prima funktioniert, ist es gut.
Langlebigkeit war für Ernst Jünger ein Gleichnis, doch ein Gleichnis wofür? Die Steinkreise von Stonehenge im Süden Englands zum Beispiel, die vermitteln uns heute die Bedeutung der Sesshaftigkeit für den Menschen. Erst die Bauern des Neolithikums können über genügend Zeit verfügt haben, solche aufwändigen feste Plätze für kultische Zwecke zu gestalten.
Wofür steht nun die Langlebigkeit der verspäteten Romanik? Nach
Walter Seitter zählt die »europäisch-lateinische Romanik« zu einem größeren Kulturkreis, der einst weit bis nach Afrika und Asien reichte und dessen historisches Zentrum Konstantinopel hieß.
Dieser Gemeinschaftsleistung gegenüber
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16.10.2012 von Wolfgang Koch
Die Geschichte der Moderne beginnt lange vor dem 15. und 16. Jahrhundert, vielleicht mit der Erfindung der Geldwirtschaft in den Hochkulturen der europäischen und der indischen Antike, sicher aber mit der Ersten industriellen Revolution, in der der Reformorden der Zisterzienser zum benediktinischen Ideal der Askese zurückkehren wollte.

Uralte Mauern des Westwerks, ganz neu / Foto: Gisela Erlacher
Die Mönche suchten sich bewusst beschwerliche Arbeitsbedingungen aus, sie stellten körperliche Arbeit und Kultivierung der Natur in den Mittelpunkt des klösterlichen Lebens.
So verband sich disziplinierte Arbeit mit dem rationellen Einsatz von Technik und Natur. Der Leidenscharakter der körperlichen Arbeit wurde zwar nicht überwunden, konnte es noch nicht werden, aber er wurde ins Positive gewendet. Alle Plackerei sollte fortan durch technische Innovationen und organisatorische Rationalisierung beseitigen werden.
Das ist der wirtschaftsgeschichtliche Hintergrund von Walter Seitters makrogeschichtlichem Ansatz. Sein historischer Strukturalismus betrachtet politische und soziale Einheiten allerdings als Ausdruck… weiter lesen
16.06.2012 von Wolfgang Koch
Wogegen wehrte sich denn die widerspenstige Romanik in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts? Gegen die gotischen Papstanhänger und Kaisergegner, die mit einer neuen Eleganz auftrumpften, hochmütig und feminin. Die zisterziensische Reform wandte sich auch gegen die benediktische Praxis; aus ihr gingen die geistlichen Ritterorden hervor.

Eine metaphysische Laison zwischen Sein und Nichts
Walter Seitter meint, mit dem Ausbau des Westwerkes und der darin untergebrachten Herrenempore versuchte das Weltliche eine Art Gleichgewicht zum Sakralen von St. Stephan zu halten. Bis zur zisterziensischen Reform seien die Menschen gewissermaßen als zivile Bürger im Kirchenraum anwesend gewesen, und nicht als untertänige Gläubige.
Warum wohl, fragt der Autor, stellen sich Männer bei der katholischen Sonntagsmesse bis heute immer noch ganz hinten auf? Weil, so könnte man sagen, sie damit eine gewisse Distanz anzeigen gegenüber dem religiösen Furor, der das rituelle Geschehen aus der Verfügungsgewalt der Gemeinschaft löst und in die… weiter lesen
15.06.2012 von Wolfgang Koch

Von der Schönheit des Auferstehungsleibes
Wien ist verglichen mit Kärnten oder der Steiermark nicht gerade gesegnet an romanischen Bauschätzen. Ein paar Gewölbebogen in Kirchen und Kellern, Schwellen in Kreuzgängen, das Westwerk von St. Stephan – der Rest liegt unter der Erde oder ist für immer verschwunden.
Wer in dieser Stadt das Lebensgefühl der Karolinger, Kuenringer und Babenberger nachempfinden will, verlegt sich besser auf Preziosen und geht in die Schatzkammer. Dort stößt man auf Hauptwerke der Romanik.
In Ermangelung wertvoller baulicher Relikte spielt die Pfarrkirche im niederösterreichischen Schöngrabern, auf der ehemaligen Hauptverbindung nach Prag gelegen, eine für die Forschung notorische Rolle. Seit dem 19. Jahrhundert arbeiten sich immer neue Generationen von Kunsthistorikern, Theologen und Heimatforschern an diesem eigenartigen Bauwerk ab.
Wie an gewissen Details der Stephanskirche überzeugt Walter Seitters Methode der »monumentarische Archäologie« auch hier nicht ganz. Zwar vergleicht er die grandiose Außenapsis der Kapelle… weiter lesen
12.06.2012 von Wolfgang Koch
Walter Seitter ist ein Wanderer, der hoch hinaufsteigt und deshalb tief hinabblicken kann. Aus seiner Schreibwerkstatt am Hohen Markt sollen im heurigen Jahr nicht weniger als vier Bücher hervorgehen.

Wilde Tumulte von Monstern, Tieren und unförmigen Menschen
In dem schmalen Thesenbändchen, von dem an dieser Stelle die Rede ist, rezykliert Seitter drei seiner seit langem bekannte Aufsätze aus den 1990er-Jahren und fügt diesen zwei spannende neue Texte hinzu, die sich mit den älteren Studien tatsächlich zu einem kulturgeschichtlichen Schwergewicht unter den Neuerscheinungen summieren.
Walter Seitter wölbt in klassischer Weise zwei Stilbegriffe der Kunstgeschichte gegeneinander. Den aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammender Begriff der Romanik für einen Bau- u. Kunststil des lateinischen Europa, der sich an der Antike orientierte, und im Widerstreit dazu: den Tatbestand der sogenannten Gotik, ursprünglich ein Denunziationsbegriff der Renaissance für die vorhergehende Epoche.
Dieses Gegeneinanderwuchten mag einem aufgrund der verschiedenen Herkunft der… weiter lesen