25.01.2012 von Wolfgang Koch
Die gescheite Elfriede Jelinek zeigt sich neuerdings besorgt um die Vergabe eines 5.000-Euro-Jobs im Büro des ORF-Generalintendanten. Ja, fragt man sich da verwundert, wurde sie denn nicht jahrzehntelang aufs Schönste von linken ORF-Journalisten hofiert, hat nicht gerade sie auf dem politischen Gesinnungsjournalismus, den es jetzt angeblich zu verhindern gilt, ihre steile Karriere mit aufgebaut?
Ich halte nichts von der kulturellen Linken und ihren Machinationen. Verstünden unsere fortschrittlichen Dramaturgen am Burgtheater wirklich zu lesen und nicht nur in schicken Restaurants zu tafeln wie Gott in Frankreich, sie hätten niemals Jelineks kapriziöse Sprachschmerz-Stücke auf die Bühne gehievt, sondern die Borderline-Literatur eines Hermann Schürrer oder eines Bernt Burchhardt, um nur zwei Säulenheilige der Wiener Obdachlosenzeitung Augustin zu nennen.
Der Aufschrei von Robert Sommer zerreißt noch ein paar andere Nebel. Bis auf die Haut blamiert steht jetzt zum Beispiel der abgehobene Wien-Diskurs der Kulturwissenschaften da, der in Lutz Musners Habitilationsschrift Der Geschmack von… weiter lesen
21.12.2011 von Wolfgang Koch
02.05.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 9 u. 10 (Schluß) , gewidmet der »Falter«-Redaktion
9- HEINZ GÄRTNER
Der Universitätsprofessor am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) ist ein sehr zugänglicher Akademiker, aufgeweckt und weltoffen, kritisch und engagiert. Er hat sich in den letzten Jahren neben seiner eigentlichen Forschungs- und Lehrtätigkeit auch als stiller Politikberater einen klingenden Namen gemacht.
So wie zu Joschka Fischers Zeiten der Berliner Politologe Herfried Münkler der rotgrünen Koalition in Deutschland schicksalhafte Strategien soufflierte, so textet Gärtner heute als österreichischer »Ein-Mann-Think-Tank« Reden für sozialdemokratische Regierungsmitglieder. Und nicht nur das. Gärtner zählt zu jenen bissigen Kräften hinter den Regierungskulissen, die mit akademisch beglaubigten Papers aktiv den umstrittenen Umbau der österreichischen Wehrpflichtarmee in ein Freiwilligenheer betreiben.
Im scharfen Widerspruch zu anderen Sicherheitsexperten verteidigt Gärtner allerdings die österreichische Doktrin einer immerwährenden völkerrechtlichen Neutralität des Landes. Neutralität kennt eine Mittlerrolle in Konflikten; sie bietet nach Gärtner im Kontext internationaler Sicherheitseinsätze dem kleinen Land klare Vorteile: dem neutralen Österreich werden z. B.… weiter lesen
20.04.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 8, gewidmet der »Falter«-Redaktion
8- FRANZ SCHANDL
Wie Stephan Grigat (siehe Teil 6) gehört auch dieser ehemalige Protagonist der Grünen Einigung und erste Historiker der österreichischen Ökopartei zur restmarxistischen Fraktion der heimischen Intelligenz. Franz Schandls publizistisches Wirken umfasst heute Bücher, Zeitungsartikel, Vorträge und die Herausgabe des ohne ein praktisches Gegenüber existierenden Theorieorgans Streifzüge.
In den frühen 1980er-Jahren publizierte Schandl im Grün-alternativen Monatsmagazin MOZ, dessen Redaktion ungeniert Gelder vom libyschen Diktator Mummar Gaddafi eingestreift hat – und nicht nur Gelder, sondern auch Illusionen: in der MOZ wurde auf Hochglanzpapier die »Grüne Revolution« in der »Sozialistischen Volksrepublik Libyen« romantisiert und es wurden, damals antizyklisch zum Zeitgeist, die moslemischen Massen zur Speerspitze des Antiamerikanismus ausgerufen.
War man denn nicht »antiimperialistisch« in der Stadt von Karl Kraus? Also bejubelte die MOZ-Redaktion skrupellos eine terroristische Lichtgestalt, die regelmäßig diplomatische Boten mit Geldkoffern aus dem Ölgeschäft in der Wiener Redaktionsstube vorbeischickte, auch wenn es bereits damals genug niederschmetternde Berichte zur Menschenrechtslage im… weiter lesen
14.04.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 7, gewidmet der »Falter«-Redaktion
7- CHRISTIAN REDER
Dass er in Budapest geboren ist, sagt über ihn soviel wie die Tatsache, dass Thomas Bernhard in Heerlen in Holland geboren ist: nämlich nichts und weniger als das. Christian Reder kam nicht als Fremder nach Österreich und doch ist aus ihm über die Jahre eine Art Fluchthelfer geworden, der unablässig Fremdes in ein Land schmuggelt, das sich am liebstem am Eigenen ergötzt.
Der Analytiker, Autor, Essayist, Herausgeber, Kurator und Kunstsammler wirkt seit 1985 als Professor an der Universität für angewandte Kunst Wien und leitet daselbst ein Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer. Er ist gefragter Gesprächspartner von bildenden Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftern, nicht nur in Österreich: wir nennen Alexander Kluge, den Libanesen Amin Maalouf, den chilenischen Biologen Humberto R. Maturana.
Entsprechend häufig verfasst Reder Katalogtexte, bestreitet Podien, eröffnet Ausstellungen. Sein geistiges Profil ist ohne ausgedehnte Reisetätigkeiten nicht denkbar. Dabei absorbieren – nachdem das um… weiter lesen
08.04.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 6, gewidmet der »Falter«-Redaktion
6- STEPHAN GRIGAT
Jeder antideutsche Deutsche hat ein Vaterland. Österreich wäre nach der Niederlage von Königgrätz 1866 prädestiniert dafür gewesen, hat diesen Bonus im Dritten Reich aber unwiederbringlich verspielt. Wenn der antideutsche Deutsche heute in Wien lebt, setzt er sich – nach dem Vorbild des kommunistischen Bahamas-Redakteurs Justus Wertmüller – für eine »bedingungslose Solidarität« mit Israel ein.
Stephan Grigat ist ein intimer Kenner des Autonomenmilieus und seiner Diskurse, im alten Rom hätte er gewiss nachts das kalte Messer in Cäsars Brust gesetzt. Im Wien des 21. Jahrhunderts greift er klugerweise zur PC-Tastatur und hat sich so mit viel Fleiß in den letzten Jahren zu einem gefragten Kommentator des friedlosen Nahostgeschehens gemausert.
Grigat lehrt politische Wissenschaften an der Universität Wien; er ist kein Marxist in Zapfenstreich-Manier, sondern versucht auch dem situationistischen Ansatz zur Gesellschaftskritik etwas abzugewinnen. Politisch steht er kompromisslos bis zur Selbstaufgabe auf der Seite des Zionismus;… weiter lesen
31.03.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 5, gewidmet der »Falter«-Redaktion
5- WALTER SEITTER
Der 1941 in Engstetten geborene Philosoph, Kunsthistoriker und Medientheoretiker erlebte in jungen Jahren ein paar Sternstunden der europäischen Geistesgeschichte. Er studierte in Salzburg und München bei Eric Voegelin und Hans Sedlmayr, hörte 1969/70 ím studentenbewegten Paris Jacques Lacan, Raymond Aron und Michel Foucault.
Bereits ab 1973 übersetzte Seitter verdienstvoll Foucault ins Deutsche; er gehörte in den 1980er-Jahren zu den ineinanderwirkenden Autoren bei Merve. 1989 begründete er die »Neuen Wiener Gruppe« (Lacan-Schule) mit, einen mutigen intellektuellen Kontrastzirkel zur Wiener Heurigenseligkeit. Und über 20 Jahre lehrte Seitter Kommunikationstheorie an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Wien steht dem Mann freilich immer schon ratlos gegenüber. Sein Produktivsein versank nie in Relativismus, weil er sein Denken lieber einem Verfahren des impliziten Philosophierens annähert, in dem Beispiele ebenso ernst genommen werden wie Argumente. Bilder und Parabeln, Zitate und Paraphrasen müssen einen Großteil der Last der philosophischen Argumentation tragen.
Den… weiter lesen
25.03.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 4, gewidmet der »Falter«-Redaktion
4- PETER GORSEN
Peter Gorsen ist – neben Burghart Schmidt – der wichtigste Intellektuelle aus dem Kreis der erloschenen Frankfurter Schule, der in der Kreisky-Ära den Weg nach Wien gefunden hat. Der Kunst- und Mentalitätshistoriker wirkte ein Vierteljahrhundert lang als Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst.
Ebenso lange lebt er nun nach eigenem Gefühl in Österreich im Exil – »als Einsiedler, kulturell nicht wirklich integriert«, sagt Gorsen, und: »Ich weiß auch nicht, ob ich mir das wünschen sollte«.
In den raunenden Diskurswelten Wiens tritt der langjährige F.A.Z.-Kunstkritiker kaum mehr in Erscheinung. Sein Status eines ewigen Fremdlings hat sich seit der Pensionierung sogar noch verstärkt. Dabei ist Gorsens Name von der künstlerischen Bewegung des Wiener Aktionismus, deren Zeitzeuge und Kommentator er war, nicht zu trennen; Gorsen dachte diese Wiener Jahrhundert-Avantgarde als erster von de Sade, Baudelaire, Bataille und Klossowski her.
Gorsens Bücher Das Bild Pygmalions und… weiter lesen
18.03.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 2 u. 3, gewidmet der »Falter«-Redaktion
2- IILIJA TROJANOW
Der geborene Bulgare mit der Pitralon-Frisur gilt als Weltensammler per excellence: deutsch-afrikanische Kindheit, ausgiebige Indienerfahrungen, Lesereisen ins Unbekannte, Tochter in Zürich, savoir vivre bei geringem Nachtschlaf, Schlagloch-Kolummne der taz. Das sollte eigentlich jedem Kulturminister genügen, um in Trojanow den Kosmopoliten des 21. Jahrhunderts zu erkennen.
Kein Verzweiflungspoet, nein, kein Dichter-Yogi, ein schreibender Jetztmensch, spendabel mit Worten, wundersüchtig nur im Privaten, missionarisch bloß in eigener Sache.
Er, Trojanow, habe sich im 9. Gemeindebezirk nahe der Sigmund-Freud-Wohnung niedergelassen, sagt er, weil ihn in Wien noch niemand gefragt habe, wo er herkomme, wenn er seinen Namen nennt. Das klingt nicht nur in den Ohren von Roma und Landfahrern gut, – wir nehmen das gleich als gültiges Versprechen eines neuen gesellschaftlichen Miteinanders, als eine neue Vision der Stadt ohne nachgeworfene Beleidigungen für Fremde mit oder ohne legalem Aufenthaltsstatus.
Trojanow ist ein musterhaftes Mitglied… weiter lesen
12.03.2011 von Wolfgang Koch
Blogserie, Teil 1, gewidmet der schläfrigen »Falter«-Redaktion
1- PETER SLOTERDIJK
Mal ehrlich, wo in der Welt hätte der deutsche Starphilosoph Sätze schreiben können wie diesen: »Ein Individuum in einer Gesellschaft von Individuen zu werden bedeutet, sich auf das Verlassenwerden durch den früher sterbenden unersetzlichen Anderen einzurichten«? – Solch schmerzliche Einsichten ergeben sich bei einem Spaziergang über den Wiener Zentralfriedhof wie von allein.
Seit vielen Jahren kehrt Peter Sloterdijk von seinen Lehrverpflichtungen und Medienterminen am Wochenende zurück in den 1. Wiener Gemeindebezirk. Hier hat er sich sein Lese- und Schreibrefugium eingerichtet, hier zerbricht er sich den Kopf über unser »Gemeinwesenbewußtsein«, von hier aus ruft er die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft auf, die gute alte Ethik der Gabe in eine »Psychopolitik der Großzügigkeit« einzubetten.
Sloterdijk, der zu den westlichen Wissenschaftsstars gerechnet werden muss, hat seine Prominenz qua Fernsehpräsenz auf deutschen Bildschirmen erworben. Sie bestimmt seinen guten öffentlichen Ruf, sie verleiht seinen… weiter lesen