30.07.2012 von Wolfgang Koch

Ihren Befreiungsschlag haben Printmedien noch vor sich / Foto: W. Koch
Es gibt im deutschen Sprachraum wohl kein eindringlicheres Beispiel, wie Web-Aktivitäten eine Qualitätszeitung schrittweise zerstören. Die pro-sozialdemokratische österreichische Tageszeitung Der Standard, herausgegeben von prominenten Wiener Juden Oscar Bronner, hat sich frühzeitig für eine interaktive Webpräsenz entschieden. Sämtliche redaktionellen Inhalte können seit Jahren kostenfrei im Netz abgerufen und anonym kommentiert werden.
Der erste Effekt dieser elektronischen Verstärkung der Zeitung war, dass österreichische Intellektuelle sich schrittweise von den beliebten Kommentarseiten des Blattes zurückzogen. Verehrungsheischende Autoren wie Rudolf Burger, Franz Schuh und Robert Menasse vertragen es nun mal nur schlecht, wenn jede ihrer Äußerungen unerbittlich von einem schreibmordlüsternen Mob niedergemacht wird.
Der Großteil der Poster sind junge Männer, teils noch im Gymnasialalter, Studenten, Jungakademiker. Sie reagieren auf alle Artikel aggressiv und negativ, machen lustbetont jede Äußerung herunter, soweit es die Faktenlage zulässt, und nicht selten trotz dieser.… weiter lesen
25.05.2012 von Wolfgang Koch

Extrem schnell ermitteltete Tatsachen/ Foto: W. Koch
»Mit einem wahren Feuerwerk ist Samstagabend der 20. Life Ball in Wien eröffnet worden«. – Sterbenskranken helfen und gleichzeitig Busen blitzen lassen geht nicht. HIV-Positive trösten und gleichzeitig gut essen geht nicht. Man kann auch nirgendwo außer in Österreich für Aids-Kranke Geld sammeln und gleichzeitig für den Kauf von Edelsteinen werben.
»Warum die Linksradikalen die beste Wahl für Griechenland sind …«. – Nein, Linkssein allein genügt nicht. Wenn der Vorsitzende der Syriza-Partei, Alexis Tsipras, nicht Englisch spricht, soll er bleiben, wo der Pfeffer wächst. Es reicht schon, dass der Rest der Europäischen Union keine griechischen Bilanzen lesen kann.
»Zum ersten Mal hat die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) zu einem Tag der offenen Tür geladen«. Foren-Kommentar in einer sogenannten liberalen Tageszeitung: »wer dort hingeht unterstützt die politik von netanjahu der eine kriegsalianz geschmiedet hat«. – Replik: wer in moschee… weiter lesen
29.01.2012 von Wolfgang Koch
Virtuos lügen. »Fest im Leben stehen« lautet der originelle Titel eines Berichts der Tageszeitung Der Standard über die Seligsprechung der am 11. Juni 1933 zu Wien verstorbenen christlichen Sozialreformerin Hildegard Burian. Auch die katholische Presseagentur bleibt uns einen stichhaltigen Beweis für die Aussage »Hildegard Burjan ist selig« wieder mal schuldig.
Politikstilforschung. Kann man den im Senegal als Präsidentschaftkandidat verhinderten Weltmusik-Star Youssou N’Dour nicht ausnahmsweise erlauben in Österreich zur nächsten Bundespräsidentenwahl anzutreten? Sonst haben die Schwarzen gar keine Chancen mehr.
Jetzt kommentieren. In der krone.tv-Serie »Politik im Bild« bringt Innenpolitik-Chef Claus Pándi erklärtermaßen »die Höhe- und Tiefpunkte der Innenpolitik«. Seine ganze Kunst besteht dabei darin, nie erkennen zu lassen, ob es sich in der aktuelle Folge gerade um einen »Höhe-« oder um einen »Tiefpunkt« handelt. Das muss ich mir als Zuseher nicht mal beim Videocast »FS Misik« selber denken.
Land über Bord. Da gibt’s also einen Grünen-Politiker in… weiter lesen
21.12.2011 von Wolfgang Koch
20.12.2011 von Wolfgang Koch
Wienblog: Warum, Herr Koch, beschimpfen Sie die Wiener Gratiszeitungen als »Drecksblätter«?
Koch: Also, bitte das tue ich gar nicht! Ich nenne Österreich und Heute »Verdrecksblätter«, weil diese Medien in Partnerschaft mit den Wiener Linien die öffentlichen Verkehrsmittel wochentags in Müllhalden verwandeln. Der halbalphabetisierte Wiener bezeigt damit die tägliche Portion Verachtung gegenüber seinesgleichen: Die Menschen lassen das bedruckte Papier einfach in der Bahn liegen, trampeln drauf herum, bis dann aus Zuwanderern zusammengestellte Putzkolonnen ihr Ausgeschiedenes wieder wegmachen.
Wienblog: Spricht da nicht Überheblichkeit gegenüber den bildungsferneren Schichten aus Ihnen? Schließlich kann nicht jeder auf dem Weg zur Arbeit die F.A.Z. studieren.
Koch: Also nach meiner Beobachtung verteilen sich die Lese-Surrogat-Junkies ziemlich gleichmäßig über alle sozialen Schichten im Wiener Raum. Früher, als ich noch Printjournalist war, gab es ja mit der Tageszeitung täglichAlles ein ganz ähnlich niveauloses Medienexperiment. Damals habe ich argumentiert, da würden doch wenigstens die der Buchstabenwelt entfremdeten Menschen an die… weiter lesen
26.09.2011 von Wolfgang Koch
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Werner Faymann! Sehr geehrter Herr Außenminister Dr. Michael Spindelegger!
Seit April 2010 regiert in unserem Nachbarland die neu angetretene Fidesz-Regierung unter Viktor Orban mit einer verfassungsgebenden 2/3-Mehrheit im ungarischen Parlament. Ungarn steht im Zeichen der Wende. Der starken Ansage von Ministerpräsidenten Orban, mindestens 20 Jahre an der Macht bleiben zu wollen, folgten Taten. Die Fidesz-Regierung hat keine Zeit verloren:
In atemberaubender Geschwindigkeit wurde begonnen, die satte parlamentarische 2/3-Mehrheit dafür zu nutzen, die politischen Spielregeln im Land zu ändern.
Im ersten Jahr der Regierung Orban beschloss das Parlament über hundert neue Gesetze, teilweise mit empfindlichen sozialen Einschnitten, etwa bei Pensionen und öffentlich Bediensteten.
Mit dem international viel kritisierten neuen Mediengesetz wird die Freiheit der Medien und der Meinungsäußerung empfindlich eingeschränkt. Im Eilverfahren wurden Verfassungsänderungen, zuletzt eine große Verfassungsnovelle beschlossen – Kompetenzbeschneidung beim Verfassungsgerichtshof inkludiert.
Ohne Einbindung der repräsentativen Gewerkschaften ist ein neues Arbeitsgesetzbuch in Vorbereitung, das –… weiter lesen
24.09.2011 von Wolfgang Koch
Zählen Sie sich zur deutschen Kulturintelligenz? Dann lesen Sie bestimmt das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie werden das nicht mehr lange tun.
Die meinungsführende Hirnkammer der Deutschen leistet jetzt wöchentlich einen Offenbarungseid. Die heutige Generation von Kulturjournalisten ist einfach zu schwach, um die Qualitätsmaßstäbe hochzuhalten, die vor einem Jahrhundert in heiligem Ernst formuliert wurden.
Karl Kraus, der angriffslustigste Publizist deutscher Zunge im 20. Jahrhundert, geißelte nicht nur Bellizisten und Rüstungsprofiteure im 1. Weltkrieg. Kraus attackierte zeitlebens und von der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift »Die Fackel« im April 1899 an jede Art von erkennbarer Cliquenwirtschaft: die Kartelle der Apotheker und der Universitätsprofessoren, die Seilschaften der Freimaurer und der Zuckerbarone, der Dreyfus-Anhänger und der Börsenspekulanten, ganz besonders aber den unaufhörlichen Prinzipienverrat durch die »Journaille«, sprich der Wiener Presse.
Ob es sich nun um Freikarten für Theaterkritiker oder um Journalistenreisen in den Urlaub handelte, ob es um Intendantengeschenke an Rezensenten oder durch Inserate… weiter lesen
14.08.2011 von Wolfgang Koch
Das zweitwichtigste Instrument der Publizistik, nach dem Bericht, ist der Kommentar, genauer: die Ferndiagnose, denn über Anders Behring Breivik ist trotz seiner voluminösen Bekennerschrift ja noch sehr wenig (vor allem über Ausbildung, Berufstätigkeit und finanzielle Verhältnisse) in der Öffentlichkeit bekannt.
Die Ferndiagnose verrät in der Regel oft mehr über den Autor als über den Täter und das Ereignis: also über des Schreibers Vorlieben, seine Feindbilder, sein psychologisches Gespür, sein historisches Wissen, über Originalitätsdrang, Angriffs- und Formulierlust.
Im Folgenden zwei anspruchsvollere Beispiele aus dem Universum des gedruckten Wortes. Der Computerpionier David Gelernter war einer der Adressaten des US-Terroristen Theodor Kaczinsky und wurde 1993 von einer Briefbombe schwer verletzt. Seine Analyse des norwegischen Doppelverbrechens erschien eine Woche nach den Taten in der F.A.Z. vom 29. Juli 2011.
Der zweite Autor fühlte sich von Gelernter direkt angesprochen und antwortete eine weitere Woche später auf dessen Text. Reinhard Jellen, langjähriger Telopolis-Kolumunist und DJ, veröffentlichte… weiter lesen
05.08.2011 von Wolfgang Koch
Ich kann Ihnen jetzt schon versichern, dass das deutsche Unwort des Jahres 2011 »Hassblog« heißen wird. Das schließt sich nahtlos an die Selbst- und Fremdbezeichnung der Taliban und al-Qaida-Terroristen von 2001 an: an den Gotteskrieger, und es macht die dazwischen liegenden »notleidenden Banken«, die »Ich-AG« und das »Humankapital« vergessen.
Was ist ein Hassblog? Zunächst nichts als die Steigerung eines nicht moderierten Internetforums, das unter dem Vorwand der freien Meinungsäußerung bewusst oder fahrlässig bedenkliche Kommentare zulässt. Dazu zählen auch alle Blogs, die sich als Aggregate verstehen, also nur Beiträge von anderen sammeln und publizieren.
In der gestrigen Ausgabe der Berner Zeitung fand sich ein Artikel über Breviks Lieblingsautorin Bat Ye’or, die in der Schweiz lebt. Die Kommentare auf der dazugehörigen Website des Mediums hielten sich keine sieben Zeilen beim Gegenstand des Berichtes auf.
Ein gewisser Andy Meier behauptete zunächst: Bevor die Schiesserei auf der Insel begonnen hat, haben mehrere führende Politiker… weiter lesen
10.06.2011 von Wolfgang Koch
Die österreichische Tageszeitung KURIER hat einen neuen Herausgeber, und der setzt zu einem Befreiungsschlag von der doppelten Meinungsführerschaft aus ORF und NEUER KRONENZEITUNG im Land an. Helmut Brandstätter positioniert sein Blatt seit Monaten als »Qualitätszeitung« am Markt.
Da genau das bereits ein halbes Dutzend Konkurrenten tut, ist Vorsicht geboten. Bietet denn der KURIER auf irgendeiner Seite Qualität der Information, ist in seine Textspalten eine neue Schärfe der Analyse eingezogen oder gar Geistesgegenwart?
Unsere Nachforschungen ergeben gerade das Gegenteil: auf den Politikseiten Tendenzjournalismus gegen die FPÖ, pedantische Wichttuereien und autoritätssüchtige Steuerhinterziehungsschnüffeleien; der Rest TV-konforme Unterhaltung, also dümmlicher Exhibitionismus und die Humorverkrampfungen sogenannter Kabarettisten, wie wir sie bereits von den Wiener Off-Bühnen kennen.
Gewiss, neben unseren Bankraub-Blättern (HEUTE, ÖSTERREICH) nimmt sich der KURIER immer noch wie eine Informationsplattform aus. Doch je genauer man hinschaut, desto niederschmetternder das Ergebnis.
Gestern zum Beispiel erfuhren wir unter der weltbewegenden Headline Mega-Stau zu Pfingsten auf dem… weiter lesen