Archive for the ‘Literatur’ Category

22.04.2013 von Wolfgang Koch
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WORTE AUS DER KINDHEIT DER ÖSTERREICHER

von Wolfgang Koch

Was so aussieht wie etwas, aber möglicherweise etwas anderes ist / Foto: W. Koch

Dass Österreicher und Deutsche doch nur entfernte Verwandte in Europa sind, ahnten wir schon länger. Nun wissen wir wieder einmal genauer, warum das so ist.

 

Dieser Tage erfreute sich die Twitter-Liste »WorteausderKindheit« großer Beliebtheit. Sie versammelt Phrasen und Begriffe, die den heutigen Erwachsenen in Deutschland nicht mehr aus dem Ohr gehen. Unter http://dict.leo.org/forum/vie… de&lang=de findet sich schon länger eine kommentierte Kollektion dieser Art.

 

Auf diese vielsagenden Akte populärer Selbstbefragung und Selbsterforschung aufmerksam geworden, legte die Tageszeitung »Der Standard« eine nationale Umfrage nach: über einhundert PosterInnen lieferten ein für Österreich gültiges Sittenbild.

 

In der Folge die geordnerten Worte aus der Kindheit, mit der hierzulande lebenden Generationen aufgewachsen sind:

 

-A-

… aber danach (geht’s) ab ins Bett.

Der/die … hat das aber auch.

Das noch, aber dann abmarsch.

Wenn der… weiter lesen

30.09.2012 von Wolfgang Koch
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DER AUGENBLICK SELBST MACHT EIN GERÄUSCH

von Wolfgang Koch

Hanno Millesi gehört seit dem Erzählband Wände aus Papier (2006) zu den besten österreichischen Autoren der mittleren Generation. Anders als die Stars des Literaturbetriebs, Elfriede Jelinek und Robert Menasse, versucht er uns nicht über das Geschlechterverhältnis oder über die Politik zu belehren, sondern treibt in einer geradezu bewundernswerten Askese den Einfallsreichtum und die Absurdität der Existenz sprachlich an die Grenzen.

 

Millesis neuer Roman, Granturismo betitelt, beginnt später, als er anfängt. Über die ersten 80 Seiten hüllen wir diskret den Mantel des Schweigens. Auch beim verbleibenden Text bin ich mit der Arbeit des Lektorats nicht immer einverstanden; viel zu bereitwillig lassen die Mitarbeiter des kleinen Wiener Luftschacht Verlags dem Autor nichtsagende Formeln wie »der schale Geruch loser Ausflugskameradschaft« durchgehen.

Es fühlt sich an, als bekäme man Existenz zu fassen. / Foto: W. Koch

 

Gewiss, Millesi verfügt über eine prachtvoll flüssige Sprache, in die er mit großem Geschick… weiter lesen

16.02.2012 von Wolfgang Koch
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EINE ROSE FÜR CHRISTIAN IDE HINTZE

von Wolfgang Koch

Ein Geisteskrankheit hat unsere Welt befallen: die Herrschaft der bunten Gratisnichtigkeiten, aufgestapelt in jeder U-Bahn-Station, ausgehängt auf der Straße zur freien Entnahme an Sonn- und Feiertagen, stündlich, ja minütlich online aktualisiert, … und man muss sich erst stundenlang müde laufen, um noch geheimnisvolle Namen auf den Straßenschildern Wiens zu entdecken.

 

Diesen historischen Tiefstand des Humors und der Fantasie, diese Färbung und Formung der Welt mit geräuschvollen Sendungen von Nichts immer schwerer an seiner Schreibtischkante ertragend verstarb letzte Woche der österreichische Lyriker und Begründer der ersten europäischen Poetenschule Christian Ide Hintze im 59. Lebensjahr.

 

Als mir Ide zum ersten Mal begegnete, überrasche er mich mit dem ehrlichen Wunsch, die Sätze eines seiner Manuskripte verbessert sehen zu wollen. Das war in der linksintellektuellen Redaktion, der ich Ende der 1980er-Jahre angehörte, alles andere als selbstverständlich. Jeder noch so kleine Autor und jede noch so kleine Autorin der Wochenzeitschrift Falter schien die… weiter lesen

04.08.2010 von Wolfgang Koch
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EINE INSELERZÄHLUNG VON URSULA BROCHARD

von Wolfgang Koch

Was für ein hübsches Buch, auf den Text komme ich noch zu sprechen, denn zunächst sticht die Ausstattung ins Auge: 21 Farbillustrationen, gezeichnet von der in Wien lebenden Künstlerin Anna Stangl. Die Bilder sind von so umwerfend verspielter Retroschönheit, dass man den Band zunächst gar nicht lesen mag. Der aus dem Hämmlere Verlag 2006 hervor gegangene Bucher Verlag macht dem eigenen Anspruch, bei seinen Produkten »ästhetische Erscheinung« und »fantasievolle Gestaltung« zu bieten, alle Ehre.

In der Manier von Kinderbüchern schwimmt hier eine junge Frau durchs Wasser oder schwebt in transparenten pflanzlichen Kugeln – dass etwas vegetabel und durchsichtig zugleich ist, vermag ich mir in meiner Schulweisheit doch gar nicht vorzustellen! 

Die Schöne ruht auf einem Riesenfisch zwischen Korallen, sie stülpt sich ihr linkes Auge auf die Hand, Untiere hetzen vorbei, ein Löwe spiralisiert seinen Schweif – eine Welt des Unbewussten tut sich in diesen Zeichnungen auf, hinter der jedes lineare… weiter lesen

20.08.2009 von Wolfgang Koch
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WAS MACHT EIGENTLICH CHRISTIAN ZILLNER?

von Wolfgang Koch

Der Wiener Dichter und Polyhistor tut, was des Wiener IntellektuelleN liebstes Kind. Er nutzt die Sommertage, um über sei Werk und dessen Weltbedeutung zu reflektieren. Unter dem Titel Nach postmodern: neoantik, neumittelalterlich oder sonderlich? räsoniert Zillner in einem unveröffentlichten Text über totgelaufene Begriffe für die eigene Arbeit.

Das hat seine starke Berechtigung allein schon durch die schreckliche Lust des Sprechens, die diesen Autor kennzeichnet. Ausserdem weiss er vermutlich genauer als irgendwer, dass von jeder Behauptung über ihn und sein Werk immer auch das Gegenteil richtig ist.

Zunächst ein paar Auszüge:

»Es muss weitergehen – dieser schlichte Satz, vorzugsweise an Gräbern gesprochen, tut auch bei mir seine Wirkung. Mit Vergnügen verfolge ich in angelsächsischen Dotterkopfpostillen die ständigen Umschlichtungen von Schreibern und Malern in verschiedene Schubladen der literarischen und kunstgeschichtlichen Geisterschränke.

Eben habe ich gelernt, dass Cezanne nun zur Moderne gehört, Flann O’Brien hinwiederum ein Theoretiker und Praktiker der Postmoderne avantweiter lesen

24.04.2009 von Wolfgang Koch
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ZEHN NEUE BÜCHER AUS ÖSTERREICH (6)

von Wolfgang Koch

Es gibt Bücher, die fehlen; dass sie uns gefehlt haben, so lange es sie nicht gab, merken wir erst, wenn sie einmal da sind. Genau so verhält es sich mit dem vorletzten Buch des östereichischen Schriftstellers Hanno Millesi. Ich weiss, man könnte bereits sein neuestes Werk besprechen (den Roman Mythenmacher), aber das Aktualitätsgebot des Buchhandels ist mir gleichgültig, wir wollen mit der Reich-Ranitzky-Industrie nichts zu tun haben.

Hanno Millesi ist ein in Wien lebender Autor der mittlereren Generation. Er stammt, wie der Dramatiker und Lyriker Peter Turrini, aus einer Kärntner Familie mit italienischen Wurzeln. Und er schreibt Bücher in Augenhöhe von deutschen Kollegen wie David Wagner und Jochen Schmidt – blitzgescheit und witzig, proustianisch verspielt und geheimnisvoll, sprachlich genau und randvoll mit gedankenschwerer Schlaflosigkeit.

Die genannten Schriftstellerkollegen sind natürlich kein Zufall. Auch David Wagner hat ja unlängst ein vielbeachtetes Buch zum Thema Kindsein vorgelegt – die Summa der sechsjährigen Beobachtungen… weiter lesen

13.04.2009 von Wolfgang Koch
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ZEHN NEUE BÜCHER AUS ÖSTERREICH (4)

von Wolfgang Koch

Im Burgenland ist der Korken kaum aus der Flasche zu bringen, in Salzburg renaturiert Natur zur Erbauung des Einzelnen und in Kärnten singt ein Chor: »Keine Steine, Verlassen, verlassen, verlassen«. – Seit der von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung »Austria im Rosennetz« hat es keinen spannenden Versuch mehr gegeben, jener Ideologie auf die Spur zu kommen, die der Österreicher als Staatsbürger und Mensch verkörpert. Im Epiker Christian Zillner hat Szeemanns mehr oder weniger pataphysisches Herangehen an die Kollektivlegende der Nation nun endlich einen würdigen Nachfolger gefunden.

Szeemann hat 1996 ein Biographarium der verkannten Künstler, der Käutze und der Vergessenen entwickelt – er präsentierte die österreichiche Geistes- und Kulturgeschichte in der Vorzeigepose des Aussenseitertums. Zillner versucht die Österreich-Ideologie nicht nur mit Menschen und ihren Geschichten zu legen. In seinem Epos sind es vielmehr die Worte, die Bewegungen und die Gesten der Protagonisten, die die Ideologie verkörpern. Der Schauer des nationalen Pathos wird… weiter lesen

04.04.2009 von Wolfgang Koch
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ZEHN NEUE BÜCHER AUS ÖSTERREICH (3)

von Wolfgang Koch

Müssen denn Büchern aus der Provinz immer schon von weitem als solche erkennbar sein? Die Verzopftheit dieses sorglos redigierten Bändchens fängt schon bei der Umschlaggestaltung an: Titel und Gattungsbezeichnung in gleicher Schriftgrösse und in verkehrter Reihenfolge, und das alles dann auch noch zweisprachig Slowenisch-Deutsch. Würde uns da nicht ein geheimnisvolles Schwarzweiss-Foto ins Innere locken – es zeigt den glatzköpfigen Aktionskünstler Viktor Rogy auf den Stufen des Wiener Donner-Brunnens vor einem Knaben sitzend –, man hätte das schmale Bändchen nicht einmal aufgeschlagen.

Was wir in den Händen halten, ist die mittlerweile 8. Ausgabe des Literatur-Periodikums NOVINE aus der Edition Rapial edicija, erschienen in Klagenfurt am Wörtersee. Die deutsche Mehrheit in Kärnten-Koroška weigert sich bekanntlich, ein paar hundert topografischen Aufschriften zweisprachig zu gestalten – um so heftiger lehnen sich die dortigen Kulturschaffenden auf der Gegenseite über die Bordwand des Wörterseeschiffchens, und so übertreiben sie den kulturellen Austausch zwischen den Volksgruppen mitunter bis… weiter lesen

25.02.2008 von Wolfgang Koch
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Noch ein überflüssiger österreichischer Dichter

von Wolfgang Koch

Es gibt einen österreichischen Schriftsteller, den ich noch nie möchte: Fritz von HERZMANOVSKI-ORLANDO [1877-1954], und doch stelle ich mir bei gelegentlichen Begegnungen mit seinen Werken die Frage, ob dieser Kollege nicht für eine typische, spottbillige künstlerische Haltung im Land steht.

Der letzte Mensch, den ich in geschraubten Tönen von diesem Dichter schwärmen hörte, war ein rechtsextremer Theologieprofessor, der den St. Pöltener Weihbischof Kurt Krenn in Fragen der Teufelsaustreibung und der Schwulenehe beriet. Also eine wenig vertrauenswürdige Person, um meine Zuneigung zu diesem Dichter zu wecken

Nun schneite vor ein einigen Tagen eine PR-Meldung des Residenz Verlages ins Haus, in der bekannt gegeben wurde, dass ein »Klassikaner kakanischer Weltliteratur« zu einem der schönsten Buch 2007 Österreichs gekürt worden sei. Potzblitz!

Ein »Klassikaner kakanischer Weltliteratur«, der zu Lebzeiten des Dichters nie verlegt worden ist? Ist mir da was entgangen?

In die Hand genommen, entpuppte sich die angeblich bibliophile Einzelausgabe als schnurzsolides Buch:… weiter lesen

23.08.2007 von Wolfgang Koch
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Vom Pfuschen in fremden Sätzen

von Wolfgang Koch

Der Wiener Neomythologe Christian ZILLNER ist ein Endvierziger mit langem Haar. Er zeichnet mit Buchstaben, malt mit Strichen und formuliert in pastosem Farbenauftrag. Dabei schliesst sein Werk weder an die berühmte Kosmische Runde im München der Zwanzigerjahre an, noch an diverse esoterische Modelehren. Zillner bebrütet sein dotterloses Hahnenei durch die umgebende Wärme in eigenen Mist.

Christian Zillner ist ein ausgebildeter Philosoph, aber er werkt, weil man davon schlecht leben kann, als Blattmacher im Corporate Pubishing-Bereich eines Wiener Verlagshauses. Quasi als Ausgleich zur nervenaufreibenden Berufstätigkeit formt und formuliert das Doppeltalent in seiner Freizeit an gross angelegten Werkserien, von denen besonders das Schreibprojekt Spiegelfeld für lokale Verhältnisse ungewöhnliche Dimensionen anstrebt.

Denn Wien, müssen Sie wissen, ist berühmt für seine Meister der kleinen Form: für das Feuilleton, den Aphorismus, das Kabarett, das Sichverlieren im Fragmentarischen. In jedem Kaffeehaus produziert mindestens einer an einer losen Blattsammlung; beim Friseur Er-Ich in der Griechengasse trifft man… weiter lesen