Empfangen statt Senden

von Aline

Bei dem ersten Social Media Kongress der Akademie des Deutschen Buchhandels investierte erfreulicherweise niemand mehr Energie, die Anwesenden davon zu überzeugen, dass Social Media wichtig ist – darüber schien Konsens zu herrschen. Die ewigen Huldigungen und Argumentationsketten blieben aus, dafür gab es aktuelle Zahlen: Die durchschnittliche tägliche Internetnutzung 2011 ist bei den 14- bis 29-Jährigen mit 147 Minuten am höchsten, und die Hauptnutzungszeit des Internets hat sich auf die Abendstunden zwischen 19 Uhr und 21 Uhr verschoben. Auch die Nutzungshäufigkeit ist im Jahr 2011 in jeder Altersgruppe weiter gestiegen, so nutzen z.B. bereits 84 % der 18- bis 19-Jährigen das Internet mehrmals in der Woche. Hier und da gab es eine steile These, zum Beispiel über die Nutzungsmotivationen der jungen Generation. So war etwa der geschäftsführende Gesellschafter der iconkids&youth Alex Dammler der Meinung, die Jugendlichen halten sich in sozialen Netzwerken auf, weil sie in der Offlinewelt keine Lobby haben und vom Geschehen isoliert sind.

 

Die Zielgruppe des Kongresses war mit VertreterInnen von Medien und Verlagshäusern noch ziemlich breit gefasst, und die Vorträge reichten von Rechtsfragen über technische Neuerungen in sozialen Netzwerken bis zu Finanzierungskonzepten durch die und mit der Community. Das heiß geliebte Thema des User Generated Content blieb natürlich nicht außen vor, doch die Meinungen darüber, ob überhaupt eigene Inhalte im Netz produziert werden, gingen weit auseinander. Zumindest auf dem Kongress wurde sich via Twitter wesentlich mehr ausgetauscht als in den Fragerunden nach den Vorträgen. Da hätte es gutgetan, der Idee zu folgen, die scheinbar bei den meisten Teilnehmenden Zustimmung fand: VerlagsvertreterInnen und JournalistInnen dazu zu bewegen, im Social Web von SenderInnen zum EmpfängerInnen zu werden. Verlage und Medienhäuser müssen zuhören, sie können mit ihren bewährten Push-Mechanismen nichts mehr erreichen, es handelt sich nicht um einen weiteren Werbekanal. Der COO des Burda Magazin Holding und CEO der Burda Creative Group Gregor Vogelsang meint, die Arroganz der JournalistInnen müsse überwunden werden, sie haben längst keine Informationshoheit mehr. Als positives Beispiel nannte er die BBC, die eine 20-köpfige Social Media Redaktion hat, die nicht etwa schreibt und sendet, sondern ausschließlich empfängt, was im Netz erzählt wird.

 

Die Vorträge auf dem Kongress zeigen interessante Themen auf wie Verlage und Medienhäuser Social Media in ihren Alltag integriert haben. Denn das ist es bei vielen schon geworden: Alltag. Der Hype ist überwunden, und man braucht langfristige Konzepte, um mit dem zu arbeiten, was gerade noch so neu war. Enttäuschungen über das Abflachen des Hypes gibt es nach Marco Junk, dem Leiter der Online-Redaktion des C.H. Beck Verlags, allerdings nur bei denen, die sich hiervon das schnelle Geld versprochen hatten. Doch dazu sei es nicht primär geschaffen. Erlösquellen liegen woanders, Social Media könne nur ein Weg dahin sein. Junk: „Wer bislang keine Ideen hatte, dem hilft auch Social Media wenig.”

 

Die vorgestellten Erlösmodelle eigenen sich eher für Gruppen, die über exklusives Fachwissen verfügen. Dass eine Mitgliedschaft bei einer Plattform, bei der sich RechtsanwältInnen über bestimmte Fälle austauschen, Geld kostet, leuchtet ein, hier wird wertvoller Content generiert. Doch was machen diejenigen, die nicht über AnhängerInnen mit Informationen, die die Außenwelt begehrt verfügen? Die Vorschläge sind ernüchternd: Denen bleibt wohl wieder nicht anderes übrig als Werbung zu schalten oder Unternehmens- und Verlagsseiten in sozialen Netzwerken zu kaufen und damit mehr Öffentlichkeit für ihre Produkte und Zustrom zu ihren Seiten zu bekommen. Genau dafür ist Social Media richtig. Der Leiter der Entwicklungsredaktion Wired Deutschland Thomas Knüwer nennt es eine Kaffeeküche auf Speed: Wir erfahren hier, was unsere FreundInnen oder ExpertInnen, denen wir vertrauen, und empfehlen.

 

Statt Werbung wird noch die Lösung der Paywalls genannt. Hier zahlen UserInnen nach Junk und Knüwer vor allem, wenn es sich um hoch spezielle Inhalte handelt oder wenn sie wissen, dass der Inhalt sie nicht nur einmal begeistern wird, wie es bei E-Books oder Musik der Fall ist. Bei normalen Nachrichteninhalten funktioniere das nicht, denn da sei nach Junk über Suchmaschinen zu jedem Thema etwas qualitativ Hochwertiges zu finden. Diesem Wettbewerb müssten sich Verlage stellen, da es ein ganz normaler Markteffekt bei einem Überangebot ist. Außerdem, meint Knüwer, bezahlen sie zusätzlich mit dem wertvollsten Gut, das sie besitzen: Zeit. Und da wären wir wieder bei der Werbung, denn dieses Gut könnten die Verlage dann wie im Print an Werbekunden vermarkten und daran ordentlich verdienen. Das ist sicher richtig, doch für die taz keine Lösung, denn in dieses Abhängigkeitsverhältnis wollen wir uns nicht begeben. Also bleiben wir beim freiwilligen Bezahlen, ein Thema, das auf diesem Kongress leider noch keine Relevanz hatte, aber vielleicht ja beim nächsten.


 

 


2 Kommentare zu "Empfangen statt Senden"

  1. Danke für den interessanten Bericht von dieser Veranstaltung!
    Mich würde mal interessieren, ob das Thema Totalüberwachung der Bevölkerung durch Vorratsdatenspeicherung auf dieser Veranstaltung irgendwie thematisiert wurde?

    Es ist ja leider Tatsache, dass ausgerechnet die Verlage bzw. deren Verbände sich in der Vergangenheit als Vorantreiber der Überwachungstechnologien positioniert haben – wird das überhaupt als ein Problem wahrgenommen?

    Verlage und Schriftsteller bedienen sich ja gerne selbst demokratischer Grundrechte wie z.B. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit usw. – man hatte in der Vergangenheit oft den Eindruck, dass die Forderung nach totaler Überwachung nicht als WIderspruch wahrgenommen wird – was sehr verwunderlich ist.

    Gibt es innerhalb der Verlagswelt noch Köpfe, die diesen Widerspruch erkennen und auflösen wollen oder sind die kreativen Geister, die im Sinne einer freiheitlichen Demokratie auch für die Freiheit des Wortes einstehen mittlerweile komplett den gleichgeschalteten Marketing-Robotern gewichen?

  2. Lieber Big Brother,

    das Thema Vorratsdatenspeicherung wurde leider in keinem Atemzug genannt, und wird entweder nicht als Problem wahrgenommen oder nicht öffentlich besprochen. Ich hatte sogar eher das Gefühl, dass Datenabgleich und Speicherung eher interessant im Bezug auf die wirtschaftliche Nutzbarkeit waren.

    Bei uns in der taz ist das Datenschutz ein hoch sensibles Thema und wir beschäftigen uns ziemlich viel damit. Allerdings sind wir mit den Mindestmaß an Daten, die wir abfragen, eher eine Ausnahme in der Verlagswelt. Magst du den von die erläuterten Widerspruch noch einmal genauer ausführen?

    Viele Grüße aus der taz,

    Aline

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