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08.02.2010

bewegungsfern

von Detlef Guertler

Cousin Markus zu Besuch in Marbella. Den ganzen Abend versucht er mir klarzumachen, dass ich mich mehr bewegen soll - jeden Tag eine halbe Stunde schwimmen, und nach einem halben Jahr seien garantiert meine Schmerzen in der Schulter verschwunden.

Ich spiele auf Halten: Noch in diesem Monat werde ich bei jenem Orthopäden vorbeischauen, der meine Schulter gerade durch den Tomographen geschickt hat; vielleicht stellt der beim Blick auf die Bilder ja fest, dass Bewegung genau das verkehrte Rezept wäre.

Markus widerspricht. Er führt das Beispiel eines Freundes an, “auch so ein Bewegungs-Asi wie du”. Das Wort gefällt mir auch nicht. Annette vermittelt: Da klänge doch “aus bewegungsfernen Schichten” viel besser. Wo sie recht hat, hat sie recht.

02.02.2010

sharing

von Detlef Guertler

Das wäre mal wirklich eine lohnende Aufgabe für die Aktion Lebendiges Deutsch:

Bei einem Workshop am Gottlieb-Duttweiler-Institut bemerkte der Moderator Andreas Weigend, dass die deutsche Übersetzung für “sharing” reichlich unpassend ist. Sharing bedeutet ja, dass man etwas gemeinsam hat, was vorher nur einer hatte, es ist also etwas Verbindendes, Additives oder gar Multiplikatives. Die deutsche Übersetzung “teilen” betont aber gerade das Auseinandernehmen, das Trennende, Subtraktive oder eben Distributive. Sharing bedeutet, dass hinterher jeder mehr hat als vorher. Teilen bedeutet, dass einer hinterher weniger hat als vorher. In der materiellen Welt durchaus plausibel, in der digitalen Welt ziemlich grotesk.

Weil der Workshop in wenigen Minuten weitergeht, komme ich jetzt leider nur dazu, das Problem zu stellen. Aber vielleicht fallen Ihnen ja ein paar mögliche Lösungen ein.

29.01.2010

leberlausig

von Detlef Guertler

Eigentlich dachte ich ja, ich hätte mich ganz normal am Telefon gemeldet. Aber meine Co-Chefredakteurin Corinna Freudig sah bzw. hörte das anders: “Was ist denn los mit dir? Du klingst ja so leberlausig.” Was natürlich auch stimmte. Aber mit so einem schönen neuen Adjektiv ging es dann gleich doch wieder viel besser.

27.01.2010

iSlate

von Detlef Guertler

iMac war okay, iPod war klasse, iTunes und iPhone gingen irgendwie in Ordnung - aber iSlate geht gar nicht. Das Wort sieht nicht gut aus, es klingt nicht gut, es stellt nichts dar, es ist hässlich, dumm und ignorant. Wenn also Steve Jobs wirklich heute abend ein iSlate vorstellen sollte, dann muss man tatsächlich an seinem sonst so traumhaft sicheren Marketing-Gefühl zweifeln. Und entweder alle Apple-Aktien verkaufen, oder einen anderen Namen finden.

Für ersteres sind wir hier nicht zuständig, für zweiteres schon. Also bitte, liebe Gemeinde, helft dabei, für Steves neues Baby einen neuen Namen zu finden.

Mir selbst würde iPad gut gefallen. Wer bietet mehr?

26.01.2010

Geschwäch

von Detlef Guertler

Was ist das Gegenteil von Gewürz? Kulinarisch gesehen gibt es das nicht: Eine zu scharf gewürzte Speise kann man nicht mehr entwürzen, und Meerwasser kann zwar entsalzt werden, eine versalzene Suppe nicht.

Im übertragenen Sinn könnte man ein solches Gegenteil aber durchaus brauchen. Zum Beispiel, wenn man wie der Schriftsteller Burkhard Spinnen über den Begriff “ein Stückweit” sinniert:

Rede ich im kleinen Kreis, dann kann ich kräftig würzen. Spreche ich aber zu einer Menge, also zu vielen, die ich gar nicht kenne und um deren empfindliche Stellen ich nicht weiß, dann lasse ich die Gewürze weg. Und um ganz sicherzugehen, streue ich sogar ein paar Kräutlein in meine Rede, um sie für möglichst alle Zuhörer bekömmlich zu machen. So sage ich zum Beispiel nicht: Wir müssen umdenken!, sondern: Wir müssen ein Stückweit umdenken!

Spinnen selbst spricht hier von “rhetorischen Weichmachern, Abschwächungspartikeln, Besänftigungs- und Beschwichtigungswörtchen”, was alles seine Berechtigung hat, aber den Nachteil, dass es nur in diesem einen Fall als Gegenteil von Gewürz verwendet werden kann. Ähnlich wäre es beim Satzabschwächer, den man in Anlehnung an Patrick Seesterns Satzverstärker bilden könnte.

Ganz anders hingegen das Wort Geschwäch. Mit ihm kann man allzu polemischen Kommentaren genauso zu Leibe rücken wie allzu wahren Pressemitteilungen, allzu aufreizender Kleidung ebenso wie allzu protzigem Design. Und vielleicht erfindet ja eines Tages auch ein findiger Nahrungsmittelkonzern eine Substanz, mit der man allzu gewürzte Speisen wieder entwürzen kann.

24.01.2010

Regengegner

von Detlef Guertler

“Wenn ich ein Staat wäre, wäre dieses Lied meine Nationalhymne”, sagt meine Frau, nachdem sie vergangene Nacht den Auftritt von Bodo Wartke in irgendeinem Dritten Programm gesehen hatte. Staat muss ja nicht gleich sein - aber als Hymne für die Internationale der Regengegner wäre der Song wirklich gut geeignet:

Deswegen bin ich
gegen den Regen.
Der Regen hört nicht auf mich aufzuregen.
Bei Regen werd’ ich tierisch depressiv.
Immerzu und immer wieder
schlägt der Niederschlag mich nieder.
Deswegen find’ ich Regen mega negativ.

Diese Gegenregenbewegung wäre bestimmt auch die richtige Organisation, um endlich der Forderung nach Verlegung Deutschlands nach Mali Nachdruck zu verleihen.

22.01.2010

volckern

von Detlef Guertler

“Obama kastriert US-Banken”, schreibt die FTD. Was zwar noch nicht passiert ist, aber in der Tat angedroht wurde. “Obama will US-Banken kastrieren”, wäre also richtiger, aber auch nicht wirklich Erfolg versprechender - gerade die Testosteronbomber von Wall Street werden sich mit aller Macht (und da haben sie noch ganz schön viel übrig) gegen eine Enteierung wehren.

Vielleicht wäre es also besser, ein anderes Verb zu verwenden. Zum Beispiel “volckern”. Denn nach dem Ex-Notenbankpräsident Paul Volcker, 82, soll das Kastrationsgesetz “Volcker rule” genannt werden. Der alte Herr hat mit seinen Plänen, die nach einem Jahr Zögern jetzt von Obama übernommen wurden, so ziemlich das gesamte Finanz-Establishment gegen sich, aber so ziemlich die gesamte Finanz-Vernunft für sich.

Auch den von mir sehr geschätzten Wolfgang Münchau, der in der FTD die Dimension dessen erahnen lässt, was uns mit dem Volckern noch bevorstehen könnte:

Der aktuellen Debatte über die Finanzregulierung liegt jene wesentliche Frage zugrunde, die kürzlich Paul Volcker, der frühere amerikanische Notenbankpräsident, gestellt hat. Sie lautet: Wie wichtig ist ein moderner Finanzsektor für die reale Wirtschaft? … Paul Volcker hat diese Frage nicht nur gestellt, sondern gleich auch beantwortet. Die Finanzinnovationen des letzten Vierteljahrhunderts, so behauptete er, hätten keinen sozialen und ökonomischen Gewinn gebracht - mit einer Ausnahme: dem Geldautomaten. … Wenn er richtigliegt, dann haben wir so ziemlich alles falsch gemacht, was man in der Reform von Regulierung und Aufsicht falsch machen kann: Wir hätten den Finanzsektor global auf ein Minimum einstampfen müssen.

Volckern wäre damit so etwas wie eine Kombination aus Kastration und Amputation - aber nach allen Regeln der chirurgischen Kunst. Das, so scheint mir, steht jetzt auf der Tagesordnung. “If these folks want a fight, it`s a fight I`m ready to have”, sagte Obama gestern. Wenn er Erfolg haben soll, wird er sehr, sehr viel Hilfe brauchen.

20.01.2010

unwortverseucht

von Detlef Guertler

von A. S. Reyntjes:

Ist das ein produktiver Neu-Begriff: „Unwortverseuchtes Deutsch“?

Ich gebe Beispiele:

Ob nur sprachlich, oder politisch relevant: Als flotte Alternative fand ich folgende „Unwörter“ des Monats Januar:

1. Rentnererhöhung
2. Ausländerabreicherung
3. Unwort

Mitgewortet seien meine schmuckverbale Begrünungen, pardon: polito-satirische Begründungen:
Ich fand die Un-Wörterei im „Eulenspiegel“ (mit dem Slogan: „unbestechlich, aber käuflich“) als verbal gründelnde Satire:

„Der ‚Zentralrat der deutschen Sprache’ gibt die „Unworte des Jahres 2010“ bekannt

1. Platz:
Rentnererhöhung

Das Kompositum täuscht eine planvolle Anhebung des Anteils älterer Menschen in der Gesellschaft vor, wo in Wahrheit unbeabsichtigt Altlasten wuchern.

2. Platz:
Ausländerabreicherung

Das Wort vermengt in verharmlosender Absicht einen Begriff aus der Atomwirtschaft mit dem sozialen Anliegen, dieses ganze arabische
Negerhordengesindel wieder loszuwerden. Im gleichen Zusammenhang sind ‚geistiges Endlager’ und ‚Mülldebatte’ zu verurteilen, die im Zusammenhang mit den Zerfallsprozessen der SPD gebraucht wurden, ebenso wie ‚zigeunervig’: Der Neologismus aus dem jugendlichen Soziolekt belastet ungebührlich deutsche Adverbien - welche als unangenehm empfundene Zuwendung sachlich ausdrücken - mit dem Bettlergebaren rumänischen Otterngezüchts.

3. Platz:
Unwort

Das präfixierte Nicht-Kompositum verunstaltet den wichtigsten Baustein jeglicher Kommunikation - das Wort - in moralisierender Weise und stellt es in eine Reihe mit abwertenden Begriffen wie ‚Unkraut’, ‚Untermensch’, ‚uns’ und ‚UNO’“.

(Ein Beitrag mit einm Autorenkürzel, das ich nicht verlängern kann: TM. In: EULENSPIEGEL 1/10. S. 34; leider nicht online verfügbar)

*

Ceterum censeo…: “Verba nova sunt multa aut inventa…”?
Als Sprachrezept formuliert:
„Recente parata Exempla gesucht!“

Wer vergibt weitere, kritische Unwort-Titel-Ehren, um das Sprachbewusstsein zu fördern, ob pädagogisch-aufdringlich aufgezeigt oder satirisch-fiktiv formuliert?

20.01.2010

betriebsratsverseucht

von Detlef Guertler

Sind sie nicht furchtbar, diese Arbeitgeber?

Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen störe zwar viele Unternehmen, sie als Seuche zu bezeichnen sei indes «ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen», sagte (Horst Dieter) Schlosser zur Begründung

der Kür von betriebsratsverseucht zum Unwort des Jahres 2009, sagt die Pressemitteilung dazu. Und weiter:

In einem Bericht der ARD-Sendung «Monitor» im Mai vergangenen Jahres hatte ein Mitarbeiter einer Baumarktkette geschildert, dass Abteilungsleiter Mitarbeiter als «betriebsratsverseucht» bezeichnen, die von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln wollen.

Richtig daran ist, dass es diesen Monitor-Bericht gab, und dass dort ein “Bauhaus”-Beschäftigter dieses Wort verwendet hat. Das entsprechende Zitat aus der Sendung auf der ARD-Webseite:

“Verschiedene Redner, insbesondere Abteilungsleiter, kamen dann zur Sache. Betriebsrat. Wir brauchen keinen Betriebsrat, wir können alles selbst klären. Betriebsrat kostet nur Geld, was wir für anderes gebrauchen könnten, zum Beispiel Lohnerhöhungen. Und möchte ein Kollege in eine andere Niederlassung versetzt werden, würde ihn niemand mehr nehmen, da er betriebsratsverseucht ist…”

Dass die Abteilungsleiter massiv versucht haben, den Beschäftigten die Bildung eines Betriebsrats auszureden, glaube ich sofort. Dass sie das Wort betriebsratsverseucht verwendet haben, glaube ich hingegen nicht. Ich vermute, dass es sich um eine Wortschöpfung des zitierten Mitarbeiters handelt, in der er das zusammenfasst, was bei ihm als Eindruck geblieben ist. Andere Belege für die Verwendung dieses Wortes gibt es nicht.

Träfe die Vermutung zu, hätten wir die pikante Situation, dass als Unwort des Jahres eine arbeitnehmerinteressenverachtende Wortschöpfung ausgezeichnet wird, die aber gar nicht von Arbeitnehmerinteressenverächtern verwendet wurde, sondern von Arbeitnehmerinteressenverächtergegnern. Womit die Unwort-Jury wieder mal nicht Sprache, sondern Politik machen würde. Aber das wäre nun echt nicht das erste Mal.

19.01.2010

Blasenangst

von Detlef Guertler

Wenn ihre Ursache die Prostata ist, soll dagegen der Arzneikürbis helfen. Ist hingegen, wie heute in der FTD, die Preisentwicklung chinesischer Immobilien die Ursache für Blasenangst, kann man nur auf die heilende Kraft einer strafferen Geldpolitik der chinesischen Zentralbank hoffen. Wobei man da leider genauso gut auf den Arzneikürbis setzen könnte…