Für mich hat mein Sohn Clemens, 5, ein für alle Mal die wohl längstdauernde Debatte um ein Sprachloch beendet – die um das Gegenteil von durstig. Hungrig – satt, durstig – Fragezeichen, das war mir bislang nicht so sehr eine schmerzliche Lücke, sondern eher das Beispiel, mit dem man jederzeit die Wortschatzdebatte auf Stammtischniveau bringen konnte. Denn da ist schließlich klar, dass zwischen Leber und Milz immer noch ein Pils passt, es also gar keinen Bedarf für ein Gegenteil von durstig gibt; und schon gar nicht für ein Kunstwort wie „sitt“, das zwar 1999 einen von Lipton gesponsorten Wettbewerb um die Besetzung dieser Leerstelle gewann, aber deshalb trotzdem weder an Stamm- noch an anderen Tischen verwendet wird. Und dann kam jener Morgen, als Clemens ganz gegen seine geheiligte Tradition seinen Humpen Kakao nur halb austrank, bevor es Zeit war, in die Vorschule zu gehen. „Clemens! Hier steht noch dein Kakao!“… weiter lesen
Archive for Juni 22nd, 2006
Natürlich kann man den Daytrader auch weiterhin Daytrader nennen. Sein eigentliches Markenzeichen ist aber nicht so sehr das An- und Verkaufen an ein und demselben Tag, sondern eher in ein und derselben Minute, meinetwegen auch Stunde. Und da wir schon vor der Erfindung der Ultra-Waschmittel das Ultrakurze erfunden hatten (für die Ultrakurzwelle nämlich), wäre das Wort Ultrakurzhändler nicht nur treffender, sondern auch traditionsreicher. Die Abkürzung UKH klingt zwar nicht so gut wie UKW, aber vielleicht ist das ja auch nur Gewöhnungssache. Möglicherweise ist die passendere Kurzform ja auch einfach “Die Ultras” – seit dem Ende der DDR ist das Wort ja wieder verwendbar.
Ultrakurzhändler, m: Börsenspekulant, der am gleichen Tag kauft und verkauft; vormals: Daytrader
So wie die Rauke in Deutschland erst gegessen wurde, nachdem sie in Rucola umgetauft worden war, ist auch der Kaffee in Deutschland offensichtlich nur noch auf ausländisch genießbar. Dabei gibt es in der Tat keinen Grund, einen Caffè Latte oder Café au lait nicht auch Milchkaffee zu nennen, oder? Beim Latte Macchiato ist es natürlich etwas anderes: Für dieses Gesöff gibt es völlig zurecht keinen deutschen Namen. Wenn man einen finden möchte, dann wohl am ehesten KAFFEEMILCH. So etwas bestellt zwar kein mediterran-weltgewandter Kaffeetrinker, aber das wäre ohnehin für alle beteiligten das beste.
Natürlich ist die “Aktion lebendiges Deutsch” grundsätzlich wertvoll und begrüßenswert. Jeden Monat ein bis drei Anglizismen ent-fremden kann ja gar nicht schaden – denn all die Vorschläge, die nichts taugen, werden sowieso dem Malstrom des Vergessens anheim fallen. Und jedes neue Wort, das sich durchsetzt, bereichert schon definitionsgemäß die deutsche Sprache, da sich ja nur durchsetzen kann, was die Menschen auch verwenden.
So weit die Theorie. In der Praxis jedoch zeigt sich gerade, wie peinlich es werden kann, wenn in Ehren ergraute Studien- und sonstige Räte versuchen, ihre Sprache zu erneuern. Und zwar zeigt es sich beim Wort Brainstorming, für das die Jury aus 4426 Einsendungen die Eindeutschung Denkrunde erwählte. Denn Denkrunde geht treffsicher am eigentlichen Inhalt des Begriffs Brainstorming vorbei – schließlich geht es beim Brainstormen gerade nicht so sehr ums Denken, sondern eher ums Spinnen, um ungeschütztes Durcheinanderassoziieren, von Hölzchen zu Stöckchen springen, alles und… weiter lesen
Eines der schönsten Beispiele dafür, wie fehlendes Sprachbewusstsein und fehlendes Selbstbewusstsein Hand in Hand gehen. Da kommt vor knapp einem Jahrzehnt der Angelsachse daher und will die Deutschland AG aufknacken. Und weil ihm die ganzen Verflechtungen und Verbrüderungen auf den Vorstandsetagen das nicht erlauben, schießt er sich auf eben diese Struktur ein. Sein Kampfbegriff heißt “Corporate Governance” und bezeichnet in seiner Sicht etwas, was der Angelsachsen-Konzern hat, und der deutsche eben nicht – also Dinge wie Mitbestimmung der Aktionäre (statt der Betriebsräte) und quartalszahlengetriebene Shareholder-Value-Denke (statt Sicherung des nachhaltigen Unternehmenswerts). Und anstatt die Beschwerdeführer wegen groben Foulspiels vom Feld zu stellen, fing der Deutsche an zu kompromisslern: Wir wollen ja brav und artig sein, aber die eine oder andere kleine Eigenheit möchten wir uns bitte, bitte erhalten dürfen. Weicheimäßig wurde die deutsche Corporate-Governance-Kommission gegründet, die einen Kodex erstellte, wie in Deutschland Corporate Governance zu funktionieren hat – wie man also… weiter lesen