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vonDetlef Guertler 22.06.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Eines der schönsten Beispiele dafür, wie fehlendes Sprachbewusstsein und fehlendes Selbstbewusstsein Hand in Hand gehen. Da kommt vor knapp einem Jahrzehnt der Angelsachse daher und will die Deutschland AG aufknacken. Und weil ihm die ganzen Verflechtungen und Verbrüderungen auf den Vorstandsetagen das nicht erlauben, schießt er sich auf eben diese Struktur ein. Sein Kampfbegriff heißt „Corporate Governance“ und bezeichnet in seiner Sicht etwas, was der Angelsachsen-Konzern hat, und der deutsche eben nicht – also Dinge wie Mitbestimmung der Aktionäre (statt der Betriebsräte) und quartalszahlengetriebene Shareholder-Value-Denke (statt Sicherung des nachhaltigen Unternehmenswerts). Und anstatt die Beschwerdeführer wegen groben Foulspiels vom Feld zu stellen, fing der Deutsche an zu kompromisslern: Wir wollen ja brav und artig sein, aber die eine oder andere kleine Eigenheit möchten wir uns bitte, bitte erhalten dürfen. Weicheimäßig wurde die deutsche Corporate-Governance-Kommission gegründet, die einen Kodex erstellte, wie in Deutschland Corporate Governance zu funktionieren hat – wie man also angelsächsisch mit deutschem Akzent spricht. Das Ergebnis davon ist logischerweise eine halbgare Zwischenlösung, mit der wir nach Kräften versuchen, die zweitbesten Angelsachsen der Welt zu werden, anstatt die besten Deutschen zu bleiben; womit nicht nur Deuschland, sondern auch die Welt im Zweifelsfall besser führe.
Sprachlicher Ausdruck dieses Desasters ist die Unfähigkeit, den angelsächsischen Begriff zu übersetzen. Die aktuelle Konsensvariante heißt „Unternehmensführung und -kontrolle“, wobei uns die Schlauberger der Branche dann jedesmal erklären, dass das englische governance eben nicht so einfach übersetzbar ist. In der Tat spricht alles dagegen, Corporate Governance zu übersetzen, schließlich handelt es sich bei dem, was seine Befürworter darunter verstehen, nicht nur um ein englisches Wort, sondern auch um eine angelsächsische Philosophie. Und die ist nicht eindeutschbar.
Würde man hingegen versuchen wollen, eine eigenständige deutsche, meinetwegen auch rheinische oder kontinentaleuropäische, Philosophie der „Unternehmensführung und -kontrolle“ zu formulieren, sollte man dafür das schöne deutsche Wort Unternehmensordnung verwenden. Das klingt nicht nur vertraut und plastisch, sondern auch nach Ludwig Erhard und sozialer Marktwirtschaft, sprich: nach all dem, wofür unser hiesiges Wirtschaftsmodell steht.

Unternehmensordnung, w: System der Funktions- und Kontrollmechanismen von und für Unternehmen. Ehemals: Corporate Governance

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https://blogs.taz.de/wortistik/2006/06/22/corporate-governance/

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kommentare

  • „Ordnung“ ist total geil!

    Endlich verstehe ich, was mit corporate governance gemeint ist. Ich hatte immer die heiße Vorstellung von „körperlicher Fürsorge“.

  • Superbeitrag.
    Dieses halbgare, zeitgeistige, kaschierende und anbiedernde Dummdenglischgequatsche geht mir schon lange auf den Geist.

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