Alegal

von Detlef Guertler

Ein Sprachloch, das uns ehrt: Im Deutschen gibt es kein Wort für die Grauzone zwischen legal und illegal. Für all das also, was zwar einerseits verboten ist, andererseits aber jeder macht: ein bisschen schneller als erlaubt fahren, ein bisschen lauter als erlaubt Musik hören, eine polnische Putzfrau ohne Anmeldung beschäftigen, oder ein bisschen übrig gebliebenen Müll beim Nachbarn in die Tonne stopfen. Die Spanier haben für diese Grauzone ein eigenes Adjektiv, nämlich alegal. Allerdings ist bei denen die Grauzone auch wesentlich breiter: 98 Prozent aller privaten Mieteinnahmen werden am Finanzamt vorbeigeschleust, in einigen Küstenorten werden mehr als die Hälfte aller Neubauten ohne Baugenehmigung errichtet, und auch Gehälter werden üblicherweise in zwei Tranchen gezahlt: eine geht legal aufs Konto, die andere alegal bar auf die Hand. Das einzige deutsche Wort, das ansatzweise in die alegale Richtung geht, heißt Kavaliersdelikt. Allein schon die Länge und die altertümliche Anmutung machen klar, dass es sich hierbei um kein Haupt-, sondern um ein Nebenwort handelt. Und das ist auch gut so.


3 Kommentare zu "Alegal"

  1. Ich kenne den Begriff “steueroptimiert”, was alegal natürlich nur partiell abdeckt, aber auch viel netter klingt.

    Man könnte “ordnungsoptimiert” euphemisieren… 8-)

  2. Die “Ehre”, in diesem Sprachloch zu stecken, ist aber sehr zweifelhaft. Denn “alegal” bedeutet, ebenso etwas zu tun, was nicht ausdrücklich verboten ist, wie auch etwas zu tun, was nicht nicht ausdrücklich erlaubt ist. Das Ausnutzen von Grauzonen in der rechtlichen Praxis ist nichts Ehrenrühriges.

    Der mündige Bürger sollte sich nicht in vorauseilendem Gehorsam in seinen Rechten selbst beschneiden. Es ist leider typisch deutsch, alles was nicht ausdrücklich legal ist, sprachlich automatisch als illegal abzustempeln. Die sprachliche Lücke – nämlich das Fehlen des Wortes “alegal” im Deutschen – ist nicht untypisch für die Obrigkeitshörigkeit eines “Volkes von Untertanen”.

    In diesem Sinne wäre es “ehrenvoller” für uns Deutsche, wenn unsere Sprache über ein Adjektiv verfügen würde, das den Gestaltungsspielraum zwischen Recht und Unrecht treffend beschreibt. Denn immer mehr Menschen in Deutschland leben irgendwo in der “Alegalität” zwischen Hartz IV und steueroptimierter Einkommenssteuererklärung.

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