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vonDetlef Guertler 30.06.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Besonders heimtückisch sind Anglizismen, die hinter der fremden Hülle nur ein hohles Etwas, kurz: ein Nichts verbergen. Sie erwecken die Illusion, etwas würde nur deswegen nicht so hohl klingen, wie es ist, weil es fremd klingt. Typisches Beispiel hierfür ist das Benchmarking, was sich von der Benchmark ableitet, die wiederum eigentlich Maßstab heißt, und es spricht überhaupt nichts dagegen, sich irgendetwas oder -jemanden als Maßstab zu nehmen, und wer unbedingt will, darf ihn sich auch als Benchmark setzen.
Gegen Benchmarking hingegen spricht alles. Benchmarking bedeutet, sich auf allen in Frage kommenden Gebieten das jeweils beste als Maßstab zu nehmen und sich dorthin zu hangeln. Man nehme von der Kuh das Euter, vom Huhn den After, vom Schaf das Fell und vom Schwein den Schinken, und schon hat man sich die eierlegende Wollmilchsau zusammengebenchmarkt. In der Kultur nennt sich solches Benchmarking seit Jahrhunderten Eklektizismus und bringt Scheußlichkeiten wie Andrea Bocelli, Gelsenkirchener Barock oder marbellinische „Designer“-Villen hervor. In Wirtschaft und Politik sind die Ergebnisse ähnlich verheerend, aber das knackige Wort Benchmarking beschirmt die eklektische Brühe. Zumindest die Benchmarking-Gegner sollten deshalb ein anderes Wort für diese krude Tätigkeit wählen. Maßstabieren vielleicht, oder gleich Maßstabation, was den selbstbefriedigenden Effekt des Benchmarking sprachlich entblößt.

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