Archive for Juni, 2006

25.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Sims

von Detlef Guertler

Es ist geradezu zwingend, dass aus der SMS (Short Message Service) die Sims werden wird. Das Verb simsen ist zwar noch nicht im Duden, aber doch schon im Sprachgebrauch, weil es eine extreme Sprachvereinfachung darstellt: “Ich sims es dir” ist nicht nur kürzer, sondern auch eleganter als “Ich schicke dir eine SMS”. Für das Substantiv gilt die Abkürzung nicht geschrieben (vier statt drei Buchstaben), aber gesprochen (eine statt drei Silben); zudem ist die Sims deklinierbar und passt sich damit harmonischer in den Satzlauf ein.
Theoretisch könnte Sims auch männlich oder sächlich sein. Aber der Sims ist bereits besetzt (als Fenstersims) und das Sims ist mir zu nahe an “das Sams”. Letzteres kann möglicherweise daran liegen, dass ich Kinder im Sams-tauglichen Alter habe. Aber auch ohne diese Einschränkung ist die Sims logischer, da es sich um die Einwortung einer ebenfalls weiblichen Abkürzung handelt. Die SMS wiederum ist zwar eigentlich unlogisch,… weiter lesen

24.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Dena

von Detlef Guertler

Wenn Abkürzungen häufig gebraucht werden, tendieren sie dazu, sich einzuworten. Wenn sie sich dazu eignen, als Wort gesprochen zu werden, wie NATO, ISO oder ROM (der Speicher, nicht die Stadt), geht das schneller, wenn sie sich nicht dazu eignen, ist die Einwortung komplizierter. In der Regel werden für die Aussprache nicht existente Vokale eingeschoben, so wie Wirtschaftsprüfer, die ständig mit der neuen Bilanzierungsnorm IFRS zu tun haben, diese in der Regel “Ifris” aussprechen.
Angesichts der stetig steigenden Zahl der Fälle, in denen wir im Leben und damit auch in der Sprache mit der Desoxyribonukleinsäure zu tun haben bzw. bekommen, wird sich auch ihre Abkürzung DNA früher oder später einworten. Warum also nicht gleich? Wir plädieren für die Einwortung als Dena: Mörder werden durch den Dena-Test entlarvt, Vaterschaften durch Dena-Analyse festgestellt, und die Dena von Fadenwürmern ist zu 87,9 Prozent mit der des Menschen identisch. Dena ist weltweit verwendbar, sofort… weiter lesen

24.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Public-Viewing-Wettbewerb

von Detlef Guertler

Ein großes Lob von dieser Stelle an Peter Luckhaupt vom “Darmstädter Echo”. Er hat heute das meines Wissens erste Preisausschreiben für eine Übersetzung für “public viewing” gestartet. Es gibt zwar nur 15 Euro Verzehrgutschein für ein “public bratwursting” in der Darmstädter Heimspiel-Arena, aber das schmälert die löbliche Absicht kein bisschen. Einsendungen bis Sonntag, 18 Uhr an re@darmstaedter-echo.de oder Fax 06142-828530. Der Wortist beteiligt sich selbst am Wettbewerb – mit den Vorschlägen Gemeinschaftsglotzen und Volksfernsehen.

23.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Balltriotisches

von Detlef Guertler

Einige fußball-inspirierte Neuschöpfungen, garantiert noch nicht bei Google aufgetaucht, und welches Medium sie geschöpft haben könnte, wenn wir’s nicht gewesen wären:
Balltriotismus (FAZ)
Klosianna! (Bild)
Abseitsphallen (Spiegel)
Inteamgeist (Playboy)
Globallisierungsgegner (taz)
Letzteres stand zwar 2003 schon mal in der Jungle World, aber eben nur als Schreibfehler.

23.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Klinsmanagement

von Detlef Guertler

Wortwarte-Chef Lothar Lemnitzer beklagt die bislang mangelnde Neuwortproduktion während der Fußball-WM. Mehr als ein paar Public-Viewing-Konstruktionen und (immerhin) der Ausdruck “Gefühls-Brasilianer” seien ihm noch nicht ins Netz gegangen. Das ist in der Tat ein Armutszeugnis für das Gastgeberland. 31 Nationen mit mindestens zwei Dutzend verschiedenen Sprachen (allein die Spanier steuern mit Spanisch, Katalanisch, Galizisch und Baskisch schon vier Sprachen bei) sind zu Gast bei Freunden, und keinerlei neue Impulse für die deutsche Sprache – das darf nicht sein! Ich bitte deshalb herzlich um die Einsendung von für die und bei der WM entstandenen Neuwörter, und seien sie auch soeben gerade erfunden.
Eines steuere ich schon mal bei: Klinsmanagement. Das gibt es zwar noch nicht bei Google, aber wenn Deutschland Weltmeister werden sollte, bald in jedem ordentlichen Unternehmen: Der Chef ist zwar ständig im Dienst, aber er lebt und arbeitet dort, wo es ihm gerade gefällt bzw. wo seine Familie… weiter lesen

23.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Alegal

von Detlef Guertler

Ein Sprachloch, das uns ehrt: Im Deutschen gibt es kein Wort für die Grauzone zwischen legal und illegal. Für all das also, was zwar einerseits verboten ist, andererseits aber jeder macht: ein bisschen schneller als erlaubt fahren, ein bisschen lauter als erlaubt Musik hören, eine polnische Putzfrau ohne Anmeldung beschäftigen, oder ein bisschen übrig gebliebenen Müll beim Nachbarn in die Tonne stopfen. Die Spanier haben für diese Grauzone ein eigenes Adjektiv, nämlich alegal. Allerdings ist bei denen die Grauzone auch wesentlich breiter: 98 Prozent aller privaten Mieteinnahmen werden am Finanzamt vorbeigeschleust, in einigen Küstenorten werden mehr als die Hälfte aller Neubauten ohne Baugenehmigung errichtet, und auch Gehälter werden üblicherweise in zwei Tranchen gezahlt: eine geht legal aufs Konto, die andere alegal bar auf die Hand. Das einzige deutsche Wort, das ansatzweise in die alegale Richtung geht, heißt Kavaliersdelikt. Allein schon die Länge und die altertümliche Anmutung machen klar, dass es… weiter lesen

22.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Das Gegenteil von durstig

von Detlef Guertler

Für mich hat mein Sohn Clemens, 5, ein für alle Mal die wohl längstdauernde Debatte um ein Sprachloch beendet – die um das Gegenteil von durstig. Hungrig – satt, durstig – Fragezeichen, das war mir bislang nicht so sehr eine schmerzliche Lücke, sondern eher das Beispiel, mit dem man jederzeit die Wortschatzdebatte auf Stammtischniveau bringen konnte. Denn da ist schließlich klar, dass zwischen Leber und Milz immer noch ein Pils passt, es also gar keinen Bedarf für ein Gegenteil von durstig gibt; und schon gar nicht für ein Kunstwort wie „sitt“, das zwar 1999 einen von Lipton gesponsorten Wettbewerb um die Besetzung dieser Leerstelle gewann, aber deshalb trotzdem weder an Stamm- noch an anderen Tischen verwendet wird. Und dann kam jener Morgen, als Clemens ganz gegen seine geheiligte Tradition seinen Humpen Kakao nur halb austrank, bevor es Zeit war, in die Vorschule zu gehen. „Clemens! Hier steht noch dein Kakao!“… weiter lesen

22.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Ultrakurzhändler

von Detlef Guertler

Natürlich kann man den Daytrader auch weiterhin Daytrader nennen. Sein eigentliches Markenzeichen ist aber nicht so sehr das An- und Verkaufen an ein und demselben Tag, sondern eher in ein und derselben Minute, meinetwegen auch Stunde. Und da wir schon vor der Erfindung der Ultra-Waschmittel das Ultrakurze erfunden hatten (für die Ultrakurzwelle nämlich), wäre das Wort Ultrakurzhändler nicht nur treffender, sondern auch traditionsreicher. Die Abkürzung UKH klingt zwar nicht so gut wie UKW, aber vielleicht ist das ja auch nur Gewöhnungssache. Möglicherweise ist die passendere Kurzform ja auch einfach “Die Ultras” – seit dem Ende der DDR ist das Wort ja wieder verwendbar.

Ultrakurzhändler, m: Börsenspekulant, der am gleichen Tag kauft und verkauft; vormals: Daytrader 

22.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Latte Macchiato

von Detlef Guertler

So wie die Rauke in Deutschland erst gegessen wurde, nachdem sie in Rucola umgetauft worden war, ist auch der Kaffee in Deutschland offensichtlich nur noch auf ausländisch genießbar. Dabei gibt es in der Tat keinen Grund, einen Caffè Latte oder Café au lait nicht auch Milchkaffee zu nennen, oder? Beim Latte Macchiato ist es natürlich etwas anderes: Für dieses Gesöff gibt es völlig zurecht keinen deutschen Namen. Wenn man einen finden möchte, dann wohl am ehesten KAFFEEMILCH. So etwas bestellt zwar kein mediterran-weltgewandter Kaffeetrinker, aber das wäre ohnehin für alle beteiligten das beste.

22.06.2006 von Detlef Guertler
blogavatar

Brainstorming

von Detlef Guertler

Natürlich ist die “Aktion lebendiges Deutsch” grundsätzlich wertvoll und begrüßenswert. Jeden Monat ein bis drei Anglizismen ent-fremden kann ja gar nicht schaden – denn all die Vorschläge, die nichts taugen, werden sowieso dem Malstrom des Vergessens anheim fallen. Und jedes neue Wort, das sich durchsetzt, bereichert schon definitionsgemäß die deutsche Sprache, da sich ja nur durchsetzen kann, was die Menschen auch verwenden.
So weit die Theorie. In der Praxis jedoch zeigt sich gerade, wie peinlich es werden kann, wenn in Ehren ergraute Studien- und sonstige Räte versuchen, ihre Sprache zu erneuern. Und zwar zeigt es sich beim Wort Brainstorming, für das die Jury aus 4426 Einsendungen die Eindeutschung Denkrunde erwählte. Denn Denkrunde geht treffsicher am eigentlichen Inhalt des Begriffs Brainstorming vorbei – schließlich geht es beim Brainstormen gerade nicht so sehr ums Denken, sondern eher ums Spinnen, um ungeschütztes Durcheinanderassoziieren, von Hölzchen zu Stöckchen springen, alles und… weiter lesen