protagonistischer Konflikt

Was antagonistische Konflikte sind, wissen wir: Kapital gegen Arbeit, BRD gegen DDR, Dortmund gegen Schalke, Lehmann gegen Kahn – Kampf bis aufs Messer, es kann nur einer Sieger sein, Pardon wird nicht gegeben. Für die viel häufigere Variante eines Konflikts, die nicht auf Vernichtung, sondern auf Vereinbarung zustrebt, haben wir bislang noch kein Wort. Was hiermit geändert wird durch Einführung des Begriffs „protagonistischer Konflikt“. Der klassische protagonistische Konflikt sind Tarifverhandlungen in Deutschland. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben hier naturgemäß unterschiedliche Interessen, die in den Verhandlungen mehr oder weniger hart aufeinander stoßen. Beide Seiten wissen jedoch schon vorher, dass am Ende eine Vereinbarung stehen wird, die von beiden Seiten unterschrieben ist. Und dass man sich im nächsten Jahr wieder treffen wird, um den dann aktuellen Konflikt auszufechten. Deshalb geht man weder von vornherein auf einen wachsweichen Kompromiss aus (dafür sind die Interessen zu gegensätzlich) noch ist man darauf aus, den Gegner zu vernichten (weil das nicht geht, bzw. nur um den Preis des eigenen Untergangs).
In der Medienbranche kennt man den protagonistischen Konflikt als den zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung: Die Redaktion will möglichst viel Platz für sich (Anzeigen interessieren doch keine Sau), die Anzeigenabteilung möglichst wenig redaktionelle Seiten (kostet ja doch nur Geld). Nachhaltig lebensfähige und rentable Produkte entstehen aus einem solchen Grundkonflikt immer nur, wenn beiden Seiten klar ist, dass sie ohne den Konfliktpartner nicht überleben könnten, so dass ein gemeinsames Interesse die gegenläufigen Partialinteressen überwölbt. Ähnlich steht es um den Konflikt zwischen Journalist (will möglichst viele Buchstaben) und Grafiker (will möglichst wenig Grauwert). Nur wenn beide sich immer wieder am gemeinsamen Interesse (möglichst gutes Produkt) orientieren, werden sie dauerhaft ihren Arbeitsplatz sichern können.
Der so definierte protagonistische Konflikt als Mittelweg zwischen Feindschaft und Konsenssoße ist übrigens eine typische kulturelle Errungenschaft (kommt im Tierreich und unzivilisierten Gesellschaften kaum vor) und meines Erachtens nirgends so fest verankert wie in Deutschland.

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