Deutschtümmelei

Im Hitler-Blog des Kollegen Erk tauchte, mutmaßlich als Schreibfehler, die Deutschtümmelei auf. Auch bei Google ist die Deutschtümelei etwa 70mal häufiger vertreten als die Doppel-M-Variante, und nur das einfache M bringt es auf einen Eintrag bei Wikipedia. Allerdings passt zur Deutschlandbegeisterung, die während der WM das Land erfasste, die Deutschtümelei nicht: Das Tümelnde ist so gravitätisch, altbacken und verstaubt, das findet sich auf Vertriebenenkongressen, aber nicht beim Grubbegugge am Mainufer. Das Tümmelnde hingegen fühlt sich auf den Fan-Meilen so wohl wie der Fisch im Wasser. Das Tummeln steckt drin, der Tümmler auch, und es hat genau die richtige Portion sprachliche Dynamik. Und da wir davon ausgehen können, dass sich die jugendbewegte Sympathie für Schwarz-rot-gold auch nach der WM im Lande halten wird, können wir uns auf weiteren vielfachen Gebrauch der Deutschtümmelei freuen.

Kommentare (4)

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  1. Partyotismus wurde mir von der Galerie zugerufen. Ich gebe zu, dass das Wort geschrieben einen gewissen Charme hat. Das lässt aber erstens schnell nach, wenn man das Wort ausspricht (man kommt sich immer vor, als hätte man einen Fehler gemacht), und zweitens ist auch der Witz des Wortes bald abgegriffen. Nein, mir wirkt das zu gekünstelt, als dass es lange leben könnte.

  2. Zum Kommentar von Hans-Werner: Stimmt, dass auf das Esszett zu verzichten wäre, die Schweizer leben und schreiben schließlich auch problemlos ohne. Ein bisschen ginge mir der Verlust dieses so typisch deutschen „Buchstabens“ aber schon leid ab; vor allem, weil er seit unserer Rechtschreibreform endlich auch Auskunft über die Aussprache des vor dem Esszett stehenden Vokals gibt. So hat vielleicht der sprachfremde Setzer Stress, wahr ist aber auch, dass dem deutsch Lernenden das Esszett eine gute Hilfe ist. Und irgendwie „deutschtümelt“ das Esszett ja auch ganz wunderschön und lässt Erinnerung aufkommen an altdeutsche humanistische Schreib- und Studierstuben – gab es doch in der Frakturschrift das „s“ betreffend noch weitere Regeln zur Typographie, etwa die, wie es im Wort, am Wortende oder -anfang geschrieben werden wollte. Also mir würd’s schon fehlen, das gute, alte Esszett.

  3. Schöner Artikel! Und zum ersten Kommentar: Dass der Fuß immer mehr mehr zum „Fuss“ wird, ist doch noch zu verschmerzen. Das Antiqua-S findet sich eh auf keiner Tastatur und konsequente Doppel-S-Schreibung verwirrt wenigstens mit unseren Ligaturen nicht so vertraute sprachfremde Setzer nicht über das nötige Maß hinaus: ein Esszett gibt es nicht, es ist eine Doppel-S-Ligatur (Antiqua+normales)!

  4. Es gibt Neubewortungen, die eine Verarmung der Sprache darstellen, und solche, die eine Sprache bereichern. Die Deutschtümmelei halte ich ganz entschieden für eine Bereicherung, weil sie einer in dieser Form noch nicht dagewesenen Situation (Stimmung wie beim Papstbesuch, nur mit Bier und schwarz-rot-gold) einen inhaltlich und sprachlich adäquaten Ausdruck verleiht. Dass der Ursprung dieses Neuworts ein schlichter Rechtschreibfehler gewesen ist, spielt keine Rolle mehr, wenn das Neuwort sein Eigenleben gewinnt – das ist so etwas wie eine Mutation des Erbguts, die normalerweise nicht lebensfähig ist, in diesem Fall aber eben doch, weil sie auf neue Umweltbedingungen trifft und ihre eigene ökologische (bzw. hier eben linguistische) Nische besetzen kann.

  5. Wen soll’s noch kümmern? Jetzt „tümmelt“ es halt in Deutschland, die FIFA sichert sich die Rechte an orthographischen Scheußlichkeiten, wie in der von ihr favorisierten Schreibweise „Fussball“ – und in der Kneipe nebenan lädt uns der Wirt zum „Weltmeisterschaft’s-Büfee“ und weist uns jetzt schon freundlich darauf hin, dass bei ihm nach der WM sonntag’s wieder geschlossen ist.

    Friede Konrad’s Asche…