Hoffen wir mal, dass dieses heute von Tobias Kaufmann erfundene Wort auch weiterhin nicht gebraucht wird. Bei den Folgewirkungen von Tschernobyl jedenfalls war und wird es offensichtlich nicht notwendig, ein eigenes Wort für “gehäuft auftretende Krebserkrankungen” zu verwenden, da dieser Meldung zufolge gerade mal 0,01% aller Krebserkrankungen in Europa zwischen 1985 und 2065 auf diesen Reaktorunfall zurückzuführen sein werden.
Archive for August, 2006
So heißt eine mir höchst fragwürdige Aktion des ebenso fragwürdigen “Deutschen Sprachrats“. Das Anliegen scheint auf den ersten Blick ehrenwert: “Deutsche Wörter finden sich in fast allen Sprachen der Welt wieder. Wir möchten diese Wörter mit Ihrer Hilfe sammeln und etwas über ihre Verwendung in anderen Sprachen lernen.” Fragwürdig an der Aktion ist auf den zweiten Blick zweierlei: Erstens kennt sie kaum einer, obwohl sie schon seit Anfang Juni laufen soll und Ende September schon wieder vorbei ist, was also wohl bedeutet, dass den Jungs und Mädels vom Deutschen Sprachrat das mit dem Marketing nicht wirklich in die Wiege gelegt wurde. Und zweitens darf man mit der Einreichung eines Germanismus aus anderer Sprache auch gleich alle seine Rechte daran abgeben, weil aus den Geschichten zu den Germanismen ein Buch werden soll, das bereits im November 2006 erscheinen soll. Damit bekommt das ganze vollends den Charakter eines putzigen “Wenn… weiter lesen
Bei Günther Jauch wäre das mindestens eine 500.000-Euro-Frage:
Welche Institution nennt sechs von ihr vergebene Reise-Stipendien für Künstler “Residency-Programm”?
a) Hertie School of Governance (Berlin)
b) European Business School (Oestrich-Winkel)
c) Goethe-Institut (München)
d) Barenboim-Said-Stiftung (Sevilla)
Sie nehmen den Publikums-Joker: 43 Prozent für a, 12 für b, 27 für c, 18 für d. Sie setzen auch noch den 50:50-Joker ein: a und c bleiben übrig. Sie greifen zum Telefon-Joker: Tante Meike, die sich mit Kultur auskennt. Tante Meike hat noch nie etwas von einem Residency-Programm gehört. Aber c) kann sie ausschließen, das Goethe-Institut als Wächter der deutschen Kultur würde doch nie auf die Idee kommen, ein Stipendium “Residency” zu nennen. Die Hertie-Dingsbums, der ist sowas zuzutrauen. Sie bedanken sich herzlich bei Tante Meike, das hätten Sie sich auch schon so ähnlich gedacht, und wenden sich zuversichtlich dem Moderator zu. “Also gut, ich nehme a).” – “Sind Sie… weiter lesen
Man muss ja nicht jeden Blödsinn neubeworten, den irgendwelche Spiele- oder Konsolenhersteller sich einfallen lassen. In diesem Fall gibt es dafür aber gleich doppelten Anlass: Erstens hat ein “Eingabegerät” für eine Playstation in Fußballform, das wie ein Fußball getreten wird, das Zeug dazu, uns die nächsten Jahrzehnte zu begleiten, zweitens ist der bisherige Name “Shootpad” ziemlich blödsinnig, weil “shoot” alles mögliche sein kann, und niemand dabei zuerst an Fußball denkt, und Pad am ehesten vom Mousepad her bekannt ist, wo es schlicht Unterlage bedeutet. Shootpad heißt also Unterlage zum Schießen – irreführender gehts kaum.
Ich bitte deshalb um Vorschläge für eine Neubewortung des Shootpads. Ein erster Vorschlag zur Anregung: Ballerball.
Nachdem gerade auf Pro 7 Stefan Raab persönlich die Jüngelchen von Tokio Hotel fragte, ob sie denn am 7. Oktober bei der großen TV Total Stock Car Crash Challenge mitfahren wollen, und mich praktisch zeitgleich die erste Google-Suche nach “kräsch challenge Stefan Raab” erreicht hat, sei hier ausdrücklich darauf verwiesen, dass Boris Schüszler bereits vor auf den Tag genau zwei Monaten den Vorschlag eingereicht hatte, crashen in kräschen einzudeutschen. Und zwar hier. Dass es sich bei “Kräsch” ansonsten um eine Schweizer Rockgruppe handelt, die laut eigener Webseite ihren nächsten öffentlichen Auftritt am 28. April 2007 beim US-Car Treff in Chur hat, sei dabei allenfalls am Rande erwähnt.
Einen interessanten Neubewortungsvorschlag macht ein gewisser Matthias bei the-exit: sucheln statt googeln. Für Sachsen ist das wohl kein großer Unterschied, da in der dortigen Mundart googeln eher wie gucheln ausgesprochen wird, man also nur den Anfangsbuchstaben auswechseln müsste. Für Andersmundartige ist die aussprachliche Differenz doch etwas größer. Faszinierend finde ich an diesem Vorschlag nicht so sehr das Wort an sich, sondern eine sich dahinter eröffnende Perspektive: Wenn sich tatsächlich sucheln für “suchen im Internet” durchsetzen würde, könnte man in Analogie auch bei anderen Verben genauso verfahren, indem man einfach zwischen e und n ein l einschiebt. Aus recherchieren wird recherchiereln, aus telefonieren eben nicht skypen, voipen oder interfonieren, sondern telefoniereln, auf flirten wird flirteln, aus wetten wetteln, und wer statt sich im wahren Leben lieber bei Second Life im Internet rumtreibt, der lebelt eben. Und wenn Ikea dann Internet-Werbung schaltet, heißt die: “Wohnelst du noch oder lebelst du schon?”
Was haben Victoria Beckham und Penelope Cruz gemeinsam? Ihrem Hintern wurde künstlich mehr Volumen verpasst. Missis Beckham für ein Werbefoto für ein neues Parfüm (wobei uns bisher nicht verraten wurde, ob Plastik, Photoshop oder Podouble eingesetzt wurden), Miss Cruz für ihre Rolle in Pedro Almodovars “Volver”, und da hat Almodovar gestanden, dass mit Plastik ausgepolstert wurde. Falls diese kleinen Zugaben einen Trend zu fülligeren Gesäßen einläuten sollten, werden wir uns bald Gedanken darüber machen müssen, wie man die Hilfsmittel nennt, die dabei zum Einsatz kommen (außer Hamburger und Gummibärchen). Der prallierende Büstenhalter heißt Push-up-BH oder Wonderbra, auf der Rückseite scheitert eine solche Bewortung daran, dass es noch kein Wort wie Gesäßhalter gibt, das mit dem entsprechenden Push-up-Effekt angereichert werden könnte. Zudem ist Push-up wohl auch nicht so ganz das richtige Wort, weil es ja weniger darum geht, etwas hochzudrücken, sondern mehr darum, etwas auszufüllen. Und nachdem für das Vortäuschen breiter… weiter lesen
Plötzlich und für uns alle unerwartet hat im heißesten Juli seit Menschengedenken das doch so ansehnliche Wörtchen “wohlgestalt” sein Leben ausgehaucht. Im “Großen Wörterbuch der Deutschen Sprache”, Ausgabe letzter Hand, ist es noch als ” (geh. veraltend): wohlgestaltet” aufgeführt. Es ging ihm also da schon nicht gut, aber noch steckte Leben in seinen zarten Konsonanten, noch kämpfte es um seine Daseinsberechtigung im großen Biotop der Deutschen Sprache. Ach, hätten wir geahnt, dass herzlose Redakteure ihm ans Leben wollten, wir hätten es geherzt und geküsst, in jeder Kolumne, jeder Glosse, jeder Reportage ein wohlgestalt untergebracht, hätten Freunde, Nachbarn und Landsleute zur Rettungsaktion aufgerufen – wohlgestalt darf nicht sterben! Aber, ach!, zu spät, du rettest das Wort nicht mehr: Der Duden hat brutalstmöglich zugeschlagen. In der neuesten Ausgabe ist der Gesamteintrag auf zwei Wörter verkürzt: “wohl|ge|stalt (veraltet)”. Kein Hoffnungsschimmer, keine lebensverlängernden Maßnahmen, wohlgestalt liegt im Wachkoma und wann hätte man je gehört,… weiter lesen
Nein, liebe Gemeinde, es geht nicht um das in weiten Kreisen verbreitete Vorurteil, Marktforschung könne man in die Tonne kloppen. Es geht um eine noch relativ neue Variante der Erhebung von Marktforschungsdaten – die Durchsuchung von Mülltonnen. Mittlerweile sind mir drei Beispiele hierfür zu Ohren gekommen:
- Das Mannheimer Marktforschungsunternehmen Seissmo hat ein Jahr lang in Mannheimer Müllsäcken gewühlt, um Informationen über die Verwendung von Markenprodukten in den Haushalten zu sammeln.
- Die deutsche Zigarettenindustrie gräbt seit zwei Jahren deutsche Müllkippen um, um Schätzwerte für den Anteil der nicht versteuerten Zigaretten am Gesamtrauchvolumen zu erhalten.
- Ikea Spanien hat in Vorbereitung des Neubaus einer Filiale in Malaga das Müllaufkommen der Region analysiert und dabei herausgefunden, dass in der Provinz Malaga etwa 40 Prozent mehr Menschen leben als offiziell gemeldet sind, und dass sie über ein hohes Markenbewusstsein verfügen.
Offensichtlich handelt es sich… weiter lesen
Seit dem 24. August müssen wir uns auf ein Neuwort einstellen, das uns von einer internationalen Konferenz aufgezwungen wurde. Die Internationale Astronomenvereinigung IAU hat in einer heiß umstrittenen Abstimmung (deren Ablauf mich an grüne Parteitage aus den frühen 80er Jahren erinnert) den Pluto aus dem Planetensystem gekegelt und eine Klasse tiefer eingeordnet. Aber wie heißt diese Klasse, und damit der Pluto, jetzt? Die meisten Medien verwenden das Wort Zwergplanet, doch eine Minderheit macht sich für den Planetino stark. Den Begriff, hat, dem Bericht der spanischen Nachrichtenagentur EFE zufolge, der uruguayische Astronom Julio Angel Fernandez von der Universität Montevideo eingeführt. Planetino ist nicht nur die spanische Verkleinerungsform von planeta (für die Sprachfeministen unter uns: Planetina wäre grammatikalisch inkorrekt, da planeta trotz des Weiblichkeit suggerierenden a am Ende ein maskulines Substantiv ist), sondern außerdem wissenschaftskompatibel (vergleiche Neutron und Neutrino) und weltweit einsetzbar – ganz anders als… weiter lesen