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vonDetlef Guertler 08.08.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Das Wort klingt so, als handle es sich um ein Weblog wie andere auch – nur dass es eben der Chef persönlich schreibt, und nicht irgend ein anderer. Aber genau deswegen kann das Wort nicht so bleiben. Es ist nämlich ein Riesenunterschied, ob irgendjemand oder ob der Chef bloggt. Zumindest wenn das im Intranet passiert. Für Internet-Blogs dürfte der Name ruhig weiter verwendet werden, da handelt es sich schlicht um ein weiteres Werbemedium, bei dem man vermutet, dass die Texte der Werbetexter eher gelesen werden, wenn sie in Blog-Form dem CEO in den Mund gelegt werden.
Im Intranet jedoch: Da ist Schluss mit der herrschaftsfreien Kommunikation, die eines der wesentlichen Merkmale eines Weblogs ist. Da wird von oben nach unten geschrieben, und sage keiner, man könne ja einfach auf den Antwortknopf drücken – wenn es sich nicht gerade um speicheltriefende Begeisterung handelt, wäre das nämlich unternehmensöffentliche Kritik am obersten Boss, und das ist noch niemandem gut bekommen.
Nein, wir haben es hier eher mit einer neuen Form der Verlautbarung in den letzten uns verbliebenen planwirtschaftlich-diktatorischen Systemen zu tun, den Unternehmen eben. Mit Eberhard Posner, ehemals Siemens-Oberkommunikator, hatte ich vor vier Jahren mal eine kleine Auseinandersetzung. Weil ich in der Süddeutschen geschrieben hatte, dass Mitarbeiterzeitschriften ungefähr so spannend und objektiv sind wie das Neue Deutschland vor 1989, schickte er mir einen Stapel interner Siemens-Blätter, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Ich antwortete ihm, dass ich angesichts der Layout-Qualität den Vergleich mit dem Neuen Deutschland nicht aufrecht erhalten könne – es handle sich eher um so etwas wie die Wochenpost zu DDR-Zeiten. Danach habe ich leider nichts mehr von ihm gehört, und jetzt spricht er auch nicht mehr für Siemens.
Und wenn Siemens-Chef Klaus Kleinfeld seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten ein CEO-Blog im Intranet führt, dann will er damit den Kulturwandel (Scheiß auf Deutschland, her mit der Rendite) und den neuen Führungsstil (Leistungsdruck und Prangersystem) transportieren. Für dieses Bezugssystem ist das auch nichts anderes als vor siebzig Jahren eine via Volksempfänger übertragene Führerrede.
Für so etwas darf das Wort Blog nicht herhalten. Das muss anders genannt werden, und zwar unabhängig davon, ob es inhaltlich ordentlich oder unordentlich gemacht wird. Deshalb hier gleich ein paar Vorschläge zur Neubewortung von CEO-Blog, mal mehr, mal weniger neutral gehalten.
– Leaderbuch
– Ceo-Bibel
– Blopaganda
Oder man verwendet, in Analogie zum Neuen Deutschland, jeweils den Firmennamen. Der CEO-Blog von Kleinfeld hieße dann „Neues Siemens“, und wenn Pischetsrieder anfinge zu bloggen, wäre es „Neues Volkswagen“ und so weiter.

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kommentare

  • […] Wenn in den kommenden Monaten die von mir bekanntlich hoch geschätzte Siemens AG ihre privatwirtschaftliche Existenzberechtigung verlieren sollte, gäbe es deshalb eine besonders coole Rettungs-Variante: Der Staat übernimmt Siemens und wandelt den Konzern in eine Anti-Monopsonie-Behörde um. Sollte sich jemand darüber beschweren, dass dadurch der Bock zum Gärtner gemacht werde, lese er sich bitte die Geschichte von der Gründung der heute so großartigen US-Börsenaufsicht SEC durch. […]

  • PR-Blogger lobt Siemens-Boss Klaus Kleinfeld…

    Irgendwas ist ja immer. Und angesichts der Turbulenzen um den Siemens-Konzern, den dort von Klaus Kleinfeld propagierten “30 % mehr für Manager”-und dem Desaster bei BenQ gilt das umso mehr.

    ……

  • Derzeit scheint bei Siemens ja tatsächlich der Rückkanal der Kommunikation zu funktionieren – wenn dutzend- bis hundertfach Kritik an der Erhöhung der Vorstandsgehälter über die Kommentarfunktion des Kleinfeld-Blogs geäußert wird, gibt das auf den ersten Blick den hier geäußerten Kritiken recht, die meinen, ein CEO-Blog nicht mit einer Führer-Rede vergleichen zu können. Also bleiben wir doch besser beim Vergleich mit den kommunistischen Diktaturen – bei denen gibt es nämlich Erfahrungswerte darüber, wie Aufstände dagegen ablaufen.
    Wenn ich in der politischen Geschichte nach Parallelen zum Wutausbruch im Kleinfeld-Blog suche, lande ich bei den Arbeiterunruhen in der DDR im Juni 1953 sowie bei der chinesischen Demokratiebewegung vom Frühjahr 1989. Beide begannen spontan und unorganisiert aus vergleichsweise kleinen Anlässen, breiteten sich jedoch wie ein Steppenbrand aus, da es im Land zu einer explosiven Stimmung gekommen war und kein Ventil vorhanden war, um Druck vom Kessel zu nehmen.
    Während die Arbeiter in der DDR im Juni 1953 weniger schrieben, dafür aber mehr demonstrierten, blühten in Peking 1989 die Wandzeitungen genauso schnell und plötzlich auf wie jetzt bei Siemens die Blog-Kommentare – und genau wie diese waren die Wandzeitungen eigentlich als Ventil für schaumgebremste Systemkritik gedacht, entwickelten sich aber in der Umbruchssituation zu Kommunikationsmitteln, die das System erst umfassend kritisierten und dann zu sprengen drohten.
    Was die weitere Entwicklung angeht, steht bei Siemens weder eine sowjetische noch eine chinesische Armee bei Fuß, um den Volksaufstand zusammenzuschießen. Das muss aber auch nicht sein: Anders als in politischen Diktaturen ist in Unternehmen ein Sturz der Regierung durchaus möglich, ohne dass deshalb der Laden in sich zusammenbrechen müsste. Wenn Kleinfeld es nicht schafft, den Unmut wieder einzubremsen, wird er eben gehen müssen – davon allein geht Siemens nicht unter. (Böse Zungen sagen, dadurch würde Siemens gerettet.)
    Außerdem hat ein deutscher Konzern wesentlich mehr und abgestuftere Handlungsoptionen als ein deutscher Diktator. Er kann Zugeständnisse hier und dort machen, runde Tische oder hochwichtige Kommissionen einrichten, und er hat einen Betriebsrat, der im Zweifelsfall den Konzern lieber retten als revolutionieren wird. Oder sollte es dort einen geben, der sich zu einer Karriere wie Lech Walesa berufen fühlt? Dann könnte es für Siemens tatsächlich eng werden.

  • Interessanter Beitrag, noch interessanter die wutschnaubenden Reaktionen. Ich würde sagen, Herr Guertler, Treffer versenkt! Habe sehr geschmunzelt. Weiter so.

  • > Hr. Zehrt
    Das ist doch nun wirklich ein unhaltbarer Vergleich: die Verbindung zum Volksempfänger lässt assoziieren mit Diktatur, Propaganda, nicht doch aber mit Nationalsozialismus. Sie wollen doch nicht behaupten, Herr Zehrt, dass ein Vergleich großer Konzerne mit Diktatur-Systemen nicht unternommen werden darf, nicht kann, von geringem Intellekt zeugt. Es muss doch möglich sein, solche Vergleiche anzustellen, denn das geht bei weitem noch nicht unter die Gürtellinie: weit mehr als die Hälfte aller Staaten der Erde sind Diktaturen, und von demokratischen Strukturen in Unternehmen habe ich noch nicht viel gehört! Wie man das wertet ist eine Sache, feststellen muss man das aber!
    Unter Blinden ist der Einäugige ein König – was wollen Sie damit ausdrücken? Halten Sie Leser, die nicht ihrer Meinung sind sondern der von Detlef Guertler, für Einäugige?

  • Gerade beim Frühstück über Siemens und Kleinfeld geplaudert. Da schaltet sich aus der Ecke Lucie, 8, ins Gespräch ein: „Wer bei Siemens arbeitet, hat’s gut.“ – „Wie jetzt, Lucie?“ – „Na, wer bei Siemens arbeitet, hat’s gut. Siemens ist nämlich eine gute Firma. Die erfinden immer ganz tolle Sachen.“ – „Und woher willst du das wissen?“ – „Das hab ich im Erfinder-Workshop im Jüdischen Museum gelernt. Da haben wir ein echtes Patent gesehen, das Herr Siemens vor mehr als hundert Jahren bekommen hat.“

  • Früher gab es den Nachrichten-„ticker“. Hier im blog entwickelt sich eine neue Spezies der Journalisten-„Zicker“. Es kann aber sein, dass sie mir bisher nur nicht aufgefallen ist. So Mancher „Zehrt“ von seiner Vergangenheit und glaubt, es sei Zukunft. Ich habe bei Detlef Guertler bisher nie das Wort „Nazimethoden“ gelesen.
    (Polyphem – unter Blinden ist der Einäugige ein König).

  • Wer als „Journalist“, nur um die eigene Wichtigkeit herauszubrüllen, Managern Nazimethoden unterstellt lebt in einer unglaublich kleingeistigen Welt. Schreiben Sie einfach weiter für die TAZ und nicht mehr im Internet, die Taz wird Dank Leuten wie Ihnen eh von dermaßen wenig Leuten gelesen dass der Schaden gering bleibt und solche Peinlichkeiten wie Ihre Entgleisung in der Gemeinschaft der Ewiggestrigen bleiben, wo sie auch hingehören.

  • Jetzt bin ich denn doch nachdenklich geworden, werter Ex-Kollege Zehrt. Ist es nun ein Zeichen von mangelnder Lern- und Entwicklungsfähigkeit, wenn man als Jahrgang 1964 noch (oder wieder oder erstmals oder überhaupt) für die taz schreibt? (Ich gebe zu, es nicht als Gipfel der Lern- und Entwicklungsfähigkeit zu betrachten, wenn jemand über die Stationen Bild, taz, Stern und ARD zur eigenen PR-Firma kommt, aber das ist natürlich Ansichtssache). Und wäre es tatsächlich ein Zeichen besonderer Chef-Qualität, wenn der Siemens-Chef lern- und entwicklungsfähiger wäre als ich? Von einem Unternehmen, dessen CEO besonders lern- oder entwicklungsfähig ist, würde ich jedenfalls keine Aktie kaufen – dann doch lieber von einem Unternehmen, dessen Chef besonders entscheidungs- oder durchsetzungsfähig ist. Und da, das muss sogar ein „ich weiß alleine was gut für die Welt ist“-Wortist zugeben, ist Klaus Kleinfeld mir tausendfach überlegen.

  • […] wtf ist Detlef Guertler? Irgendein TAZ-Journalist, dem man das Blogrecht noch nicht enzogen hat. So kommen dann auch Sätze zu Stande wie: Und wenn Siemens-Chef Klaus Kleinfeld seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten ein CEO-Blog im Intranet führt, dann will er damit den Kulturwandel (Scheiß auf Deutschland, her mit der Rendite) und den neuen Führungsstil (Leistungsdruck und Prangersystem) transportieren. Für dieses Bezugssystem ist das auch nichts anderes als vor siebzig Jahren eine via Volksempfänger übertragene Führerrede. Für so etwas darf das Wort Blog nicht herhalten. Das muss anders genannt werden, und zwar unabhängig davon, ob es inhaltlich ordentlich oder unordentlich gemacht wird. Deshalb hier gleich ein paar Vorschläge zur Neubewortung von CEO-Blog, mal mehr, mal weniger neutral gehalten. – Leaderbuch – Ceo-Bibel – Blopaganda […]

  • Peinlich – dieser Herr Gürtler ist auch Jahrgang 64, da bin ich dann doch froh das nicht wir alle diese lärmend blöde „ich alleine weiß was gut für die Welt ist“-Attitüde beibehalten haben. Wer den Volksempf-änger bemühen muß hat keine Argumente, träumt sich nachts noch immer im Palästinensertuch in den Schlaf und möchte so gerne so wichtig sein – zum Beispiel so wichtig wie ein Siemens-CEO, dessen Lern- und Entwicklungsfähigkeit die eines Herrn Gürtler um das x-fache übersteigt.

    Wolfgang Zehrt, heute directnews, früher TAZ-Hamburg

  • CEO-Blogs oder Blopaganda?…

    Jenseits der Wortartistik bewegt sich meiner Ansicht nach Detlev Guertler, der in seinem Taz-Blog Wortistik CEO-Blogs verteufelt und dabei in die unterste Schublade greift: Und wenn Siemens-Chef Klaus Kleinfeld seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten ei…

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