29.09.2006 von Detlef Guertler
Irgendwie scheint in diesem Jahr die Podcast-Welle über das Land geschwappt zu sein. Alles podcastet, und stört sich dabei weder daran, dass das Wort so podhässlich ist, noch daran, dass es inhaltlich völlig daneben ist. Podcast werden längst nicht nur über I-Pod gehört bzw. gesehen, und sie werden auch nicht wirklich gesendet, sondern es handelt sich schlicht um Ton- oder Bild-Dateien, die auf irgendwelchen Servern rumliegen und darauf warten, dass sie sich jemand runterholt. Zudem ist nicht mal klar, ob es sich beim Podcast um Ton und/oder Bild-Dateien handelt. Nee, liebe Freunde, sowas hat keine Zukunft; technisch vielleicht, aber wortistisch bestimmt nicht.
Beim “Abenteuer Leben” beispielsweise, das sich vollmundig “Das Podcast-Edutainment-Portal” nennt, wird trotz dieser äußerst anglifizierten Zeile der/die/das Podcast als “Hörsendung” eingedeutscht. Das hat allerdings noch den Nachteil, dass wiederum eine Sendung suggeriert wird, was zwar im kommunikationstheoretischen Sinn stimmen mag (Eine Messitsch wird vom Sender an… weiter lesen
28.09.2006 von Detlef Guertler
Ein neues Lebensmittel-Monster ist geboren: die Transfettsäuren. Eine besondere, irgendwie linksgewickelte statt rechtsgedrehte Spezies von Fettsäuren, die in der Natur zwar gelegentlich vorkommt (wenn auch eher im Pansen von Wiederkäuern als im menschlichen Körper), vor allem aber in Fertigprodukten, in denen aus Kosten-oder produktionstechnischen Gründen industriell gehärtete Öle verwendet werden. Was besser nicht passieren sollte, da diverse Gesundheitsstudien zeigen, dass das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall nicht von der Menge des verzehrten Fetts abhängt, dafür aber von der Menge der verzehrten Transfettsäuren.
Aus diesem Grund, und weil die Transen leicht durch unbedenkliche cis-Fettsäuren ersetzt werden können, wurden sie in Dänemark bereits faktisch aus der Nahrung verbannt, und in New York sollen sie binnen eines Jahres aus allen Restaurants verschwinden.
Was der Däne und der Ami erst mal auf dem Kieker haben, wird bald weltweit geächtet, gejagt, verbannt, vernichtet werden. Wobei es in diesem Fall, anders als sonst bei… weiter lesen
28.09.2006 von Detlef Guertler
Eine der verkehrssicherndsten Techniken seit Erfindung des Airbags will VW in die nächste Ausgabe des Touareg einbauen, die im Oktober in den Handel kommen wird, (und der wir bis dahin noch ein paar Neuworte mit auf den Weg geben müssen, damit der geneigte Kunde auch versteht, was VW ihm da verkaufen will), und im Wortlaut der VW-Presserklärung heißt diese Technik “Adaptive Cruise Control (ACC) mit neuer Follow-to-Stop-Funktion”, was wohl so ziemlich die blödsinnigste anzunehmende Benamsung (BAB) ist. Und das nicht nur, weil die Abkürzung ACC bereits für den Anti-Husten-Wirkstoff Acetylcystein und damit für einige Hundert Medikamente eingeführt ist.
Lesen wir lieber mal zu, was damit gemeint ist: “Die radarbasierte Distanzregelung bremst und beschleunigt den Wagen je nach Verkehrslage in einem zuvor definierten Geschwindigkeitsbereich auomatisch. Das jetzt im neuen Touareg eingesetzte System bremst den Wagen erstmals bis zum Stillstand ab.” Es ist also kein Tempomat (der seine Geschwindigkeit nicht variiert) und… weiter lesen
27.09.2006 von Detlef Guertler
Die Kosmetikindustrie ist zwar ohnehin bekannt für ihre hemmungslose Anglifizierung (außer 3-Wetter-Taft natürlich), aber der neueste Streich von Nivea schlägt doch echt dem Fass die Krone ins Gesicht: “NIVEA VISAGE DNAge ist eine hochwirksame Anti-Aging-Pflege, die direkt im Zellkern wirkt.” Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Erst der klassische, dem Lateinischen entlehnte Markenname (von nix, nivis: Schnee), dann die französische Visage für die Oberproduktgruppe (Gesichtsschmiere vermutlich), und schließlich die höchst artifizielle, verkünstelte Kopplung einer englischen Abkürzung (DNA) mit einem englischen Wort (Age), zu der man automatisch erst einmal in Anlehnung an die Wisaasch “Denaasch” sagen möchte, aber Die-Enn-Äidsch sagen muss. Wi!-der!-lich!!
Ja, früher, damals, als noch Tankstellen boykottiert wurden, nur weil Greenpeace sich verrechnet hatte, da hätte man für solche Vergewaltigung der deutschen Sprache nicht nur Nivea Visage DNAge boykottiert, sondern die ganze Nivea-Palette und den Rest des Beiersdorf-Konzerns gleich mit. Und wenn die Eigentümerfamilie Herz… weiter lesen
27.09.2006 von Detlef Guertler
Alle Welt optimiert. Die Geschwindigkeit eines Browsers, die Prozessabläufe einer Fabrik, die Steuerquote, das Image, die Außendarstellung, den Cash Flow, die Performance, das Preis-Leistungs-Verhältnis, kurz: jegliche Art von Aufwand und Ertrag und alle ihre Verhältnisse werden immer weiter verbessert.
Aber niemand pessimiert. Niemand versucht, etwas immer schlechter zu machen. Zumindest gibt es keiner zu, weshalb dieses Wort, das sich ganz einfach als Umkehrung zur Optimierung bilden lässt, praktisch inexistent ist. Dabei weiß doch jeder Manufactum-Kunde, dass genau das Gegenteil der Fall ist, denn wie heißt doch das geflügelte Motto des Unternehmens: “Es gibt nichts Gutes, das nicht irgend jemand ein bißchen schlechter und ein bißchen billiger machen könnte” (John Ruskin).
Also könnten wir, als fortschrittliche, konstruktiv kritische Mitglieder von Konsum-, Dienstleistungs-, Wissens- und vielen anderen Gesellschaften, die Wörter pessimieren und Pessimierung doch hervorragend verwenden, um all die Fälle zu beschreiben, in denen das mit der Optimierung eben nicht… weiter lesen
26.09.2006 von Detlef Guertler
Die Wortwarte hat in der Süddeutschen dieses wunderhübsch alliterierende Ersatzwort für die Sonnenbank gefunden. Es klingt nicht nur schöner, es ist auch wesentlich plastischer und in keiner Weise missverständlich: Sonnenbänke können auch im Park stehen (“Im Schatten wird es mir zu kühl, lass uns auf eine Sonnenbank gehen”), die Brutzelbank meint eindeutig das im Sonnenstudio oder im heimischen Fitnessraum verortete Bräungerät.
Das einzige Problem der Brutzelbank: Weder die Hersteller noch die Nutzer dieser Geräte werden sich diese Bezeichnung zu eigen machen wollen – klingt viel zu abwertend. Wenn, würden sie sich höchstens die ebenfalls alliterierende Bräunungsbank gefallen lassen; die wiederum würde in den Kreisen der Solariumbräuneverhöhner auf keine Gegenliebe stoßen, da zu affirmativ-verharmlosend.
Wenn sich also ohnehin zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern kein Konsens über die Bewortung dieses Gerätes herstellen lässt, bin ich entschieden für die saftigere Bezeichnung: Lang lebe die Brutzelbank!
25.09.2006 von Detlef Guertler
Der, nun ja, Entertainer Stefan Raab hätte da fast ein neues Wort gefunden, als er am Sonntag bei ddp über den Eurovisions-Grand-Prix ablästerte: Er habe “am eigenen Leib erlebt, wie sich das ganze musikalisch verorientalisiert”.
Sollte gerade der hemmungsloseste “Leute-Handy-raus-und-mich-wählen”-Abzocker jetzt schmollen, weil der Kroate dem Bosnier und der Lette dem Esten seine Punkte gibt? Sollte Raab vor der großen Herausforderung scheitern, nach “Hier kommt die Maus”, “Maschendrahtzaun” und “Wadde hadde dudde da” eine Prise Orient in seinen nächsten Grand-Prix-Beitrag zu mixen?
Selbst wenn dem so wäre, sollte Raab sich für sein Geschmolle ein anderes Wort einfallen lassen. Die Verorientalisierung ist nämlich leider doch nicht ganz neu erfunden, sondern bereits vor 76 Jahren erstmals gedruckt worden. “Gegen diese gesamte Verbastardierung, Verorientalisierung und Verjudung des Christentums wehrte sich bereits das durchaus noch aristokratischen Geist atmende Johannes-Evangelium”, hieß es nämlich 1930 in “Mythus des 20. Jahrhunderts ” von Alfred Rosenberg,… weiter lesen
24.09.2006 von Detlef Guertler
Das Schnäppchen an sich ist schon ein Phänomen. Mitten in einer durch und durch ausländerisierten Sprachumwelt, dem Einzelhandel, verteidigt es seine unangefochtene Monopolstellung. Es gibt Sales und Smart-Shoppers, Fashion Victims und Convenience-Stores, und zwischendrin: das Schnäppchen. Deutsch, deutscher geht’s nicht, und weit und breit keine Konkurrenz in Sicht. Oder wussten Sie, dass Schnäppchen auf Englisch bargain heißt, auf Französisch occasion und auf Spanisch ganga? Und selbst wenn Sie es wüssten, hätten Sie jemals gehört, dass jemand das auf deutschen Einkaufsstraßen verwendet hätte. Zugegeben, ich kannte mal jemand, der sich in den Schlussverkauf in Worms gestürzt hatte und stolz mit einem “Okkasiönsche” zurückkam, aber der sah auch schon so aus.
Das Wort ist so fantastisch, dass es nur selten mit Vorsilben versetzt dargeboten wird. Super- und Mega-Schnäppchen tauchen vereinzelt auf, aber eigentlich braucht das Schnäppchen seiner eigenen Stärke wegen keine draufsattelnden Vor-, sondern allenfalls detaillierende Nachsilben, wie etwa -markt, -jäger oder… weiter lesen
23.09.2006 von Detlef Guertler
Der neue VW Touareg ist vorgestellt worden – und ich bin begeistert. Gleich eine ganze Palette neuer technischer Schmankerl, die alle darauf brennen, neubewortet zu werden. Wer wird sich schon für sie interessieren, solange sie so kryptische Namen bzw. Aküs haben wie Adaptive Cruise Control (ACC), Follow-to-Stop-Funktion, integrierte Anhaltewegverkürzung (AWV), Active Rollover Protection (ARP), Rain Brake Support, Fading Brake Support oder Understeer Control Logic?
Um meinen bescheidenen Beitrag zur Sicherung des Standorts Deutschland im allgemeinen, der Volkswagen AG im besonderen und der Arbeitsplätze im VW-Werk Bratislava im besondersten zu leisten, werde ich versuchen, in der Zeit bis zum Verkaufsstart dieses großartigen Wagens (Mitte Oktober) für all diese technischen Großtaten ähnlich großartige Wörter zu finden. Wer mitmachen möchte: Hier oder hier gibt es die beste Beschreibung der Touareg-Errungenschaften. Für Vorschläge jeder Art bin ich jederzeit offen.
Den Anfang macht die Anhaltewegverkürzung (AWV), die im Vorfeld bremswahrscheinlicher Situationen… weiter lesen
23.09.2006 von Detlef Guertler
Tja, das hat man nun davon, wenn man mal nicht im eigenen Weblog, sondern für klassische Printmedien schreibt, wo man seine Texte zwar selbst schreiben, aber eben nicht selbst bearbeiten darf. Da steht dann plötzlich im Vorspann zur heutigen Welt-Kolumne: “Die Hedgefonds brauchen eine neue Startegie.” Startegie ist ein relativ häufiger Schreibfehler; nicht nur, weil es beim schnellen 10-Finger-Schreiben schon mal passieren kann, dass man die Reihenfolge vertauscht (denn T liegt neben R und A neben S), sondern auch, weil man ziemlich häufig Wörter schreibt, die mit Star- beginnen, in erster Linie die Abwandlungen von Star und Start. Deshalb übersieht man beim Korrekturlesen diesen Buchstabendreher auch relativ häufig.
Aber selbst wenn es sich in diesem speziellen Fall eindeutig um einen Druckfehler handelt: Könnte nicht das Wort “Startegie” ein, wenn nicht gar zwei Sprachlöcher füllen? Startegie könnte nämlich sowohl eine Strategie meinen, mit der jemand zum Star gemacht werden… weiter lesen