Regulierungslehre

Die Wortistik ist natürlich nicht die erste Wissenschaft, die ich neu erfunden habe. Gleich eine ganze Palette weiterer Wissenschaften hatte ich in meinem ersten Buch versteckt – allerdings so gut, dass sie bis heute keiner gefunden hat. Aus aktuellem Anlass (Strom, Mobilfunk, Energie und überhaupt) sei hier deshalb die Regulierungslehre wieder ausgegraben, also die Wissenschaft von der rechten Menge an Regulierung von Märkten.

Ganz ohne Regulierung geht es nicht. Das wusste schon Adam Smith, der Prophet des freien Marktes, der in seinem „System der natürlichen Freiheit“ dem Herrscher immer noch drei Pflichten auferlegte: „Erstens die Pflicht, die Gesellschaft vor der Gewalttätigkeit oder Invasion anderer unabhängiger Gesellschaften zu schützen. Zweitens die Pflicht, jedes Mitglied der Gesellschaft, soweit es möglich ist, vor Ungerechtigkeit und Unterdrückung anderer Mitglieder der Gesellschaft zu schützen. Und drittens die Pflicht, bestimmte öffentliche Aufgaben und bestimmte öffentliche Institutionen zu erhalten, die nicht im Interesse des einzelnen Individuums liegen, weil sie sich für den einzelnen oder für kleine Gruppen nicht lohnen, obwohl sie sich für die Gesellschaft insgesamt mehr als auszahlen.“
Nun gibt es zwar schier unendlich viele Volkswirte, Betriebswirte, Unternehmer und Manager, die sich in einem Markt bewegen können, es gibt immer noch ziemlich viele, die einen neuen Markt erschließen können, also eine von den übrigen Marktteilnehmern noch nicht besetzte Lücke finden. Aber es gibt so gut wie keinen, der in der Lage wäre, einen neuen Markt einzurichten, oder einen schlecht funktionierenden zu einem gut funktionierenden Markt zu machen.
Da geht es um Regeln, Gesetze, Normen, es geht um Klarheit, um Sicherheit, um Sanktionen bei Regelverstoß und um die Macht, diese Sanktionen auch durchzusetzen.

Wer die unsichtbare Hand der Marktwirtschaft einsatzfähig machen will, muss den Rahmen zimmern, in dem sie sich bewegen kann. Und da niemand in der Welt so viele verschiedene Regulierungsmodelle umgesetzt hat wie Deutschen, von der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen über die Tarifautonomie bis hin zur Bundesnetzagentur, sollten wir eigentlich in der Lage sein, Fachhochschulen für Regulierungslehre einzurichten, in die Studenten aus der ganzen Welt strömen, um zu lernen, wie man es anstellt, dass Märkte auch tatsächlich funktionieren.

Kommentare (5)

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  1. Ihrem Kommentar entnehme ich, daß sie „Regulierung“ nicht als Kontrolle der Umwelt, sondern als Gestaltung innerer Prozesse verstehen.

    Ich bin in der Tat Ihrer Einleitung folgend, von „Marktregulierung“ ausgegangen, wobei Markt, nach meinem Verständnis, zunächst ein öffentlicher, soll heißen, in der Regel jedem zugänglicher Raum ist.

    Innere Organisationsstrukturen wie einen „Markt“ zu behandeln, mag unter bestimmten Gesichtspunkten dem Betriebsergebnis förderlich sein. Ist ein solches Ansinnen nicht schon in der Kosten- und Erfolgsrechnung (Schlagwort: Deckungsbeitrag) für die Entwicklungsabteilung des mittelständischen Produktionsbetriebes um die Ecke zu entdecken? Ist nicht der „Handelsvertreter“ typischer Protagonist dieser Philosophie? Es ist zu begrüßen, das alte Wahrheiten von neuen Markt-Designern aufgegriffen werden, Qualität setzt sich eben durch.

    Der „planwirtschaftlichen Kommandoökonomie“, falls sie auf innere Organisationsstrukturen überhaupt anwendbar ist, steht in einer freien Welt die individuelle Entscheidung, den Arbeitgeber zu wechseln, gegenüber. Weil die individuelle Freiheit mit der Qualifikation wächst, läuft ein Unternehmen mit „Kommandostruktur“ – soweit dieser Begriff Ausübung von Macht über Arbeitnehmer bezeichnen soll – schnell Gefahr, qualifizierte Mitarbeiter zu verlieren und aus dem Markt auszuscheiden.

    Insoweit gebe ich Ihnen Recht: Unternehmen sollten nett zu qualifizierten Mitarbeitern sein! 😎

  2. Sie gehen, werter Herr Schlüszler, von der Annahme aus, dass Regulierung etwas ist, was auch in Zukunft irgendwie das gleiche sein wird wie bisher. Davon gehe ich nicht aus. Ohne allzu bildungsbürgerlich werden zu wollen: Wenn Konzerne als Organisationsform das 21. Jahrhundert überleben wollen, werden sie früher oder später gezwungen sein, von der internen Organisation als planwirtschaftliche Kommando-Ökonomie auf eine marktwirtschaftliche Organisationsform überzugehen. Dafür wird mit einer unzähligen Menge von Markt-Modellen experimentiert werden, und dafür braucht man Markt-Designer (wie Prof. Axel Ockenfels von der Uni Köln), und die brauchen mindestens als Nebenfach Regulierungslehre. Und sind mit Sicherheit keine Beamten.

  3. Huuuh! Hier trifft sich das Bildungsbürgertum!

    Regulierung? Sind nicht WuW, ZWeR, WRP und GRUR Fachzeitschriften für Regulierung, also, juristische Fachzeitschriften, die sich mit Kartell- und Wettbewerbsrecht (GWB/UWG) befassen?

    Ich finde unser geteiltes, indirektes System der Marktgestaltung eigentlich(!) ganz gut:

    Vox populi sagt, wo’s langgehen soll. Die Repräsentanten disputieren mit den Lobbyisten und schreiben hübsche Gesetze, die zum Schluß von den Juristen sanktioniert werden.

    Das mit der Legislatur und Judkatur wird natürlich immer komplizierter, weil wir in ständiger Fortschreibung des Rechts die kumulierte Weisheit der Jahrzehnte, und neuerdings aller EU-Staaten berücksichtigen müssen.

    Allein die Stimme des Volkes ist genauso klug wie vor 500 Jahren!

  4. Dann hier der Originaltext zur dritten Pflicht des Staates:
    „The third and last duty of the sovereign or commonwealth is that of erecting and maintaining those public institutions and those public works, which, though they may be in the highest degree advantageous to a great society, are, however, of such a nature that the profit could never repay the expense to any individual or small number of individuals, and which it therefore cannot be expected that any individual or small number of individuals should erect or maintain.“
    Zu finden im Fünften Buch, Kapitel 1, Teil 3 der Wealth of Nations. Oder im Internet unter http://www.adamsmith.org/smith/won-b5-c1-pt-3.htm. Bei adamsmith.org gibt es auch den kompletten Buchtext.

  5. Schöne Erkenntnisse von Mister Adam Smith. Doch bei drittens beschränkt er sich ganz unbestimmt darauf, „bestimmte öffentliche Aufgaben und bestimmte öffentliche Institutionen zu erhalten, die nicht im Interesse des einzelnen Individuums liegen, weil sie sich für den einzelnen oder für kleine Gruppen nicht lohnen, obwohl sie sich für die Gesellschaft insgesamt mehr als auszahlen.” Hier liegt ein Problem. Wer bestimmt, was diese „bestimmten“ Aufgaben sind? Wenn man beobachtet, wie in diesen Zeiten Alten- und Pflegeheime wie Pilze aus der Erde schießen, weil es aufgrund steuerlicher Förderungen rentabel ist, solche Heime zu bauen und zu betreiben, der kommt vielleicht (oder bestimmt) ins Grübeln. Das war ursprünglich kein Geschäft, das sich für kleine Gruppen lohnte. Es ändern sich die Zeiten.

    Bestimmt aber ändert sich immer, was diese „bestimmten Aufgaben“ sind. Wenn wir gute und weise PolitikerInnen hätten, wäre ich als Demokrat dafür, dass diese bestimmen sollen, welche öffentlichen Aufgaben unter den dritten Leitsatz von Adam Smith fallen. Und die Politik muss die Regulierungsbehörden einsetzen und kontrollieren.

    „Ein Glück, dass dafür noch genügend Staat übrig ist.“ Diesen Satz las ich mit Vergnügen vor einigen Tagen im taz-Leitkommentar des geschätzten Chefwortisten zur Entscheidung der Netzagentur zu den „Terminierungsentgelten“ der Mobilfunkanbieter. Der Zweifel an den Selbstheilungskräften des Marktes ist berechtigt und wer sich daran erinnert, dass die Fleischindustrie Herrn Minister Seehofer unlängst versprochen hatte, sich selbst zu kontrollieren, kann bei den neuesten Döner-Nachrichten aus Bayern seinen Brechreiz vielleicht nicht mehr unterdrücken. Ist wirklich noch genügend Staat übrig?

    Dass die Fleischindustrie verspricht, Selbstkontrolle zu betreiben, ist so viel wert, als wenn ein Alkoholiker behauptet, er werde nicht mehr trinken. Es kann klappen; aber Betreuung und Kontrolle wären doch hilfreich. Regulierung muss immer mit Kontrolle und der Möglichkeit zur Sanktion ausgestattet sein. Sonst haben wir Regulierungsleere.

    Der Berufsstand des „diplomierten Regulierungswirtes“ wird natürlich dazu führen, dass diese Fachleute, (die sicherlich Beamte sein wollen/sollen) dann viele Felder entdecken werden, die reguliert werden müssen. Von der Natur haben wir mittlerweile gelernt, dass Regulierung (z.B. von Flüssen) nicht immer tolle Folgen hatte…. Regulierungslehre als Teil der VWL und als Pflichtfach für Politiker ist keine schlechte Idee. Den Regulierungsfachwirt brauchen wir nicht. Wir benötigen demokratischen Konsens über das, was reguliert werden soll.

    P.S.: Ich kenne den Originaltext von Adam Smith nicht und es würde mich interessieren, welche englischen Wörter er für „bestimmte Aufgaben“ verwendet hat..