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vonDetlef Guertler 10.09.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Erinnern Sie sich noch? Damals, als die Alternativ-Bewegung noch eine war, und es nix Schlimmeres geben konnte als irgendwie mit Staat, Nation, Macht und Gesetz in Verbindung gebracht zu werden. Genau – damals haben Sie doch bestimmt auch hin und wieder mal in einer Volxküche gegessen. So was ähnliches wie „Die Nudeln mit Tomatensoße können wir für 50 Pfennig den Teller verkaufen, weil wir die Zutaten eh alle bei Aldi geklaut haben.“ Und das x zeigte, dass man ein anderes Volk im Sinn hatte als das, was üblicherweise darunter verstanden wurde, die eigene Szene nämlich. Ja ja, das waren noch Zeiten…
Was wollte ich eigentlich sagen: Ach ja, Achim Reichel, jetzt auch schon 62, hat jetzt eine Scheibe namens „Volxlieder“ rausgebracht, wo das x zeigt, dass es sich zwar irgendwie um die alten Volkslieder von „Der Mond ist aufgegangen“ bis „Die Gedanken sind frei“ handelt, aber dass sie doch irgendwie anders sind, wegen Reichels versoffener Stimme und heftig umgebrezelter Interpretation. Verkauft sich hervorragend, klingt gar nicht so schlecht und könnte tatsächlich traditionelles deutsches Liedgut für neue Generationen interessant machen – hätte doch was, wenn die Kiddies auf Klassenfahrt „Am Brunnen vor dem Tore“ grölen.
Trotz neudeutschem Wir-sind-doch-eigentlich-ganz-in-Ordnung-Gefühls scheint das x immer noch als ironische Brechung notwendig zu sein, um sich von der Musikantenstadl-Welt zu distanzieren. Mag sein, dass es auch nur für die Reichel-Generation notwendig ist, und die Kiddies auch nichts gegen das Wort Volkslieder einzuwenden hätten, solange nur die Musik in Ordnung ist, aber wenn unsere Oldies auf diesem Weg ihren Frieden mit dem deutschen Volk machen können, nur zu: das x in Volx wäre dann in der Sprache so etwas wie es Joschka Fischer in der Politik war. Das kleine Problem, dass man sich dann mit den Faschos noch darüber einigen müsste, wer jetzt eigentlich das Recht hat, seiner Szene das Wörtchen Volx- voranzustellen, kriegt man ja bestimmt gelöst.
Hier für alle Fälle schon mal die aktuelle Google-Tabelle von Volxwörtern (jeweils Netto-Treffer):

Volxküche: 686 Treffer
Volxmusik: 681 Treffer
Volxsturm: 648 Treffer
Volxlieder: 451 Treffer
Volxwagen: 274 Treffer
Volxtanz: 215 Treffer
Volxfest: 212 Treffer
Volxsport: 206 Treffer
Volxbank: 152 Treffer
Volxeigentum: 127 Treffer
Volxlied: 117 Treffer
Volxfront: 110 Treffer
Volxzählung: 88 Treffer
Volxfeind: 64 Treffer
Volxwirtschaft: 46 Treffer
Volxschule: 39 Treffer
Volxabstimmung: 27 Treffer
Volxbewegung: 24 Treffer
Volxkunst: 22 Treffer
Volxweisheit: 20 Treffer
Volxrepublik: 18 Treffer
Volxbelustigung: 15 Treffer
Volxkunde: 15 Treffer
Volxheld: 15 Treffer
Volxwirt: 13 Treffer
Volxtum: 12 Treffer
Volxlauf: 12 Treffer
Volxentscheid: 11 Treffer
Volxanwalt: 9 Treffer
Volxarmee: 7 Treffer
Volxpolizei: 7 Treffer
Volxherrschaft: 6 Treffer
Volxaufstand: 5 Treffer
Volxreden: 4 Treffer
Volxvertretung: 4 Treffer
Volxaktie: 3 Treffer
Volxkorrespondent: 1 Treffer
Volxdemokratie: 1 Treffer

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https://blogs.taz.de/wortistik/2006/09/10/volxlied/

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kommentare

  • Wenn ich dort Kisuaheli angeben, wird Google die Seite als Kisuaheli identifizieren und werten, egal was da wirklich steht.

    Und wenn man überhaupt nichts angibt, erkennt Google die Seite nicht als „auf deutsch“ oder „aus Deutschland“ — wie soll es auch.

    Was mir aber zum X noch einfällt: Wixer

    Das kommt daher, dass das Wort Schuhwichse ausgestorben ist — und sogar für Leute, die dieses Wort gelesen haben, ist die semantische Verbindung nicht notwendigerweise offensichtlich.

  • Wie Google die Wörter zählt hängt davon ab wie es die Seite identifiziert. Man kann im HTML-Header eine Meta-Information unterbringen, in der die Sprache der Seite angegeben ist. Anhand dieses Metadatums erkennen Bots die angebliche Sprache der Seite. Wenn ich dort Kisuaheli angeben, wird Google die Seite als Kisuaheli identifizieren und werten, egal was da wirklich steht. Somit kann man die Statistiken entsprechend manipulieren.

    Es fehlen in der Informatik immer noch geeignete Mechanismen um die Semantik geschriebener Wörter zu identifiiern und mMn wird sich das ohne KI nicht ändern. Solange sollte man derartigen Automatismen, wie auch Übersetzern, nicht trauen.

    Was mir aber zum X noch einfällt: Wixer

  • Rätsel, dein Name ist Google. Wenn ich nach Volxverdummung suche, bekomme ich nicht 48, sondern 60 Netto-Treffer im Web. Suche nach „Seiten auf deutsch“ bringt 34 Treffer, bei „Seiten aus Deutschland“ nur 28. Erstes Rätsel: Wie kommt Leser Trapp auf 48 Treffer, wenn ich auf 60 komme? Zweites Rätsel: Sollte es tatsächlich nicht-deutschsprachige Seiten geben, die das Wort Volxverdummung verwenden? Die bei mir angezeigten 60 Treffer stehen jedenfalls alle auf deutschsprachigen Seiten. Daraus ergibt sich als drittes Rätsel: Wieso werden bei Web-Suche etwa doppelt so viele Treffer angezeigt wie bei Deutsch-Suche, obwohl das Wort nur auf deutschsprachigen Seiten vorkommt? Wahrscheinlich müssen wir mit der Antwort noch warten, bis der neue Leiter Corporate Communications bei Google Deutschland sein Amt antritt.

  • Danke für die Aufklärung zu den Google-Netto-Treffern. Ist ja interessant.
    Stellt man bei „Volxverdummung“ die Anzeige – wie in den zitierten Kommentaren empfohlen – auf 100 Treffer, werden sogar nur 48 Netto-Treffer angezeigt.

    Wieder was gelernt 😉

  • Zur Brutto-Netto-Frage verweise ich auf die Kommentare zu meinem Beitrag über rooibos
    http://taz.de/blogs/wortistik/2006/08/10/rooibos/
    in denen mir Leser Mondilian nicht nur überzeugend klargemacht hat, dass die hunderttausendfachen Trefferzahlen, die Google anzeigt, wegen unzähliger Mehrfachzählungen überbombastisch sind, sondern auch gezeigt hat, dass sich in der Regel mit relativ geringem Aufwand feststellen lässt, wie viele (halbwegs) unterschiedliche Treffer zu einem Suchwort Google tatsächlich findet. Diese Zahl nenne ich Netto-Trefferzahl.

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