Müllmine

Es ist noch keinen Monat her, dass wir hier erstaunt feststellen durften, dass Müll nicht nur Müll ist, sondern auch Ausgangsmaterial für Marktforschung. Der damals vorgeschlagene Begriff waste-mining hat allerdings nicht das Gefallen der deutschen Entsorgungswirtschaft gefunden. Via FTD versucht sie es deshalb mit einem weit schickeren Anglizismus. Aber lesen Sie selbst: „Die oft belächelte feingliedrige Mülltrennung und die hohen Umweltstandards in Deutschland hätten dazu geführt, dass die deutschen Recycler heute weltweit führend seien. „Urban-mining“ ist der Schlagbegriff für den Boom – die Stadt wird zur Miene.“ Das mit der Miene stecken wir kurzerhand als klassischen redaktionellen Analphabetismus weg, und bleiben lieber beim Urban-mining. Aber auch nicht lang: Denn erstens ist es eine Vergewaltigung des Wortes Stadt, es begrifflich auf den dort produzierten Müll zu reduzieren. zweitens heißt die Mine üblicherweise nach dem Rohstoff, der dort gefördert wird, und drittens ist uns die Stadtmine nicht geheuer – nachher explodiert sie genauso unerwartet wie ihre provinzielle Schwester, die Landmine.

Weit weniger missverständlich wäre es da, von einer Müllmine zu sprechen. Kürzer als Sekundärrohstofflagerstätte ist das allemal, und der Zweck der Neubewortung, im Müll gleichzeitig den Wertstoff zu sehen, wird ebenfalls erreicht. Müllhalden und Müllkippen könnten demnach sofort in Müllminen umbenannt werden. Und dann sehen wir ganz entspannt zu, wie die Rio Tinto Zincs, die Anglogolds, Newport Minings und wie die Rohstoffkonzerne alle heißen, sich um die Förderkonzessionen für die deutschen Müllminen balgen.

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