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vonDetlef Guertler 20.09.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Ein Fehler, der mich stutzen lässt. Stimmt es wirklich, dass es dieses Wort eigentlich nicht gibt? Ein paar hundert Treffer bei Google bringt es immerhin zusammen, bei Nils Holger Moormann wurde es „Word of the Week“ in der 20. Kalenderwoche 2005, im Duden ist es jedoch nicht vertreten, und jeder Korrektor würde ihm ohne Zögern das „bili“ rausstreichen – als Komplexität ist das Wort schließlich schon schwierig genug.

Aber andererseits… Diese lässig hingehauchte Kombination aus Komplexität und Flexibilität hat doch was. Bisher gibt es ja wohl kein Wort, mit dem etwas bezeichnet werden kann, das gleichzeitig komplex und flexibel ist. Das Internet zum Beispiel, oder, ganz klassisch, die Sprache. Ökosystem sind üblicherweise ebenfalls komplexibel, und das Gehirn auch. Möglicherweise ließe sich ja sogar ein vierter Hauptsatz der Thermodynamik formulieren, durch den die Beziehung zwischen Komplexität und Flexibilität definiert werden kann. Die Heisenberg’sche Unschärferelation hat bewiesen, dass wir von einem Teilchen nicht gleichzeitig seinen Ort und seine Geschwindigkeit messen können, vielleicht sollte ich die Gürtler’sche Komplexibilitätsrelation in den Raum stellen, die den latenten Gegensatz zwischen Komplexität und Flexibilität in einen manifesten verwandelt.

Oder wir begeben uns mit der Komplexibilität in die Wirtschaftswelt, wo wir sie als neue Management-Mode groß rauskommen lassen. Natürlich sind Frauen die wesentlich komplexibleren – und damit besseren – Manager, und die postglobalistisch-symbolanalytische Konzernwelt schreit händeringend nach ihnen, um im Wettstreit gegen die Springflut der Ich AGs bestehen zu können. Erstmals würde dann ein ursprünglich falsch geschriebenes Wort der Menschheit einen Nutzen erweisen – es müssten nur die Korrektoren dem Wort sein „bili“ lassen.

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http://blogs.taz.de/wortistik/2006/09/20/komplexibilitat/

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kommentare

  • Ich finde diesen Kommentar so herrlich und amüsant, dass ich ganz glücklich bin, dieses Wort für mich erfunden zu haben.
    Eine Austauschmöglichkeit mit dem Autor des Artikels würde mich in einen Trancezustand eines Kontinuiflexibiliwohlbefindungsmodus versetzen.Ich bin ganz glücklich über Wortschöpfungen.

  • Ah, ich dachte diese Wortneuschöpfung beinhaltet die Kombination vom Komplexi -tät und Kompati -bilität. Damit will ich zum Ausdruck bringen, dass so komplex der Zustand auch ist, selbiger gar nicht kompatibel sein muss. Die Komplexität ergibt sich am zusammbringen, zweier an sich nicht vereinbarer Zustände…

  • Komplexibel

    Interessant. Ja, auch Worte brauchen Innovation. Ich habe gerade das
    Wort: Komplexibilität gebraucht und dachte, mal schauen wie das im Wikipedia gedeutet wird. ich habe das als [Soziökologisch] Psychisch-Physisch also im Geistig-Wissenschaftlichen Ansatz-Gedanke gebraucht. Was natürlich immer nach einem Gegenüber trachtet. Auch wenn wir der deutschen Sprache angehören sprechen wir lange nicht die gleiche wenn auch die selbe Sprache. Das Phänomen wird oft nicht beachtet was ich u.v.a. auch in der Forschung bei meinen Recherchen beobachten konnte, wo der Mensch an seine Grenzen ohne das Universum stößt einer Illusion gleicht. Existenziell unterliegt das der Betrachtungsweise selbst. Eben in der Betrachtung der Gedanken.

  • […] > geschaffen wurden. Da ist es nicht so dumm, Krypto-Rätsel als > Radio-Botschaft zu verschicken. > > Allerdings weiss ich nicht, ob es klug ist, das zu tun. Die > Indianer > haben damals auch so schon früh genug Besuch bekommen… Na, Du erwähnst doch oben selbst das Fermi-Paradoxon. Offensichtlich herrscht in unserer Galaxis kein besonders großes Gedränge an hochentwickelten Zivilisationen, dafür dürfte es aber viele prinzipell bewohnbare Planeten geben. Also, selbst wenn es eine außerirdische Rasse mit der Fähigkeit die Erde zu erobern gäbe, hätte sie es doch viel leichter sich erstmal die Millionen von unbewohnten Planeten unter den Nagel zu reißen, anstatt sich mit uns anzulegen. Außerdem sind wir inzwischen (so hoffe ich wenigstens) auch schon ein bischen schlauer als damals, als die Indianer platt gemacht wurden. Ich denke also mal, daß eine außerirdische Rasse eher an einem Informationsaustausch als an einer Eroberung interessiert sein würde. Irrtümer sind natürlich möglich und wären fatal, aber da gibt es zur Zeit noch andere, deutlich größere Bedrohungen für die Fortexistenz der Menschheit. Z. B. Verpestung unserer Atmosphäre, wilde Experimente mit der Biosphäre: Ausrottung diverser Arten, von denen man keine Ahnung hat, inwieweit sie für die Stabilität des Ökosystems insgesamt existenziell nötig sind, u. s. w. […]

  • Ökosysteme statt Ökosystem…
    ansonsten: stoße auch öfter auf diese kuriose Wortkreation. Sprache ist eben eine Baustelle die nie fertig wird und von Menschen gemacht ist.. und Menschen machen Fehler.

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