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vonDetlef Guertler 27.09.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Alle Welt optimiert. Die Geschwindigkeit eines Browsers, die Prozessabläufe einer Fabrik, die Steuerquote, das Image, die Außendarstellung, den Cash Flow, die Performance, das Preis-Leistungs-Verhältnis, kurz: jegliche Art von Aufwand und Ertrag und alle ihre Verhältnisse werden immer weiter verbessert.
Aber niemand pessimiert. Niemand versucht, etwas immer schlechter zu machen. Zumindest gibt es keiner zu, weshalb dieses Wort, das sich ganz einfach als Umkehrung zur Optimierung bilden lässt, praktisch inexistent ist. Dabei weiß doch jeder Manufactum-Kunde, dass genau das Gegenteil der Fall ist, denn wie heißt doch das geflügelte Motto des Unternehmens: „Es gibt nichts Gutes, das nicht irgend jemand ein bißchen schlechter und ein bißchen billiger machen könnte“ (John Ruskin).
Also könnten wir, als fortschrittliche, konstruktiv kritische Mitglieder von Konsum-, Dienstleistungs-, Wissens- und vielen anderen Gesellschaften, die Wörter pessimieren und Pessimierung doch hervorragend verwenden, um all die Fälle zu beschreiben, in denen das mit der Optimierung eben nicht hinhaut, oder zu hässlichen Nebenwirkungen führt.

Beispiel Gammelfleisch: Eine Optimierung des kurzfristigen Ertrags eines Unternehmens (altes Haltbarkeitsdatum abreißen, neues draufkleben, und ab damit in die Döneria) führt zu einer Pessimierung der Produktqualität (igitt) und des langfristigen Unternehmensertrags (zwangsweise Schließung mit anschließendem Konkurs).
Beispiel Siemens: Eine Optimierung der leistungsbasierten Vergütungsstrukturen des Top-Managements (30 % mehr Cash auf die Kralle) führt zu einer Pessimierung der Stimmung im Unternehmen sowie des Konzern-Images in der Öffentlichkeit. Ein zur Optimierung der internen Kommunikation gedachter Intranet-Blog des CEO Klaus Kleinfeld führt statt dessen zu deren Pessimierung.

Und von all den chinesischen Produktpiraten, die Hemden, Taschen, Software und Transrapide pessimieren, indem sie sie billigst nachmachen, reden wir dabei noch gar nicht. Oder könnte es sein, dass wir zur Pessimierung des Transrapids die Chinesen gar nicht brauchen?

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https://blogs.taz.de/wortistik/2006/09/27/pessimieren/

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kommentare

  • Ja und nein, pessimieren in diesem Sinne bedeutet das man ein System unter den schlechtesten Bedingungen testet. Wenn ich bspw. einen Aufzug für 1000Kg gebaut habe wird er eben 5 Tage lang mit 2000Kg getestet, obwohl ja formal 1000Kg reichen würden.

    Oder wenn ein Motor max. 6500 Umdrehungen pro Minute für 15min laut Spezifikation schafft wird er halt 30min bei 8000 U/min gefoltert um auch wirklich bis an die Grenze zu gehen.

    Von daher wird nicht das zu testende Objekt pessimiert sondern die *Testumgebung* bzw. -bedingungen.

    Gauen klingt nett, ist aber als GAU ein ausgewiesener Spezialfall, der je nach Gebiet unwichtig oder lebenswichtig ist. Flugzeuge oder Medizintechnik wird immer „gegaut“ Fahrradsättel eher selten bis gar nicht. Mal ganz davon abgesehen das der Prüfleiter mit „GAU-Leiter“ auf dem Parka dämlich aussieht 😉

    Mit dem Idiotensicher dauen haben Sie in gewisser Weise recht, zumindest wenn es um Mensch-Maschine-Interaktion geht, aber es gibt zum Glück für uns Infotiker mehr Maschine-Maschine-Kommunikation. Und in den Tests geht es meist (leider) nur darum schlechte/falsche Abgaben abzufangen (z.B. Geburtsdatum vor 1900).

  • Das würde ja bedeuten, dass „pessimieren“ nicht etwa heißt, eine Sache immer schlechter und schlechter zu machen, sondern ganz im Gegenteil, sie so deppensicher zu machen, dass sie auch im schlimmsten aller Fälle noch funktioniert. Das will mir gar nicht gefallen, weil es sich um eine formal völlig klare Analog-Wortbildung handelt, bei der inhaltlich aber gar keine Analogie besteht. Sehr missverständlich. Könnte der Techniker dann nicht statt „pessimieren“ besser „gauen“ sagen – also etwas für den größten anzunehmenden Unfall vorzubereiten? Und der Informatiker sagt „dauen“ für den den dümmsten anzunehmenden User?

  • Zumindest unter Ingenieuren und Informatikern ist der Begriff gebräuchlich, wenn nämlich Tests gefahren werden. Und da betrachtet man ja nicht das Optimum sondern das Worst-Case-Szenario. Und dazu muss man halt pessimieren.

    Die Marketingdroiden würden wahrscheinlich einen Herzkasper kriegen wenn sie das Wort verwenden müssten.

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