Archive for September, 2006

22.09.2006 von Detlef Guertler
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Bildungsboxer

von Detlef Guertler

Habe mich gerade durch die Berliner Rede des Bundespräsidenten gequält. Nein, nicht jene erste der sogenannten Berliner Reden der Bundespräsidenten, in der Roman Herzog seinerzeit den “Ruck” durch Deutschland gehen lassen wollte, und dabei so blöd war, die olle Kamelle vom in der Garage gestarteten Bill Gates aufzuwärmen, obwohl Gates niemals in einer Garage gearbeitet hat (allein schon, weil es in seinem Elternhaus gar keine Garage gab, das mit der Garage war bei Apple und bei Hewlett-Packard), sondern die von vorgestern, die mit “Bildung für alle” überschriebene, die symbolprogrammatisch in Neukölln gehalten wurde.

Doch, ich fühlte mich verpflichtet, das zu tun: Nicht nur weil ich vor zwei Jahren prophezeit hatte, dass mit einer solchen Rede die Deutschen genauso vom Pisa-Schock geheilt werden könnten wie die Amerikaner durch jene Rede Kennedys vom Sputnik-Schock geheilt wurden, in der Kennedy das Apollo-Programm ankündigte. Als Wortist sehe ich mich in… weiter lesen

21.09.2006 von Detlef Guertler
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Soldatenschiff

von Detlef Guertler

Zwischen dem Piraten- und dem Wikingerschiff von Playmobil hat Clemens heute einen länglichen Bauklotzhaufen platziert. “Und was soll das sein, Clemens?” – “Ein Soldatenschiff.” – “Und wo sind die Soldaten?”- “Ach, die sind schon tot, da ist eine fremde Armee gekommen, und da haben sie verloren.” Also haben die Wikinger das Soldatenschiff besetzt und dem Piratenkapitän zum Geschenk gemacht – “die Wikinger und die Piraten, das sind Freunde.”

Nun hat Clemens in diesem Monat garantiert keine Nachrichten gesehen, und das mit dem Zeitungslesen klappt mit fünf Jahren auch noch nicht so recht, er ist also vom Streit um den Libanon-Einsatz der Bundesmarine völlig unbeleckt. Und das ist auch gut so, sonst hätte er am Ende noch technizistische Wörter wie Fregatte, Tender oder Einsatzgruppenversorger verwendet, wie sie uns Erwachsenen von den Nachrichtenagenturen vorgesetzt wurden. Vielleicht können wir uns ja beim nächsten Einsatz der Bundesmarine (oder auch schon während dieses Einsatzes) darauf… weiter lesen

20.09.2006 von Detlef Guertler
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Fettlebigkeit

von Detlef Guertler

Gerade bei Harald Schmidt reingeschaut (besser gesagt, schaue immer noch rein), da betätigte Schmidt sich als Quizmaster, die Kandidatin musste wissen, was das Wort Adipositas bedeutet, und obwohl korrekt “Fettleibigkeit” dastand, sagte sie: “Dann nehme ich A: Fettlebigkeit.”

Ja, warum eigentlich nicht? Wir werden ja nicht dick, weil wir unter krankhafter Fettsucht leiden, sondern weil wir den Versuchungen der Lebensmittelindustrie nicht widerstehen können – weil es uns schmeckt, weil offene Gummibärchentüten zwangsläufig innerhalb von zehn Minuten geleert sein müssen, weil es an jeder Ecke nach Gebackenem oder Gebratenem riecht, weil weil weil. Wer so lebt, dass er geradezu zwangsläufig zunehmen muss, leidet eben unter Fettlebigkeit. Und die wird man nicht los, indem man mal ein paar Tage lang ein paar Kalorien weniger zu sich nimmt, sondern nur, indem man seine Lebenseinstellung ändert. Weshalb wir jetzt auch endlich wissen, warum Diäten grundsätzlich nicht funktionieren.

20.09.2006 von Detlef Guertler
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Komplexibilität

von Detlef Guertler

Ein Fehler, der mich stutzen lässt. Stimmt es wirklich, dass es dieses Wort eigentlich nicht gibt? Ein paar hundert Treffer bei Google bringt es immerhin zusammen, bei Nils Holger Moormann wurde es “Word of the Week” in der 20. Kalenderwoche 2005, im Duden ist es jedoch nicht vertreten, und jeder Korrektor würde ihm ohne Zögern das “bili” rausstreichen – als Komplexität ist das Wort schließlich schon schwierig genug.

Aber andererseits… Diese lässig hingehauchte Kombination aus Komplexität und Flexibilität hat doch was. Bisher gibt es ja wohl kein Wort, mit dem etwas bezeichnet werden kann, das gleichzeitig komplex und flexibel ist. Das Internet zum Beispiel, oder, ganz klassisch, die Sprache. Ökosystem sind üblicherweise ebenfalls komplexibel, und das Gehirn auch. Möglicherweise ließe sich ja sogar ein vierter Hauptsatz der Thermodynamik formulieren, durch den die Beziehung zwischen Komplexität und Flexibilität definiert werden kann. Die Heisenberg’sche Unschärferelation hat bewiesen, dass wir von… weiter lesen

19.09.2006 von Detlef Guertler
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Wissensarbeiterbewegung

von Detlef Guertler

Gehören Sie auch zu jener in Ehren ergrauenden Spezies Mensch, die wehmütig-resigniert feststellen muss, dass mit der Arbeiterbewegung kein Staat mehr zu machen ist, seit sie angefangen hat, den Staat mitzumachen? Dass die Gewerkschaften schwächer und schwächer werden, weil ihre Kerntruppe, die Arbeiter und Facharbeiter, immer mehr an Boden verliert? Wie wär’s denn damit, es statt mit der Arbeiterbewegung mal mit der Wissensarbeiterbewegung zu versuchen? Einen Ansatz dafür hat der Wortist schon vor bald zwei Jahren einmal formuliert:
Wissensarbeiter aller Länder, vereinigt euch! “Mein Kopf gehört mir!” ist die Losung im Kampf gegen den reaktionären Anspruch der Geldbesitzer, sie könnten über euren Kopf, euren Geist, eure Seele verfügen, nur weil sie euch bezahlen. Der Humankapitalismus wird die Fixierung auf Geld, Geld, Geld als Irrweg der Geschichte entlarven. So wie das Bürgertum als damals fortschrittlichste Klasse mit der Französischen Revolution dem Kapital zum Sieg über den Ständestaat verhalf, wird… weiter lesen

18.09.2006 von Detlef Guertler
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Wehmutstropfen

von Detlef Guertler

Leser Marc Gerke hat mich freundlicherweise auf eine mir ansonsten eher fern liegende Publikation aufmerksam gemacht, den Kicker nämlich. Auf dessen Webseite hat er “eine sympathische Stilblüte gefunden, die mir schon öfter aufgefallen ist, die trotz ihrer momentanen Unkorrektheit ein dauerhaftes Duden-Asyl verdient hätte: Ein “richtig gutes Spiel” habe er von seiner Mannschaft gesehen, mit zwei Wehmutstropfen.”

Vielen Dank für diesen Hinweis, den ich gerne nutze, um einige grundsätzliche Erwägungen zur wortistischen Demokratietheorie anzuschließen. Natürlich ist der Wehmutstropfen an sich falsch, da nur der Wermutstropfen im Duden steht, und der seinen Ursprung daher hat, dass ein einziger Tropfen Wermut ein ansonsten süßes Getränk hoffnungslos verbittern kann. Aber andererseits ist der Wehmutstropfen gar kein schlechtes Wort: Ein ansonsten erfreuliches Gesamtbild wird durch einen Hauch Wehmut getrübt, und da Wehmut ziemlich nah am Wasser gebaut hat, passt auch der Tropfen ganz gut.

Und kann der Wehmutstropfen wirklich so falsch sein,… weiter lesen

18.09.2006 von Detlef Guertler
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Müllmine

von Detlef Guertler

Es ist noch keinen Monat her, dass wir hier erstaunt feststellen durften, dass Müll nicht nur Müll ist, sondern auch Ausgangsmaterial für Marktforschung. Der damals vorgeschlagene Begriff waste-mining hat allerdings nicht das Gefallen der deutschen Entsorgungswirtschaft gefunden. Via FTD versucht sie es deshalb mit einem weit schickeren Anglizismus. Aber lesen Sie selbst: “Die oft belächelte feingliedrige Mülltrennung und die hohen Umweltstandards in Deutschland hätten dazu geführt, dass die deutschen Recycler heute weltweit führend seien. “Urban-mining” ist der Schlagbegriff für den Boom – die Stadt wird zur Miene.” Das mit der Miene stecken wir kurzerhand als klassischen redaktionellen Analphabetismus weg, und bleiben lieber beim Urban-mining. Aber auch nicht lang: Denn erstens ist es eine Vergewaltigung des Wortes Stadt, es begrifflich auf den dort produzierten Müll zu reduzieren. zweitens heißt die Mine üblicherweise nach dem Rohstoff, der dort gefördert wird, und drittens ist uns die Stadtmine nicht geheuer… weiter lesen

17.09.2006 von Detlef Guertler
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Oberlippenblondine

von Detlef Guertler

“Hey, das schreibst du nicht”, rief Sunny. “Das ist meine Erfindung! Mein Urheberrecht!” – “Das weißt du doch gar nicht”, entgegnete ich. “Oder hast du geprüft, ob schon jemand anderes das Wort erfunden hat, bevor du es verwendet hast?” – “Nein, hab’ ich nicht. Es ist mir einfach ganz spontan eingefallen.”

“Also gut, Sunny, dann machen wir das so: Ich prüfe heute abend bei Google, ob es für “Oberlippenblondine” schon Treffer gibt. Wenn ja, schreibe ich einfach nur, dass mir auf einem Kindergeburtstag die Gastgeberin eine der noch erwarteten Mütter als aufgespritzte Oberlippenblodine beschrieben hatte. Dass sie genausogut hätte sagen können: “Die sieht aus wie Ute Ohoven, nur zehn Jahre jünger”, dass aber Oberlippenblondine dieselbe Assoziation hervorruft, und das völlig zurecht – schließlich handelt es sich ja um einen Kindergeburtstag in Marbella, da kommt so was schon mal vor.”

“Und was, lieber Detlef, machst du, wenn es sich tatsächlich um… weiter lesen

16.09.2006 von Detlef Guertler
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Hausbildung

von Detlef Guertler

“Find doch mal ne Eindeutschung für Home Schooling”, sagt meine Frau. “Brauchen wir nicht”, antworte ich. “Bei uns ist Home Schooling verboten, also können wir das getrost den Angelsachsen überlassen.” – “Denkste. Das wird demnächst in Deutschland groß rauskommen, da ist es bestimmt besser, schon im Vorfeld das passende Wort zu finden.”

Also gut. Der etwas arg christlich wirkende Verein der Freunde des Home Schooling in Deutschland o.ä. meint, man könne sowohl Hausunterricht als auch Heimschule als auch “Schule zu Hause” sagen, und erzählt im folgenden von der speziell für Grundschüler geeigneten Deutschen Fernschule. Wieso eigentlich Fernschule, wenn die Schule doch genau das Gegenteil von fern sein soll, nämlich im eigenen Heim? Auch die Fernuniversität ist doch wohl eher eine Heimuniversität, in der Heimstudenten in den eigenen vier Wänden lernen. Zumindest aus Nutzer- oder Kundensicht.

Und weil wir bereits seit einigen Jahren im Jahrhundert des lebenslangen… weiter lesen

16.09.2006 von Detlef Guertler
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Liebesgeflüsternacht

von Detlef Guertler

Fragen Sie mich jetzt nicht mehr, wie ich ausgerechnet auf den Bildungsplan 2004 des baden-württembergischen Kultusministeriums zur Kooperation zwischen Bibliotheken und weiterführenden Schulen gestoßen bin. Und fragen Sie mich bitte auch nicht, warum die baden-württembergischen Kultusbürokraten dabei unter dem Punkt “Lesenächte” ein Beispiel aus dem ostsächsischen Hoyerswerda aufführen. In jedem Fall hat die Hoyerswerderaner Stadtbibliothek also schon vor mindestens zwei Jahren das Wort Liebesgeflüsternacht erfunden.

Um was es sich dabei handelt, lassen wir jetzt am besten einfach den baden-württembergischen Bildungsplan erzählen: “Wie bei Lesenächten sonst üblich, starten auch die Liebesgeflüster-Nächte mit einem gemeinsamen Abendbrot und enden am nächsten Morgen mit dem Frühstück – Matratzenlager und Taschenlampengewisper eingeschlossen. Von konventionellen Lesenächten unterscheidet sich die Liebesgeflüster-Nacht im Wesentlichen durch ihren „Stargast“: einen Gynäkologen oder eine Gynäkologin.”

Ach so. Na dann verstehen wir auch, warum sich trotz der aufmunternden Unterstützung durch den baden-württembergischen Bildungsplan 2004 das Wort Liebesgeflüsternacht noch nicht relevant über den… weiter lesen