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vonDetlef Guertler 01.10.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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In der aktuellen Cosmopolitan-Ausgabe übersetzt Meike Winnemuth (im siebentrillionsten launigen Text über eine Frau, die vorm Kleiderschrank steht und nicht weiß, was sie anziehen soll), das Wort „Vintage“ als „oller Fetzen, der schon mal funktioniert hat“. Das kommt als Beschreibung ganz gut hin, aber als Übersetzung weniger. Dabei schreit dieses Wort geradezu nach Eindeutschung – allein schon, weil immer noch keiner weiß, ob es eher englisch (wintidsch) oder eher französisch (wähntahsch) ausgesprochen wird (wintidsch ist richtig). Außerdem wird es sowohl adjektivisch als auch substantivisch verwendet, eben immer dann, wenn es um alte Klamotten geht, die aber nicht irgendwie gebraucht oder getragen aussehen sollen, sondern großartig. Vintage eben.

Also machen wir uns an die Neubewortung. Erster Versuch: edelalt. Das trifft es inhaltlich ganz gut, aber das wird die Kernzielgruppe (Frauen, die vorm Kleiderschrank stehen und nicht wissen, was sie anziehen sollen) nicht verwenden. Auch wenn immer mehr Falten-Models in der Werbung auftauchen, das Wörtchen alt möchte man nicht auf sich beziehen, und schon gar nicht anziehen. Allenfalls Oldie wäre möglich – schließlich heißt der Oldtimer auf englisch auch nicht Oldtimer, sondern vintage car. Aber den einen durch einen anderen Anglizismus zu ersetzen, bringt’s auch nicht.

Zweite Runde: Wenn Menschen nach einem früheren Erfolg einen erneuten Erfolg landen, nennt man das Comeback. Aber Vintage ist kein Comeback, weil die Klamotte ja zwischendurch nicht out war (zumindest nicht gewesen sein muss), sondern die ganze Zeit tragbar war und ist, und es eigentlich auch keine Rolle spielt, ob das Valentino-Kleid von 1987 im Jahr 1998 tragbar gewesen wäre, Hauptsache, es passt jetzt und hier zu diesem Anlass.

Dritter Versuch. Wenn Möbel alt und trotzdem oder gerade deswegen angesagt sind, nennt man sie Antiquität bzw. antik. Ebensolche Klamotten könnten deshalb in Analogie „anschick“ bzw. „Anschiquität“ genannt werden. Leider ist das vom Klang sehr nahe an „angeschickert“, was wiederum etwas ganz anderes bedeutet. Dem ließe sich durch die Umformung in „anchic“ abhelfen, aber auch das wirkt etwas unbeholfen.

Vierter Ansatz: Eigentlich heißt vintage Weinlese, und übertragen Weinjahrgang. Vintage-Klamotten sind also Jahrgangs-Klamotten, wobei für den Angelsachsen offensichtlich klar ist, dass es sich dann um schon etwas ältere Jahrgänge handelt. Den Deutschen, die in dieser Kombination nur den Jahrgangs-Sekt kennen, wäre das beim Wort Jahrgangs-Jeans beispielsweise nicht klar. Denkbar wären allerdings Adjektive wie jahrig oder gejahrt, aber gegenüber diesen wäre unsere Entsprechung aus der Weinsprache allemal besser, nämlich „gereift“. Gwyneth Paltrow in einem gereiften Valentino-Kleid, das ginge.

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