Schlumperei

Mathias Schreibers Spiegel-Titelgeschichte von heute, “Rettet dem Deutsch”, konnte ich immerhin eine neue Anregung entnehmen, die zwar schon etwa 150 Jahre alt ist, mir aber dennoch bislang genau so unbekannt war wie Herrn Schreiber dieses Weblog. Es handelt sich um ein von Arthur Schopenhauer verwendetes, vielleicht sogar geprägtes Wort, und anders als sonst üblich zitiert der Spiegel sogar im Zusammenhang und in ganzen Sätzen: “Die Deutschen zeichnen sich durch Nachlässigkeit des Stils, wie des Anzuges, vor anderen Nationen aus, und beiderlei Schlumperei entspringt aus derselben im Nationalcharakter liegenden Quelle.”

Danke, Herr Schreiber, für diese Wiederentdeckung der Schlumperei, die bislang ein regelrechtes Mauerblümchendasein neben ihrer sich breit machenden Schwester, der Schlamperei, führt. Dabei handelt es sich wahrlich weder um dasselbe Wort noch um dieselbe Bedeutung: Die Schlamperei ist fahrlässig, verantwortungslos und potenziell gefährlich, die Schlumperei hingegen ist nachlässig, gedankenlos und möglicherweise lästig, ärgerlich oder beleidigend, aber in keinster Weise gefährlich. Eine Schlamperei kann einen Zug entgleisen lassen, eine Schlumperei allenfalls die Gesichtszüge.

In der Spiegel-Story gewährte Schreiber das letzte Wort dem Dichter Gottfried August Bürger: “Wenn ihr eure Sprache lieb habe, so tretet dem Schlendrian auf den Kopf und richtet euch nach den Regeln der Vernunft und der einfachen Schönheit.” In diesem Text sei das letzte Wort der “Aktion lebendiges Deutsch” gewährt. Die deutsche Sprache werde unter anderem “vom Spiegel gesteuert, dessen Sprachmarotten seit nunmehr 60 Jahren Zehntausenden deutschsprachiger Journalisten als Vorbild gelten und sich mit ihrer Hilfe bis in die Gemeinsprache hinein ausgebreitet haben.”

Kommentare (38)

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  2. Nach fast Zweijahresfrist nachgetragen:

    Niezsche zum Schlumpfen und zu Schlumpfereien, nicht nur als Stil-Eigenunrat, sondern als Gebahren des „modernen“ Charakters, ja [im Plural:] der “modernen Charaktere”:

    „Eine Umgebung, vor der man sich gehen läßt, ist das Letzte, was man sich wünschen sollte, eine Art Krone für den Überwinder seiner selbst, der sich selber vollendet hat und Vollendung ausströmen möchte. Andere werden zu Scheusälern. Vorsicht in der Ehe. Der Mangel an Pathos und Form in der Familie, in der Freundschaft ist ein Grund der allgemeinen Erscheinung von Schlumperei und Gemeinheit (Eigenschaften des Gebahrens nicht nur sondern auch der modernen Charaktere) – man läßt sich gehen und läßt gehen.“

    (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Fragmente Anfang 1880 bis Sommer 1882, Band 3 – Kapitel 7. [Herbst 1880. Dokument: Notizbuch]

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  4. Gerade noch mal nachgezählt:
    Im aktuellen Slogometer
    http://www.slogans.de/slogometer.php?Year=2010
    sind unter den Top 100 Wörtern in aktuellen deutschen Werbeslogans nur noch 11 (in Worten: elf) englische dabei. Es sei denn man zählt das Internet noch als Anglizismus dazu, dann sind es 12. Und wer will, kann ja auch “Man” als englisches Wort sehen, dann wären es 13. Aber in jedem Fall deutlich, deutlich weniger als noch vor vier Jahren – der Anglizismen-Anteil hat sich halbiert! Ob uns das der Spiegel jemals mitteilen wird?

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  9. Warum denn gleich beleidigt sein, Kollege, nur weil Sie ein halbes Jahr nach Ihrer Titelgeschichte auf ein Weblog stoßen, das Sie eigentlich schon vor Ihrer Titelgeschichte hätten entdecken müssen?
    By the way: Wenn Sie sich
    http://taz.de/blogs/wortistik/2007/04/07/deutschvertising/
    anschauen, können Sie sehen, dass das mit dem übereifrigen Arbeiten der Deutschen an der Marginalisierung der deutschen Sprache vielleicht doch schon Schnee von gestern ist. Wenn Sie Journalist sind, interessiert Sie das. Wenn Sie hingegen ein als Journalist verkleideter Missionar sind, werden Sie natürlich den Teufel tun, sich von Fakten Ihre schönen Thesen kaputtmachen zu lassen.

  10. Wunderbare Debatte über meinen SPIEGEL-Artikel “RETTET DEM DEUTSCH”! Seltsam finde ich, dass ein einziger Flüchtigkeitsfehler – betreffend die Hannoversche Studie über Werbe-Deutsch, das ich – wie der Mitbewerber “Focus” – zur deutschen “Rede” verfälscht habe, obwohl ja Rede und Werbe-Rede immer mehr identisch werden! – gleich als Manipulationsversuch dämonisiert und die Grundaussage des Artikels – an der Marginalisierung der deutschen Sprache im Alltag, in der EU, vor allem in der Wissenschaft, arbeiten die Deutschen selbst übereifrig mit, was ja vielfach dokumentiert wird – damit für widerlegt erklärt wird. Wäre ich einer der diesbezüglichen Leserbriefschreiber, würde ich aufheulen: So reagieren Leute, die, aus welchen Gründen auch immer (Agenten des CIA?),kein Interesse daran haben, dass die deutsche Sprache als eine der wichtigsten Kultursprachen der Welt überlebt. Das tue ich aber nicht. Ich wundere mich nur. Und freu mich über das neue Interesse an diesem elementaren Thema. Nur bitte, liebe Leute: seid keine Erbsenzähler und verzeiht auch mal einen Fehler, dessen wahre Ursache viel banaler ist als Ihr ahnt!
    Gruß an alle!!!
    PS: Wieder Mist? Na, dann mach es besser, Schlaukopf!

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  12. Es ist schon tragisch, dass sich der für mich ansonsten gelungene und wichtige SPIEGEL-Artikel durch diese zentrale Fehlinformation derart selbst entwertet hat.
    Dessenungeachtet liegt das große Verdienst des Artikels m.E. darin, die langsam aber sicher in einen gepanschten Sprachbrei abgleitende Deutsche Sprache mal wieder ganz oben auf die Agenda gebracht zu haben und dieses Thema nicht so dubiosen Leuten wie Erika Steinbach vom Bund der Vertriebenen oder auf der anderen Seite den anglomanen Marketingfuzzis zu überlassen.
    Eine wichtige, ernstzunehmende Erkenntnis aus dem Artikel ist für mich (vorausgesetzt, dass wenigstens diese Statistik stimmt), wie überraschend stark die Ablehnung von Anglizismen innerhalb der Bevölkerung ist (fast 3/4 der Befragten (74%) waren der Ansicht, man sollte “deutsch-englische Mischwörter wie ‘brainstormen’ oder ‘Automaten-Guide’ im Sprachgebrauch vermeiden”).
    Diese Statistik müsste man den entscheidenden Multiplikatoren (Journalisten, Werbetextern etc.) mal um die Ohren hauen, damit sie sich zumindest einmal ihres Sprachgebrauchs bewusst werden – diese Einsicht wäre schon mal ein erster Weg.
    Interessant finde ich weiterhin, dass sich der SPIEGEL an die Spitze der Sprachkritik setzt, wo das Nachrichtenmagazin doch genug damit zu tun hätte, vor der eigenen Tür zu kehren. So wird z.B. eine Rubrik über besonders erfolgreiche Filme an der Kinokasse dort seit kurzem “Box Office” genannt – warum nicht einfach “Kinokasse” oder “Kinoschalter”?
    Für mich ist der Begriff “Box Office” schlicht und einfach eine Belästigung und ich möchte wetten, dass weniger als 10% der Bundesbürger dessen Bedeutung ohne weiteren Kontext erklären könnten. Überdies wäre die deutsche Überschrift nur unwesentlich länger.
    Für mich persönlich ist in diesem Zusammenhang noch eine Frage von Interesse: Wie kann man eigentlich die Anglizismen-Dichte eines Textes adäquat definieren, um eine reelle Vergleichsgröße zu bekommen? Bei dem obigen Zitat von Jil Sander bin ich auf einen Anglizismen-Anteil von etwas über 18% gekommen, indem ich jedes einzelne Wort ohne Ansehen von Größe oder Art gleich gewichtet habe.
    Für eine aussagekräftige Größe müsste man aber wohl in Wortklassen unterscheiden und z.B. Substantive viel höher gewichten als Artikel (der, die, das) oder Präpositionen, da Substantive innerhalb eines Satzes ja viel wichtigere Informationsträger sind als etwa Artikel und Präpositionen, die eher als Schmiermittel dienen.

    Zu Thor Stein: Wäre angebracht gewesen (zumal bei einem Beitrag zur deutschen Sprache), mal ein paar der dutzendfachen Rechtschreib- und Tippfehler zu korrigieren. So ist der Text sehr schwer leserlich.

  13. Als Hauptautor der genannten Hannoveraner Studie “Sprachwahl im Werberslogan” möchte ich klar stellen, dass es darin nicht um englische *Wörter* in der Werbung ging, sondern um den Anteil englischer *Slogans*, beispielsweise “We love to entertain you”. Slogans mit einzelnen Anglizismen (“Gib dir den Kick”) waren in unserem Sample sehr schwach vertreten und wurden nicht gesondert ausgewertet. Für uns war die Hauptfrage also nicht nach “Anglizismen” sondern nach der Sprachwahl: Deutsch oder Englisch?

    Dass der Spiegel die Studie so zitiert hat, wie es halt ins Argument gepasst hat, ist erfreulicherweise in dieser Diskussion deutlich gemacht worden. Die Studie ist übrigens kostenlos in der Hannoveraner Online-Fachreihe Networx erhältlich (Link unten) und slogans.de, deren Daten wir ausgewertet haben, sitzt in Hamburg. Das mit dem “ärgerlichen Flüchtigkeitsfehler” ist mir daher unglaubwürdig.

    Im Übrigen glaube ich, dass das ganze Spiegel-Feature weniger etwas über “die deutsche Sprache” aussagt als über die sprachliche Ideologie seiner Autoren. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Jannis Androutsopoulos, Hannover
    http://www.mediensprache.net/de/networx/docs/networx-41.asp

  14. Was ist eigentlich das deutsche Wort für “Interview”?

  15. Seit Jahren schon die eine Frage: Wo ist die Lesebibliothek des Vizekirchenvorsteher Staars hingekommen? Jetzt wissen wir es, Mathias Schreiber hat sie. Das eine oder andere Bändchen ist aber wohl verloren gegangen. Warum lasen wir nichts von und über Ludwig Reimers oder Eduard Engel, schnarrende Sprachpuristen alter Schule. Statt dessen wird Bastian Sick als “Sprachheld” gewürdigt, jenes Zwiebelfischchen, das sich mit semihumoristischen Beiträgen nach Art von “Meyers Deutsch wird besser” ein breites Mittelschulpublikum gesichert hat. Oder Konrad-Adenauer-Preisträger Daniel Kehlmann, der sich letztens einen Schwank zusammengegoogelt hat, der als Roman verkauft wurde und der alleine schon für sein lottmaneskes Lob der Simpsons nur mit Benjamin angeredet gehört. Da darf der Miegel auch nicht fehlen, einer der wenigen Sozialwissenschaftler, der zu zwei Dritteln vom Großkapital bezahlt wird und auch so “forscht” und spricht. Und Walter Krämer, der neben dem Ordinariat auch noch Zeit für ausgiebige Hobbys hat. Natürlich auch Wolf Schneider – lebt der eigentlich noch?

    Ein nettes Panoptikum. Man warnt vor Überfremdung (durch das Englische), mahnt Sauberkeit (beim Gebrauch des Plurals) und Disziplin (im Tempus) an. An ihrer Sprachkritik sollt ihr sie erkennen. Wo sie herkommen? Aus Krähwinkel natürlich. Da, wo nicht nur die Sterne, sondern auch die “Sprachfibeln” “funkeln” (ein halbgarer Pleonasmus, eine zerschossene Metapher).

    Gruß

    Sascha

  16. Guten Tag,

    an dieser Stelle finde ich passend einen Düsseldorfer Kabarettisten zu zitieren, allerdings ein wenig aus dem Kontext.

    … “Kennen Sie den Spiegel, diese Bravo für Abiturienten?” …

    in diesem Sinne.

    Gruß

    René

  17. Ich hatte mir, als ich den SPIEGEL (Aufreisser: RETTET DEM DEUTSCH) gesehen hatte, ausnahmsweise diese Ausgabe am Kiosk gekauft. Nach dem Lesen des Artikels war ich etwas verwundert, denn laut dem Author sollen sich unter den 100 meist verwendeten Wörtern in deutscher Rede, 23 englische befinden. Hatte ich die letzten Jahre verpennt ? War ich wirklich so verkalkt, das mir spontan nur “cool!” einfiel ? Danke für die Wiedergabe des Gesprächs mit der Spiegel-Dokumentation. Bin nun erleichtert, habe weder gepennt, noch setzt Kalk an, noch scheinen die Unmegen an Werbeslogans an mir zu wirken.

    Noch ein kurzer Hinweis meinerseits zum Thema Verlotterung (oder wie es formulieren würde: Sprachwandel). Die inszenierte Panikmache erreicht inzwischen immer häufiger auch die Redaktionsräume des SPIEGEL, aber auch in ihrem Blog finden sich Menschen, die der Meinung sind, eine Verlotterung finde tatsächlich statt.

    Mir fallen dazu zwei Fragen ein, die ich einfach in die Runde werfe. Vielleicht will jemand darauf antworten. Bin gespannt auf die Antworten.

    Seit mehr als zweitausend Jahren gibt es Klagen ueber den
    Verfall der jeweiligen Sprache. Das ist immer wieder literarisch
    dokumentiert. Können Sie mir das Beispiel einer “verfallenen
    Sprache” benennen ? Mir fällt gerade KEIN Beispiel dazu ein,
    und das ob wohl immer wieder davor gewarnt wurde.

    Sprachkritik ist immer auch Fremdkritik, also am Sprachgebrauch
    ANDERER. Haben Sie sich schon einmal selbst kritisiert, da sie
    im Vergleich zu ihren Grosseltern sicherlich ein “verwahrlostes
    Deutsch” sprechen und schreiben ?

    Gruss,

    Gerald

  18. Der größte Markt verkauft die meißten Prdukte. Da die angloamerikanische Welt in den leztzten 100 jahren massiv das Welt- und Wirtschaftssystem der westlichen welt dominierte ist es auch nicht verwunderlich das sich Anglizismen in der allen Sprachend er Welt finden. Um so mehr Wissen/Produkte und Beziehungen in die englischesprachige wlet bestehen umso mehr werden Fremdwörter übernommen. Dies war zu jeder Zeit so und so funktiuniert Sprache. Außer in Frankreich, z.B. da setzt man dem einen Regel vor durch geziehlte Sprachsteuerung. (Pc=Ordinator)Auch bei uns ist es nicht lange her das wir eine große ANzahl von französichen lehnwörtern in unsere Sprache benutzten und dann aber beim erstarken der Nationalität wieder verbanneten( Bürgersteig – trottoir. Heute sind es nun Anglizismen (das Wort scheint mit lateinischen Ursprungs?) mit denen die Angst vor dem Verlust der nationalen Identität geschürrt und das Deutschgefühl angefacht werden sollen. Populismus in einer seiner “intelektuellen” Formen.
    Also möchte man diesen prozess umkehren oder abwandeln bleibt nur eines zu tun. Innovativ sich an die Weltspitze hangeln mit neuer ökologischer und freier Energie die nächsten Jahrzehnte der Erde dominieren um dann festzustellen das sich in alle Sprachen der Welt deutsche Lehnwörter breit machen.

    Hierhergefunden durch diesen tollen Blog:

    http://www.bildblog.de

  19. Pingback: Stefan Niggemeier » Der „Spiegel“ kann Fehler leider nicht selbst korrigieren

  20. Wie ein Fehler Hände und Füße bekommt und in die weite Welt hinausläuft, zeigt anschaulich die BILD, welche die genannte SPIEGEL-Statistik übernimmt und noch mit einer zünftigen Prise Theaterdonner würzt:
    “Wie ein Todesengel schwebt Englisch auf die deutsche Sprache nieder. Unter den 100 meistgebrauchten deutschen Wörtern ist inzwischen jedes vierte aus dem Anglo-Amerikanischen abgeleitet. Vor einem Vierteljahrhundert war es erst jedes hundertste.”
    (Quelle: http://www.bild.t-online.de/BTO/news/aktuell/2006/10/16/deutsch-sprache-serie1/deutsch-sprache-serie1.html)
    Herrlich auch die folgende Stelle:
    “Verhunzt, gepanscht, gedemütigt: unsere deutsche Sprache. Immer komplizierter, zugleich immer primitiver. Eltern verstehen ihre Kinder nicht. Die Kinder verlachen Lehrer, die in ganzen Sätzen sprechen.” (ebd.)
    Alles genau die Sorte abgehackter Mini-Sätze, die von der BILD in der zweiten Folge (http://www.bild.t-online.de/BTO/news/aktuell/2006/10/17/bild-serie-deutsch/bild-serie-deutsch.html) der Serie “Verlernen wir Deutsch?” explizit als Sprachverhunzung angeprangert werden.
    Wir sehen also: Bei der Sprachkritik bewegt sich die BILD auf oplatendünnem Eis des halben Eindrittelwissens…

  21. An Detlef Guertler: Danke für die Wiedergabe des Gesprächs mit Hauke Janssen. Das erklärt vieles, ohne die feherhafte Recherche zu entschuldigen. Ich war davon ausgegangen, dass sich Schreibers Zahlen auf Neologismen im Deutschen beziehen. Bezogen auf Werbeslogangs machen seine Zahlen Sinn.

    Schade, dass Schreiber dieser Fehler – drei Zeilen in einem 15 Seiten langen Artikel – unterlaufen ist. Ein sehendes Huhn übersieht mitunter auch mal ein Korn. Entwertet wird sein kenntnisreicher Aufsatz dadurch nicht.

  22. Pingback: Sprechtakel

  23. Gerade einen Anruf von Hauke Janssen bekommen, dem Leiter der Spiegel-Dokumentation. Er hat mir erstens bestätigt, dass es natürlich nicht stimmt, dass “unter den 100 am meisten verwendeten Wörtern deutscher Rede 23 englische” sind, wie es der Spiegel behauptete (s. oben), sondern dass es hier um die Wörter in deutschen Werbeslogans ging. Und er hat mir zweitens erklärt, wie es dazu gekommen ist, dass das trotzdem im Spiegel stand: Der Autor hat diese Information aus einer anderen Zeitschrift abgeschrieben, die diese wiederum aus der New York Times übernommen hatte, allerdings falsch übernommen hatte, da die New York Times durchaus in der Lage war, eine Studie der Universität Hannover ordnungsgemäß zu interpretieren. Hätte Spiegel-Autor Schreiber auch nur einen Blick auf die Original-Studie geworfen (die sich Janssen in der Zwischenzeit beschafft hat), wäre ihm dieser Fehler nicht passiert. Aber die Info passte halt so gut in die Geschichte rein, dass man sie besser nicht totrecherchiert…

  24. Zu Jupp Braun: Mir gehts nicht um die Statistiken zur Anglophilie (oder -phobie), sondern um diejenige zu den 100 meistverwendeten Wörtern. Den Vergleich mit Grass finde ich an den Haaren herbeigezogen und unpassend.

    Zu Lothar Lemnitzer: Die Liste hört sich gut an und würde mich erbauen – die übrige Wortistik-Leserschaft wohl auch.

  25. Zu Jupp Braun: Die fragwürdige Statistik, die wortreich meinte, ist sicher nicht die belanglose Frage, ob die Deutschen Anglizismen mögen, sondern die vom Spiegel eindeutig sinnverfälschend manipulierte Zahl von 23 englischen unter den 100 meistverwendeten deutschen Wörtern (s. oben). Wobei in der Hitliste der meistverwendeten Wörter in deutschen Werbeslogans (s. oben) die “Füllwörter” wie und, oder, der, die, das nicht mitgezählt werden.
    Ich kann jeden verstehen, der eine Spiegel-Geschichte verteidigt, deren These seiner eigenen Meinung entspricht. Ich halte jedoch überhaupt nichts davon, dass Journalisten sich die Fakten so hinbiegen, dass sie zu der These passen, die sie gerne verbreiten möchten. Schreiber hat leider genau das getan, und dafür gehört er geprügelt, ob die These sympathisch ist oder nicht.

  26. Zu Wortreich: Schreiber untermauert seine Thesen mit brandneuen repräsentiven Umfragen, die der SPIEGEL eigens für diesen Titel bei TNS Infratest in Auftrag gegeben hat und die u.a. belegen, dass die große Mehrheit der Deutschen die derzeitige Anglomanie satt hat. Dass Schreiber den Popstar der deutschen Sprachkritik dabei nicht ignorieren kann, versteht sich wohl von selbst. Der Autor hätte Bastian Sick sicherlich auch dann gebührend Platz eingeräumt, wenn er Hauskolumnist der taz wäre. Diese schlumperte Kritik erinnert mich ein bisschen an jüngste Diskussionen, in den Grass unterstellt wurde, er hätte sein SS-Vergangenheit nur zwecks Promotion seines neuen Buches enthüllt. Das haben weder Zwiebelhäuter Grass noch Zwiebelfisch Sick nötig.

  27. Pingback: Wortreich | Archiv | Anglizismen-Alarm (II): Rettet dem Deutsch vor die Angelsachsen

  28. Ich glaube nicht, daß es sinnvoll ist, die Verhunzung der Sprache an der Anzahl der in der Rede verwendeten Anglizismen zu messen.

    Zwar schmerzt mich die exzessive Verwendung von Anglizismen, bedenklicher scheint mir aber die grammatische Verödung und das Schwinden des Gespürs für die treffliche Verwendung von Bildern und Fügungen.

  29. In dem Stern-Artikel war von Neologismen die Rede, nicht von “die”, “der”, “von”, “und”. Von den Artikeln zählt “die” freilich schon zu den (aus)sterbenden Arten: Die First Class! :-)

  30. Es wird Zeit, hier etwas klarzustellen (oder klar zu stellen??):

    Unter den häufigsten 100 im Gegenwartedeutschen verwendeten Wörtern befinden sich überwiegend Perlen wie “die”, “der”, “von”, “und” etc., aber kein einziger Anglizismus. Die Liste ist so unspektakulär, dass man damit wirklich kein Aufsehen erregen kann. Wenn es gewünscht wird (ich beobachte diesen Thread), dann kann ich die Liste der häufigsten 100, 1000 etc. Wörter mal an Herrn Gürtler schicken, zur allgemeinen Erbauung.

    Fortsetzung folgt.

  31. Ich halte Schreibers “pessimistische” Bestandaufnahme für eher realistisch. Pessimistisch stimmt mich hingegen die notorische Schönfärberei, die von unseren staatlich finanzierten Sprachinstitutionen Gesellschaft für deutsche Sprache und dem Institut für Deusche Sprache betrieben werden. Sie werden nicht müde, uns in Pressemitteilungen und Interviews zu beteuern, dass das Übermaß an Anglizismen, das in den letzten Jahrzehnten unsere Sprache überflutet hat, eine Bereicherung sei. Tenor: Alles im grünen Bereich, die Sprache lebt!

    “Von Homoehe bis Babyklappe: Neue Wörter
    Was Sprache angeht sind die Deutschen sehr erfindungsreich. Zum Wörtersegen tragen nicht nur die gescholtenen Anglizismen bei: Mehr als 60 Prozent der neuen Wörter des letzten Jahrzehnts wurden im Deutschen gebildet.

    Sprache lebt – das gilt auch für den Erfindungsreichtum im Deutschen. Zum Wörtersegen tragen aber nicht nur die oft gescholtenen Anglizismen bei: 60 Prozent der knapp 700 neuen Wörter, die innerhalb eines Jahrzehnts unsere Sprache bereichert haben, wurden im Deutschen gebildet – nur 40 Prozent sind dem Englischen entlehnt, stellte eine Forschungsgruppe am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) fest. Diese Ergebnisse relativieren die Kritik daran, dass das Deutsche von allen europäischen Sprachen den größten Zuwachs von Anglizismen aufweist.”
    http://www.stern.de/unterhaltung/buecher/518609.html?nv=ct_mt

    Hallo? “Nur” 40 Prozent aller Neologismen sind dem Englischen entlehnt? Man nenne mir eine andere europäische Sprache, die binnen eines Jahrzehnts einen ähnlichen Zuwachs an Anglizismen aufweist. Fazit: Der Weltexportmeister Deutschland ist zugleich ein Weltimportmeister anglo-amerikanischen Sprachguts.

  32. Wenn man nur mal einen Moment nüchtern darüber nachdenkt, wie sich eine Sprache ausnähme, in der nach jedem dritten deutschen Wort ein Anglizismus käme, dann muss man doch kleinmütig einräumen, dass diese Zahl von 25% in höchstem Maße unrealistisch ist.
    Der Duden taxiert den Anteil der Fremdwörter im Deutschen auf 8-9% bei “fortlaufenden Zeitungstexten”, ohne die darin enthaltenen Anglizismen gesondert auszuweisen. Diese Angabe wird wohl näher an der Wahrheit liegen als die SPIEGEL-Zahl.
    Um einen Eindruck von einer Sprache zu bekommen, in der ca. 18,2 % Anglizismen (habe 20 Anglizismen bei insg. 110 Wörtern gezählt) enthalten sind, dieser preisgekrönte (“Sprachschuster des Jahres 1997″) Text von Jil Sander:
    “Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.” (im Magazin der FAZ, 1996)
    Zugegeben: Von dieser hohen Dichte an Anglizismen ist die Alltagssprache in den Medien momentan Gott sei Dank dann doch noch meilenweit entfernt…

    P.S.: Herrlich fand ich im aktuellen SPIEGEL auch die Wortschöpfung unseres Wirtschaftsministers Michael Glos “Man- und Wifepower” (statt “Man- und Womanpower”). Kann schon mal passieren, wenn man sich auf das rutschige Anglizismen-Parkett begibt.

  33. Eine wesentlich validere Zahl findet sich in einer Doktorarbeit aus dem vergangenen Jahr. Guy Tomaschett von der Universität Zürich hat die Texte von Inseraten in Schweizer Tageszeitungen auf die Häufigkeit von Anglizismen hin untersucht. Ergebnis: Von 1989 bis 2005 ist der Anglizismenanteil von 2,9 auf 8,9 Prozent gestiegen, hat sich also ziemlich genau verdreifacht. Das ist zwar nicht Rede, und auch nicht Schrift im allgemeinen, sondern eben nur bezogen auf Inserate in Schweizer Tageszeitungen, belegt aber deutlich den Trend zum Englischen im Deutschen – allerdings nicht das katastrophistische “fast ein Viertel” des Spiegels.
    Download der Dissertation:
    http://www.dissertationen.unizh.ch/2006/tomaschett/diss.pdf

  34. Also vom Spiegel eindeutig “schlumpig” recherchiert!
    Ich meine auch schon mal die Zahl von 10% Anglizismen im normalen Sprachgebrauch gehört zu haben. Gibt´s dazu valide Zahlen?
    Andereseits bin ich davon überzeugt, dass in bestimmten Bereichen (wie z.B. dem Jugend-Radiosender 1Live) die Quote von 25% Anglizismen fast erreicht werden dürfte.

  35. Das mit der Zählung der meistverwendeten Wörter in deutschen WERBESLOGANS gibt es übrigens immer noch. Nennt sich Slogometer, findet sich hier:
    http://www.slogans.de/slogometer.php?Year=2006
    und zeigt das für den Spiegel beunruhigende Ergebnis, dass unter den 100 in deutschen WERBESLOGANS meist verwendeten Wörtern in diesem Jahr nur 22 englische sind. Unter den Top 10 sogar nur eins: Your auf Platz 6.

  36. Tja, mein lieber Coulibaly, da sind Sie, und ich, und vermutlich auch alle anderen Leser, auf eine glatte Lüge des Spiegels hereingefallen. Wenn ich mal den Spiegel im Original zitieren darf: “Schon 2004, so stellte eine Studie der Universität Hannover fest, waren unter den 100 am meisten verwendeten Wörtern deutscher Rede 23 englische, fast ein Viertel – 1980 war es noch eines.”
    Und jetzt ein Original-Zitat aus einer Meldung von 2004 über diese Studie: “Auch wenn deutsche Slogans überwiegen – Technologie, Genussmittel, Mode und Automobile sind die Branchen mit den höchsten Englischanteilen. Werbung für Lebensmittel, Medikamente und politische Parteien setzt dagegen hauptsächlich auf deutsche Slogans. Das zeigt die Studie “Sprachwahl im Werbeslogan” der Universität Hannover. Das Team um Jannis Androutsopoulos, Juniorprofessor für Medienkommunikation, untersuchte auf Basis von Slogans.de knapp 2.500 Slogans aus fünf Jahrzehnten und neun Branchen. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Zunahme englischer Slogans von 3 Prozent in den 1980ern über 18 Prozent in den 90ern bis zu 30 Prozent ab 2000.”
    Quelle:
    http://www.mediaundmarketing.de/news/tickerarchiv/06371/index.php

    Hätte der Spiegel geschrieben, dass unter den 100 meist verwendeten Wörtern in deutscher WERBUNG 23 englische sind, so wäre das handwerklich in Ordnung, inhaltlich aber nicht weiter aufregend. Statt dessen schreibt er, dass dies in deutscher REDE so sei, und das ist glatt gelogen – passt aber dafür zur These der Geschichte.
    Verteilt der Presserat eigentlich auch für sowas Rügen?

  37. Sehr interessant, der Spiegel-Artikel “Rettet dem Deutsch”, dessen pessimistischer Grundtenor sich absolut mit meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zur derzeitigen Situation der deutschen Sprache deckt.
    Besonders beeindruckend fand ich – als Maß für die fortschreitende Durchdringung der Sprache mit Anglizismen – die Zahl der Anglizismen unter den “100 am meisten verwendeten Wörtern deutscher Rede”, die von 1980 bis heute von 1 auf 23 (fast ein Viertel!) gestiegen sei.
    Genau das – und nicht die verschwindend geringen 2.500 Duden-Einträge aus dem Englischen/Amerikanischen (s. Wortistik-Eintrag “Abendland vor Anglizismus”) – spiegelt m.E. die reale derzeitge Sprachsituation wider.
    Bei gleichbleibender Entwicklung wären wir dann in weiteren 25 Jahren bei nahezu 50% Anglizismen unter den 100 meistverwendeten Wörtern angelangt.
    Spätestens dann wäre es an der Zeit, sich ernsthaft Gedanken über die Auswanderung nach Spanien oder Frankreich zu machen, wo die eigene Sprache noch etwas gilt und als Kulturgut gehegt und gepflegt wird…