Königswolke

Mit Clemens auf dem Weg zur Vorschule. Kühl, feucht, schwarze und dunkelgraue Wolken jagen sich vor hellgrauem Hintergrund. „Papa, kuck mal, die Wolke da sieht aus wie ein Fisch.“ – „Welche Wolke? Da sind hunderte.“ – „Na, die Königswolke.“ – „Königswolke?“ – „Königswolke. Die größte Wolke ist die Königswolke. Und die sieht aus wie ein Fisch.“

Es gibt dutzende von Wörtern, um Wolken zu beschreiben. Cumulus, Cumulonimbus, Stratus, Cirrostratus, Schäfchen, und wie sie alle heißen. Ein Wort für die größte Wolke am Himmel ist bislang aber noch nicht dabei. Es mag auch sein, dass die Identifizierung der größten Wolke, der Königswolke also, meteorologisch ohne tieferen Nährwert ist. Aber da das Wort so schön ist, kann man ja einfach den Nutzwert erfinden. Ich hätte da gleich zwei Vorschläge, einmal für Kinder, einmal für Erwachsene.

Für Kinder, ganz einfach: Sucht am Himmel die Königswolke, und wenn ihr euch darauf geeinigt habt, welche das ist, einigt euch darauf, an was euch ihre Form erinnert. Kann ungeheuer Spaß machen, langweilige Auto- oder Bahnfahrten verkürzen, und schult spielerisch in Kommunikationstechnik, Gruppendynamik und kollektiver Fantasieproduktion.

Für Erwachsene, ganz mystologisch: Lasst euch von der Königswolke die Zukunft vorhersagen. Die alten Griechen kannten allein 43 verschiedene, sprachlich und damit offiziell anerkannte Formen der Weissagung, vom Vogelflug bis zur Gedärmbeschau. Wolkenformen werden auch darunter gewesen sein. Also stellen wir uns in die altgriechisch-abendländische Tradition, wenn wir die geheimen Kräfte entschlüsseln, die der Königswolke innewohnen. Sie hat schließlich mehr innere Kräfte als alle anderen Wolken am Himmel, sonst wäre sie nicht die größte geworden. Sowohl ihre Form als auch ihre Geschwindigkeit als auch ihre Flugrichtung als auch die Konstellationen, die zwischen ihr und den beiden nächstkleineren Wolken bestehen (die zusammen das Dreigestirn bilden), können tiefschürfende Wahrheiten über unsere Gegenwart, Vergangenheit und natürlich Zukunft ans Tageslicht bringen.

Glauben Sie nicht? Doch, doch, ganz bestimmt: Wer sich nicht zu blöd ist, Blei zu gießen oder Tarotkarten zu legen, der wird auch in der Königswolke tiefe Geheimnisse entdecken können…

Kommentare (5)

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  1. Wenn wir schon so wolkig in die Luft gehen, wollen wir doch den Ur-Otto der Fliegerei (Lilienthal) auch noch würdigen. Ein wenig bereue ich meinen vorherigen Kommentar. Ich habe mir meine Abschiedsformel kaputt gemacht. Unter den Blinden ist der Einäugige jetzt nur noch – ein Großkollege.

  2. Die Königswolke – ob der klugschweizer Kachelmann das Wort auch mal verwenden wird – so als Wetterfroschkönig?

    Aus den Wolken herauslesen kann man viel, wenn man will. Wobei es davon abhängt, wie glaubwürdig man so etwas in welcher Masse verbreiten kann. Und da stellt sich für mich die Frage, was denn jener Club of Rome sagen wird: Werden diese Dennis Meadowse die Königswolken nur als eine weitere Vokabel in deren Weltuntergangsszenarien verwenden oder stellen diese bei den Wolken irgendwann eine Grenze des Wachstums fest? 😉

    @ polyphem: Monarchie und Respublik schließen sich gegenseitig aus, nicht aber die Demokratie. Das ist auch gut so, denn sonst würde sich das Wetter nicht mit der Demokratie vertragen: Viel schöner als Königs- und Untergebenenwolken ist das Kaiserwetter.

    Nun ja, man muss einem König ja nicht huldigen. Doch ist die griechische Geschichte auch von Monarchen getragen worden. Besonders erwähnenswert finde ich dabei die Ottonen, als da wären Otto Rehakles und dieser bayerische Otto, der Erste, welcher den Griechen die Farben (unserer Wolken und) unseres Himmels gab: weiß und blau.

    Ist diese Reihenfolge und vor allem die Betonung dieser Reihenfolge gar schon ein Bekenntnis zur Monarchie? Und wenn ja: War dieser Vogel Strauß, der Franz, der Josef, der Flughafen, deshalb ein Flieger, weil er sich durch seine Nähe zu den Wolken als König unter gleichen gefühlt hatte? Womöglich hat das eine lange Tradition, wenn sich Ottos Vorgänger, der Ludwig, der Zweite, bei seinen Märchenbauten auch inspirieren lies – von einer Kiniwolke…

    Gruß aus dem Allgäu, W.Wilhelm

  3. Die hübsche Sprachschöpfung eines Vorschülers entzückt natürlich. Als Demokrat möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass ein König für mich nicht das Größte ist. Da wünsche ich mir, dass doch alle Könige wären wie die Königswolke. Die löst sich ganz von allein auf. und sie zeigt uns, wie vergänglich Größe ist. Dies ist keine Weissagung, dies ist Erkenntnis. Wasser zum Wasser… Panta rei.

  4. „Königswolke“, das Wort ist schön und schlicht; es gefällt mir. Ich werde es in meinem Vokabular übernehmen.

  5. Das Wort ist wunderschön! Wahrscheinlich kann man es gar nicht mehr vergessen, wenn man es einmal gelesen hat.