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vonDetlef Guertler 21.10.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Im seltener vom Wortisten, aber dafür umso häufiger von googelnden Seglern besuchten Kollegen-Blog (bitte nicht mit dem Kolleg-Block verwechseln) Terminal Porno wurde dieser Tage einer neuen Wissenschaft das Wort geredet: „Mit seiner sachlich vorgetragenen Kritik entwaffnet Aydemir wesentliche Argumente feministischer Pornokritik wie sie Linda Williams paradigmatisch formulierte (um übrigens heute mit ihren Kollegen die interessantesten Einsichten in dem jungen Forschungsgebiet der Pornologie vorzulegen).“
Nun ist mir in der Tat bislang kein Lehrstuhl für Pornologie untergekommen (oder müsste es in diesem speziellen Fall Lehrcouch heißen?), und, ganz ehrlich, in dem Freiräumchen zwischen Medien- und Sexualwissenschaft dürfte auch maximal Platz für einen Lehrauftrag sein.
Aber dass die Pornologie ein quasi-jungfräuliches Neuwort wäre, kann man beileibe nicht behaupten. Die wohl erste registrierte Nennung stammt sogar von einem Literatur-Nobelpreisträger namens Heinrich Böll, wenn ich  Kurt Martis „Theologie der Zärtlichkeit“ glauben darf. Dort heißt es nämlich: „Heinrich Böll hat eine „Theologie der Zärtlichkeiten Maria Magdalenas“ gefordert, die möglicherweise „eine Theo-Pornologie“ wäre, vor der selbst „die krassesten Schilderungen der Underground-Lyrik verblassen würden.“

Martis Text ist von 1976, Bölls Forderung wahrscheinlich nicht wesentlich älter, hat aber damit doch zumindest 30 Jahre auf dem Buckel. Den Durchbruch für die wissenschaftliche Betrachtung der Pornografie hat Böll damals nicht geschafft – und vermutlich werden ihn die Pornologen von heute auch nicht schaffen.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2006/10/21/pornologie/

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kommentare

  • Dirne im Sinne der Hure? Oder noch im Sinne des Faustschen Gretchens?

    Wird es dann bald auch Bindestrich-Wissenschaften geben? Porno-Marketing oder Wirtschafts-Pornographie? Immerhin entscheidet sich die Überlebensfähigkeit neuer Technologien wie Internet, WWW und Spielekonsolen daran ob Wichsfilmchen drauf laufen.

  • Nee, Nee,
    die Übersetzung ist astrein: Wissenschaftliche Beschäftigung mit Pornographie darf man Pornowissenschaft (wie Politikwissenschaft) oder Pornologie (wie Politologie) nennen, aber natürlich nicht Pornographologie, was eher etwas anderes wäre. Pornologie hat gegenüber der Pornowissenschaft zudem den großen Vorteil, dass sich diejenigen, die diese Wissenschaft ausüben, Pornologen nennen können – Pornowissenschaftler hingegen klänge eher wie die Bezeichnung der Bildzeitung für einen bei Unzüchtigkeitn ertappten Wissenschaftler.
    Ob es Raum für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Pornographie gibt, mag gerne die akademische Gemeinschaft entscheiden. Dass dafür jedoch Steuergelder aufgewendet werden sollten, wage ich zu bezweifeln. Gegen einen komplett drittmittelfinanzierten Lehrstuhl wäre natürlich nichts einzuwenden.

  • Die Bezeichung „Porn Studies“ für ein akademisches Arbeitsgebiet, geprägt von der US-Amerikanerin Linda Williams (Inhaberin eines filmwissenschaftlichen Lehrstuhls) und Titel eines von ihr herausgegebenen Sammelbands, ist von uns als „Pornologie“ übersetzt worden. Hierbei steht, akademischer Konvention entsprechend, die dem altgriechischen λόγος (logos) (= „Wort“, „Rede“) entlehnte „Logie“ für die vernünftige Rede über das Thema, das durch „Porno“ angezeigt wird (von den altgriechischen Stammbegriffen πόρνη (pórne) (= Dirne), πορνος (pornos) (= Hurer), auch Unzüchtiger, πορνηεία (porneía)).

    Über die Berechtigung dieser Übersetzung kann man streiten. Über die Berechtigung einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema kaum. Leider ist die Bundesrepublik verglichen mit den USA (nicht nur) in dieser Hinsicht ein akademisches Entwicklungsland, erinnert sei etwa an die mit der Etablierung von „gender studies“ als legitimes wissenschaftliches Arbeitsgebiet verbundenen Schwierigkeiten.

    Liebe Grüße an den Hüter deutscher Lehrstühle

    Defcon

  • Eine -ologie ist eine Lehre.

    Die Kryptologie besteht aus Kryptographie (wie verschlüssel ich richtig?) und Kryptologie (wie mache ich verschlüsseltes wieder sichtbar?).

    Analog müsste die Pornologie aus Pornographie (wie mache ich Pornos, also eher sowas wie Regie-, Produktions- und Drehbuchkenntnisse) und der Porn-Analyse bestehen, die sich mit den entstanden Pornos befasst. Von daher wäre der Lehrstuhl mMn nach eher Porn-Analyse zu nennen.

    PS: Ich mag Gonzos 🙂

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