Denkloch
von Detlef GuertlerDiesmal ein Vorschlag von Christian Dombrowski, dem ich nicht folge, sondern eine Alternative entgegensetze. Aber lesen Sie erst sein PRO:
“Für Hölderlin war das Schreiben „mühsam“, Brentano nannte es eine „Hundearbeit“ und Luther, beim Übersetzen des Alten Testaments, klagte einmal: „Wie ein groß und verdrießlich Werk ist es, die hebräischen Schreiber zu zwingen, deutsch zu reden! Ist uns wohl oft begegnet, dass wir 14 Tage, drei, vier Wochen haben ein einziges Wort gesucht und gefragt, haben’s dennoch zuweilen nicht funden.“
Wie nennt man diesen Zustand? Für die allzu verbreitete englische Floskel „writer´s block“ hätten wir im Deutschen „Schreibhemmung“, „Schreibblockade“ – beide Ausdrücke finden sich erstaunlicherweise NICHT im Duden… Doch wie steht es mit der kleinen Schwester der Schreibhemmung – mit dem vorübergehenden Nichtweiterwissen, dem Graben nach Gedanken und Formulierungen, wie das (behaupte ich mal!) jeder kennt, der nur einmal einen Hausaufsatz zu schreiben hatte? Für solch eine momentane Verlegenheit schlage ich den Ausdruck „Gedankennot“ vor. Der wiegt leichter als „Schreibblockade“ – und er schließt eine Lücke: Denn für die Ratlosigkeit dessen, der Löcher in die Decke starrt beim Schreiben, gibt es, so scheint mir, bislang keine andere Bezeichnung.”
So weit Dombrowski. Richtig ist, dass uns hier ein Wort fehlt: Wir behelfen uns statt dessen mit Sätzen wie “Mir fällt nichts ein” oder “Ich weiß nicht weiter”. Aber “Gedankennot” für eine “momentane Verlegenheit” – das wäre doch reichlich starker Tobak. Wenn mir der Euro Kleingeld fehlt, um den Einkaufswagen zu befreien, bin ich ja auch nicht in Geldnot; dieser Begriff ist wesentlich gravierenderen finanziellen Problemen vorbehalten (hingegen würde Kleingeldnot durchaus passen). Bei der Not wohnt das Elend gleich um die Ecke, und das will ich nicht beschwören, nur weil mir gerade kein Einstieg für meinen Artikel einfällt.
Deswegen plädiere ich an dieser Stelle für das Denkloch. Das Loch ist ein Problem, aber ein zu behebendes. Man kann es füllen (so wie viele einen kleinen Umweg über den Kühlschrank oder die Süßigkeitenschublade machen, wenn ihnen nichts einfällt), oder man kann herauskrabbeln. Es schreit geradezu danach, mit Wörtchen wie gerade oder momentan verbunden zu werden, ähnlich wie beim verwandten Funkloch, in dem man nicht für immer steckt, sondern nur jetzt gerade, im ICE zwischen Kassel und Fulda. Es ist leicht zu vermitteln (“Na, wie geht’s dir so? Frag nicht! Ich stecke gerade im Denkloch”), und man kann es sogar einem anderen unterstellen, ohne sofort gesteinigt zu werden.
Vor einem halben Jahr hatte die Aktion Lebendiges Deutsch ernsthaft erwogen, das Denkloch als Eindeutschung für “Blackout” zu verwenden, sich aber gut begründet dagegen entschieden: “Soll man einem Redner, der für zwei Sekunden geistig weggetreten ist, wirklich nachsagen, er sei in ein Denkloch gestürzt?” Nein, soll man nicht. Aber dem einsamen Schreiber, der seine Tastatur knetet und sein Hirn zermartert, um das passende Wort, die richtige Überleitung zu finden, dem darf man das nachsagen.
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Ich hatte auch an „Denkloch“ gedacht, Herr Gürtler, den Ausdruck aber dann verworfen, obwohl er schön ist. Er beschreibt den Zustand dessen, der sich das Hirn zermartert, mehr von außen, wie mir scheint; ich wollte aber die Pein des Grübelns selbst wiedergeben. „Na, sitzt du mal wieder im Denkloch?“, so sagt vielleicht ein Lehrer zu einem Schüler, so verwendet man das Wort wohl auch spöttisch, wenn man über Dritte spricht. Da passt der Ausdruck dann gut. Er ist verwandt mit den „Löchern an der Decke“, die bei mir vom Nachdenken übers Denkloch übrig geblieben sind und Sie eventuell bei der Wortbildung geleitet haben? Aber würde man tatsächlich von sich selber sagen, wenn man sich den Kopf zergrübelt: „Ich stecke gerade im Denkloch.“ Hm, das kommt mir letztlich zu „technisch“, zu abgehoben vor (Sie stellen ja auch die Analogie zum „Funkloch“ her), um noch wirklich mit Pein verbunden zu sein. Die Decke mit all ihren Löchern schwebt hoch über dem, der sich da abrackert mit seinen Gedanken. „Hilf mir, ich komm grad nicht weiter in meiner Gedankennot“, so sagt man wohl eher in solch einer Situation. Aber was meinen die anderen?
Das Denkloch ist zweifellos eine schöne Neuschöpfung. Allerdings frage ich mich, ob es auf den oben beschriebenen Zustand des Nicht-Schreiben-Könnens wirklich zutrifft. Aus meiner Sicht ist dieses Problem nicht ein Loch (im Sinne eines Mangels oder vorübergehenden Aussetzers), sondern die momentane Unfähigkeit, die sehr wohl vorhandenen Gedanken mit sprachlichen Netzen einzufangen und damit umzusetzen. Also eine Wortierungskrise. Eine Wortungsunfähigkeit. Eine … ähm … Transkriptionshemmung. Oder so ähnlich
“Des Denkens Faden ist zerrissen.
Mich ekelt lange vor allem Wissen.” (Faust)
Mir fallen viele Wörter hierzu ein, die aber alle schon eine anderweitige Bedeutung haben. “Fadenriss” kennt der Weber. Schuss- und/oder Kettfaden knüpft er neu zusammen und der Webstuhl rattert weiter. In unserer Umgangsprache hat der Fadenriss seine Bedeutung bereits im Sinne von “blackout”. Spätestens seit Heiner Geisler und seiner Erklärung für die “Erinnerungslosigkeit” seines Parteivorsitzenden in Bezug auf Schwarzgeld, darf ich blackout wohl als eingedeutscht ansehen.
Gedanken-Losigkeit hat auch schon eine andere Bedeutung.
Beim Denkloch handelt es sich um einen – hoffentlich vorübergehenden – Mangel. Not klingt zu dramatisch. Es fehlt ja nicht das Denken. Es fehlt ein Einfall bzw. ein Gedanke. Einfallslosigkeit trifft den Zustand eigentlich am besten, wird aber im Allgemeinen bei einer betroffenen Person als dauerhaft angesehen. Einfallsmangel? Gefällt mir nicht. Der Gedankenfluss ist unterbrochen. Das kann zwei Gründe haben. Stau oder Dürre. Ein unterbrochener Fluss kann gestaut oder ausgetrocknet sein. Beim Stau ist etwas vorhanden, das nicht fließen kann. Bei der Dürre fehlt etwas, das fließen könnte. Gedankenstau und Gedankendürre? Das geht hier nicht. Da ich in diesem Kreise davon ausgehe, dass “eben nur Begriffe fehlen”, aber keine Dürre vorhanden ist, “so stellt ein Wort zu rechten Zeit sich ein.” Gedankenstau. Panta rei.
Also bei mir assoziiert sich mit Denkloch definitiv nicht eine Gedankenblockade oder sowas, sondern eher etwas in der Art: “Der Idiot hat wirklich nur ein Denkloch zwischen den Schultern.” Wenn man quasi anzeigen möchte, das der Gemeinte seinen Kopf nur zum Haareschneiden hat.
Mich deucht das gemeine “Denken” oder der gemeine “Gedanke” ist viel zu bedeutungsschwanger, als das er für eine Ideenblockade verwendet werden sollte.
Als Infotiker kennt man aber den Begriff “Deadlock”, der einen Zustand beschreibt, bei dem sich Parameter eines Systems gegenseitig blockieren.
Bsp: Um morgens wach zu werden, muss ich erstmal einen Kaffee trinken. Um die Kaffemaschine anzuwerfen, muss ich erstmal wach sein. Oder halt das berühmte Philosophenproblem (http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophenproblem)
Besagter Deadlock wird tlw. mit “gegenseitiges Sperren”, “Stillstand”, “Stockung” oder “Verklemmung” übersetzt. Ich finde das eine derartige Blockierung durchaus einem Deadlock gleich kommt, von daher wäre ich eher für das nicht so weit reichende Stocken oder Verklemmen. Denn ein Denkloch oder Gedankennot ist mMn doch etwas hochgegriffen. Ideenklemme oder Ideenverklemmung wäre eigentlich mein Favorit.
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