kafka

von Christian Dombrowski

„Kafkaesk“ nennt man eine rätselhaft unheimliche, bedrohliche und zugleich undurchschaubare Situation – wie sie im Werk von Franz Kafka immer wieder geschildert wird. Das Wort hat sich seit langem aus dem literaturwissenschaftlichen Kontext gelöst, aus dem es stammt, und ist Allgemeingut geworden.

Sonderbarerweise besitzen wir aber keinen Ausdruck, der den Gemütszustand eines Menschen beschreibt, der sich inmitten einer kafkaesken Situation befindet. Ich schlage dafür „kafka“ vor – kurz und bündig.

Eine gewisse Schwäche von „kafka“ liegt darin, dass man das Wort weder beugen noch steigern kann. Das gibt es bei anderen Adjektiven auch – meist solchen, die Farbabstufungen kennzeichnen: lila, rosa, türkis, orange… In derlei Fällen verzichtet man auf die Flexion („Gib mir den lila Schal!“) oder hilft sich – wenn es anders gar nicht mehr geht – mit einem Fugen-n („ein noch weitaus rosaneres Schweinchen“).

Gleichviel: Wer künftig, in Zeiten zunehmender studentischer Wohnungsnot, bei einer Uni am Schwarzen Brett einen Anschlag findet wie folgt: „Nachweislich sympathischer Anglist sucht nach großer Enttäuschung neue Bleibe – mir ist schon ganz kafka“ – wird wissen, wie es dem armen Kerl zumute ist.

Kommentare (3)

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  1. Passt eigentlich besser beim Eintrag „Wermutstropfen“ aber ich linke mal einfach hier im akutellen Beitrag:

    Das Wortschatzportal der Uni-Leipzig:
    http://wortschatz.uni-leipzig.de/
    Ein praktisches Werkzeug für Recherchen zur Worthäufigkeit und die Rubrik „Wörter des Tages“ diene der Anregung.

  2. Sind wir nicht alle ein bisschen kafka?

  3. „Mir ist kafka“, nicht „ich bin kafka“. („Ich bin Kafka“ ist freilich unsinnig, es sei denn, man heißt so.) Dem Wort „kafkaesk“ haftet immer etwas von-außen-Beschreibendes an, weil es ursprünglich aus der Wissenschaft kommt. Es gibt kafkaeske Situationen aber auch in der Wirklichkeit, nicht nur in der Fiktion; deshalb (unter anderem) hat Kafka solchen Widerhall gefunden. Das Eigenschaftswort „kafka“ könnte einen kafkaesken Zustand von INNEN beschreiben – als Bezeichnung des Gemütszustandes dessen, der eine solche Situation durchlebt. Daher der Wort-Vorschlag.

  4. Ist denn „kafka“ nicht binär? Also so wie schwanger, entweder ich bin kafka oder ich bin es nicht. Aber ein bißchen kafka? Ist doch eigentlich blödsinnig, da ich halt entweder nur in einer kafkaesken Siuation stecke, oder eben nicht. Oder müssen wir den kafka-Faktor k(x) definieren?

    Sei M ein Humaniod mit k(M)>0,8 …