Jungferntor

Wwwusch, saust Clemens ins Haus: „Papa, Papa, ich habe heute ein Tor geschossen! Mein erstes Tor!!“ – „Toll, Clemens! Wie war das denn?“ – „Also da stand Manuel, und da ich, und dann hat Manuel den Ball zu mir geschossen, und Lucas stand im Tor, und da habe ich unten ganz in die Ecke geschossen, und dann war es ein Tor!“ – „Super! Los, Clemens, das müssen wir feiern.“ – „Aber zuerst muss ich noch ins Fernsehen.“ – „Ins Fernsehen?“ – „Ja. Die Tore werden doch immer im Fernsehen gezeigt.“ – „Auch die Tore von fünfjährigen Jungen im Trainingsspiel auf dem Sportplatz unter der Jugendherberge von Marbella?“ – „Bestimmt. Da muss ich nur die Presse kontaktieren.“

Leider war weder ein Kameramann noch ein Fotograf dabei, um den historischen Moment im Bild festzuhalten. Und sooo käseblättrig ist auch die hiesige Lokalpresse nicht, um Clemens‘ Tor zu melden, selbst wenn er sie kontaktieren würde. Also bleibt nur dieses Medium, um dieses Ereignis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn nicht nur hat Clemens zuvor noch nie ein Tor geschossen, es hat auch noch niemand ein solches Ereignis „Jungferntor“ genannt. Dabei könnte jedes erstmalige Ereignis mit Jungfern- bewortet werden. Nicht nur Jungfernrede und -fahrt, sondern auch -wahl und -fall, -rausch und -predigt, -tor und -sieg. Der Engländer kennt so etwas auch: Galopprennen, an denen nur bislang noch sieglose Pferde teilnehmen dürfen, heißen Maiden Races.

Kommentare (6)

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  1. Ich sehe das ganz pragmatisch, lieber Allgäuer. Wenn ich für jeden Blog-Eintrag, sagen wir, zehn Euro bekommen würde, würden meine Kinder selbstverständlich für jeden Eintrag, der auf ihrem Mist gewachsen ist, zehn Euro bekommen. So halte ich es auch mit den in nämlicher Höhe liegenden Einkünften aus einer Zeitschrift mit „Kindermund“-Spalte, in der von Zeit zu Zeit meine Kinder auftreten. Von einer solchen Honorierung kann natürlich bei diesem Blog keine Rede sein.
    Ich denke hingegen darüber nach, meine Kinder in einer ähnlichen Weise an möglichen Einkünften aus einer möglichen Zweitverwertung zu beteiligen wie diejenigen Leser, die hier eigene Vorschläge einreichen. Aber solange noch keine Zweitverwertung in Sicht ist, ist dieses Nachdenken eher akademisch.

  2. Es fehlt vielleicht noch der Jungfernköpfer.

    @Christian Dombrowski: Kleine Kinder sind in der Tat eine sehr gute Quelle für neue Worte, so wie es auch Schüler einer Fremdsprache (vor allem zusammensetzende Sprachen wie Deutsch, Esperanto, Ungarisch, …) sind. Dass seine Kinder aber nichts davon abbekommen, hat mir der gute Mann schon hier http://taz.de/blogs/wortistik/2006/07/25/schwitzbold/#comment-165 erklärt 😉

    Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm

  3. Vielen Dank an die gesamte Familie Gürtler! Ich bin überzeugt – und beeindruckt!

  4. Um mich herum bzw. auf meinem Schoß stehen bzw. sitzen gerade drei Kinder und beratschlagen, was wir Herrn Dombrowski antworten sollen. „Das hat Papa sich wohl ausgedacht“, meint Lucie. Leonie widerspricht: „Clemens lernt laufend solche Wörter und wendet sie dann an.“ Was mich wiederum daran erinnert, dass Leonie, als sie zweieinhalb war, eines Abends in der Badewanne folgenden Satz sagte: „Um lala zu werden, muss man ganz schön groß sein, sagte Henk und verdrückte sich geschäftig.“ Aber das nur nebenbei.
    Und Clemens? Clemens sagt als erstes: „Der heißt nicht Manuel, sondern Miguel.“ Okay, wird hiermit verbessert. Und das mit der Presse? „Das habe ich auch so gesagt“, sagt Clemens. Was übrigens auch seine Mutter bestätigt. Und die freche Lucie, die meint, dass Papa sich alles ausdenkt, war gar nicht dabei, als Clemens von seinem ersten Tor erzählt hat. Da hatte sie nämlich gerade Ballett.

  5. Ich bekenne: Ich bin Clemens-Fan, schon seit „ich bin satt getrunken“ (22. Juni 06), was schlicht und einfach genial ist und mich damals übrigens dazu verleitet hat, mir die Wortistik näher anzukucken. Aber sollte Clemens wirklich gesagt haben, Herr Gürtler: „Bestimmt. Da muss ich nur die Presse kontaktieren“?! Nicht dass ein aufgeweckter Fünfjähriger sowas nicht sagen könnte – es passt aber nicht zu dem, wie Clemens sich sonst ausdrückt.

  6. Man würde die Entfernung wohl schon in Metern messen können, wenn man dabeigewesen wäre…

  7. Wie fern vom Tor stand denn der Jung‘?