Kleine

von Detlef Guertler

Leonie und Annette stellen sich Rücken an Rücken. Lucie steigt auf ihren Stuhl und legt den beiden ein Buch auf den Kopf. “Leonie ist größer”, kräht sie. “Mama, ich habe dich überholt!”, freut sich Leonie. “Nach Größe geordnet ist unsere Familie jetzt Papa, Leonie, Mama, Lucie, Clemens.” – “Und nach Kleine geordnet ist Clemens der Erste”, stellt Lucie fest.

Mit 8 Jahren muss man noch nicht wissen, dass die deutsche Sprache in ihrer unerforschlichen Weisheit als Gegenteil zur Größe nicht die Kleine verwendet, sondern die Kleinheit. Wenn überhaupt, denn bei den meisten Verwendungen von “Größe” wird gar kein Gegenteil verwendet. Es wird nichts nach Kleinheit geordnet, sondern immer nur nach Größe; es gibt weder eine historische Kleine noch eine historische Kleinheit, sondern nur eine historische Größe; eine unbekannte Größe heißt auch unbekannte Größe, wenn sicher ist, dass sie ziemlich klein ist; und Kleider und Schuhe haben immer nur Größen, nie Kleinen.

Zumindest das sollten wir ändern. Wenn Victoria Beckham und Konsorten sich so weit herunterhungern und -kotzen, dass ihnen Kinderklamotten passen, sollten wir bei diesen Klamotten nicht von Größe, sondern von Kleine sprechen. Und bei aufgeblasen-langatmigen Vorträgen kann das Anti-Kompliment “Das hat Kleine” starke Wirkung erzeugen.


2 Kommentare zu "Kleine"

  1. wobei, Jakob ist 90 Zentimeter klein
    oder Sabine ist 23 Jahre jung, dabei wird es auch immer häufiger benutzt…

  2. seltsam auch, wie negativ vieles gesehen wird:
    wie teuer ist das, wie weit ist es bis, wie spät….
    inanderen Sprachen wird das neutraler behandelt

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